Elektroauto

Mit dem Elektroauto von Grünkraut an die polnische Ostsee

Grünkraut / Lesedauer: 4 min

Für 2000 Kilometer bezahlte Stefan Wirl nur 50 Euro an Energiekosten – Eine solche Reise muss aber akribisch geplant werden
Veröffentlicht:09.09.2016, 13:53
Aktualisiert:23.10.2019, 12:00

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Der 35-jährige Grünkrauter Stefan Wirl hat sich mit seinem Elektroauto, einem Mitsubishi i-Miev, von Grünkraut aus bis ins 1000 Kilometer entfernte Wollin (Polen) an der Ostsee gewagt. Der ehemalige Mitarbeiter der DHBW im Emma-Projekt (E-Mobil mit Anschluss) wollte zeigen, dass mit dem E-Auto auch weite Strecken zurückgelegt werden können, doch für die Reise braucht es Zeit.

„Was vergangenes Jahres noch unmöglich erschien, könnte nun gelingen“, sagt Stefan Wirl. Denn neue Schnellladeinfrastruktur an Raststätten (zum Beispiel Tank & Rast), einigen Volks-und Raiffeisenbanken, Autohäusern, Ikea , McDonald’s und Aldi-Süd machen auch weite Strecken mit vertretbaren Ladezeiten von weniger als 20 Minuten möglich. Gut geplant werden müsse eine derartige Reise aber trotzdem. Bei den Reisevorbereitungen half der Web-Routenplaner des Anbieters „goingelectric“, der ein detailliertes Stromtankstellenverzeichnis bereithält. Obwohl die deutsche Ladeinfrastrukturlandschaft keineswegs einheitlich oder barrierefrei gestaltet ist, verzichtete Wirl bewusst auf Adapterkabel und Sonderlösungen. „Nur das sogenannte Notladekabel für die normale Haushaltssteckdose blieb wie gewohnt im Kofferraum“, berichtete er stolz. Außerdem im Gepäck: eine universale Ladekarte von „The New Motion“, mit der man Zugang zu über 27000 Ladestationen in Europa erhält. Fehlen darf natürlich auch das Smartphone nicht. Denn mit den Apps „Chargemap“ und „Plugfinder“ lassen sich von unterwegs problemlos freie Ladepunkte in der Nähe anzeigen.

Los ging es mit circa 100 Kilometern Reichweite im Akku an einem sonnigen Augustmorgen gemütlich über die Ortschaften Waldburg, Wolfegg und Oberessendorf. Erstes Etappenziel war der Schnelllader auf dem Ikea-Parkplatz in Ulm.

In 18 Minuten auf 80 Prozent

Insgesamt ist zu sagen: „Bei einer Ladeleistung von 50 kW ist der Ladevorgang von null auf 80 Prozent bereits nach etwa 18 Minuten erledigt. Ähnlich dem Einrollen eines Schlafsacks verringert sich die Geschwindigkeit zum Ende hin merklich, was dem Anspruch des Schnellladens widersprechen würde. Daher beenden Fahrzeuge Schnellladevorgänge bei etwa 80 Prozent“, erklärt Wirl.

Mit einem etwas längeren Stopp zum Zwischenladen an einer Ladesäule vor Nürnberg wurde schließlich ein Schnellladepunkt in Nürnberg erreicht. Bis Berlin sollte es ausschließlich mit schnellen 50 kW-Ladepunkten weitergehen. Um stets über eine Reserve-Reichweite zu verfügen, lud Wirl sein Auto immer auf 80 Prozent, obwohl er die nächste Ladesäule auch mit weniger Reichweite im Tank erreicht hätte. Durch die späte Abfahrt in Grünkraut und die entspannte Art der Reise ergab sich eine weniger entspannte, unbequeme Übernachtung im Auto südlich von Leipzig. Das Ettappenziel Berlin wurde also knapp verfehlt. Weil ein gemütliches Ausschlafen unmöglich war, ging es sehr zeitig am nächsten Morgen weiter.

„Für das Laden an einer Säule im Berliner Kronprinzessinnenweg war die Installation einer wenig ausgereiften App erforderlich, ansonsten funktionierte das Laden an allen Ladesäulen äußerst bequem, durch einfaches Anlegen der Roaming- oder Kreditkarte“, so der 35-Jährige.

Von Berlin ging es weiter durch die wunderschöne Mecklenburger Seenplatte bis an die Ostsee . Gegen 16 Uhr am zweiten Tag seiner Reise setzte er in Swinemünde mit der Autofähre auf die Insel Wollin über. Er hatte es geschafft. 1000 Kilometer entfernt genoss er den Sonnenuntergang an der polnischen Ostsee.

Auf der Rückreise zeigte sich, dass in Berlin auch Lidl einen sogenannten Multicharger mit 50 kW gratis für Kunden anbietet. Auch bei Nürnberg fand sich ein gut platziert und nagelneuer Schnelllader, sodass die Fahrt Richtung Stuttgart/Ulm nun ohne langsames Zwischenladen möglich war. „Dank zwei Fahrern auf der Rückreise war ich bereits 24 Stunden nach Abreise in Wollin wieder in Grünkraut“, betonte Herr Wirl – und das mit einem Kleinwagen, der eigentlich nicht für die Langstrecke ausgelegt ist.

Und das Fazit des Reisenden?: Für Privatleute mit etwas Abenteuerlust sind Fernreisen bereits heute elektrisch und noch dazu sehr günstig möglich. Für die insgesamt 2000 Kilometer der Reise beliefen sich die Ladekosten auf etwa 50 Euro. Die Abrechnung erfolgt hierbei per monatlichem Bankeinzug und Kreditkartenabrechnung. Einige Ladevorgänge waren sogar gratis.

Im Landkreis Ravensburg sind insgesamt 141 Elektrofahrzeuge und 375 Hybridfahrzeuge zugelassen (Stand Juli 2016).