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Unmut

Wenn das Wasser überläuft: Ein Ort sucht eine Lösung

Fronreute / Lesedauer: 5 min

Bei Starkregen läuft in Blitzenreute das Rückhaltebecken über. Regenwasser und Abwasser soll in einen Fischweiher geleitet werden. Das gefällt vielen vor Ort nicht.
Veröffentlicht:14.11.2023, 07:00

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Bei starken Regenfällen muss die Kanalisation in Blitzenreute in kurzer Zeit viel Wasser schlucken. Das Regenüberlaufbecken ist mit seinem Fassungsvermögen von 350 Kubikmetern des Öfteren nicht groß genug. Die Folge: Abwasser gemischt mit Regenwasser drückt nach oben in Keller, Garagen oder auf die Straße ‐ oder verschmutzt das in der Nachbarschaft liegende FFH-Gebiet.

Im Ortsteil Blitzenreute ringen Gemeinderat, Bürgermeister und Bürger um eine akzeptable Lösung für das Problem. Im kommenden Jahr läuft zudem die Genehmigung für den Betrieb des Überlaufbeckens aus.

Seit dem Bau des Regenüberlaufbeckens, das unter einem Spielplatz liegt, haben sich die Gegebenheiten in Blitzenreute maßgeblich geändert. Der Ort ist gewachsen. Die neuen Baugebiete seien aber nicht das Problem, erklärt Bürgermeister Oliver Spieß. Denn inzwischen werden Abwasser und Regenwasser in Baugebieten grundsätzlich getrennt in die Kanalisation abgeleitet. Für den älteren Teil des Dorfes gibt es diese Lösung noch nicht.

Grundsätzlich gilt aber auch: Je mehr versiegelte Fläche, also Bebauung, desto mehr Wasser muss von der Kanalisation aufgefangen werden, weil es nicht auf natürliche Weise im Boden gespeichert werden kann. Laut Berechnungen einer Ingenieurin aus dem Jahr 2021 wird für Blitzenreute ein Rückhaltevolumen von 2500 Kubikmetern benötigt, um den technischen Vorgaben gerecht zu werden.

Das Problem wird immer größer

Weil es immer häufiger zu Starkregen kommt, muss die Kanalisation mehr Wasser in kürzester Zeit aufnehmen können. Mindestens 17 Mal sind solche Starkregen in den letzten Jahren im Schnitt vorgekommen, sagt Bürgermeister Oliver Spieß. Für die Zukunft rechnet man mit bis zu 30 Fällen im Jahr. „Bei einem ungebremsten Klimawandel würden die Risiken durch Hitze, Trockenheit und Starkregen im gesamten Bundesgebiet künftig stark ansteigen“, schreibt das Umweltbundesamt auf seiner Webseite.

In Blitzenreute liegt außerdem in direkter Nachbarschaft zum Ort ein besonders sensibles FFH-Gebiet. Die geografische Lage ist schwierig, da es sich um einen Tobel handelt: große Wassermassen, die ungehindert abfließen, können „nicht nur die Flora und Fauna zerstören, sondern auch die umständlich angelegten Sandfänge im stark abfallenden Gelände“, so Oliver Spieß.

Drei Lösungen werden diskutiert

Verschiedene Lösungsansätze werden diskutiert. Mitten im Ort, etwa 50 Meter vom aktuellen Rückhaltebecken entfernt, liegt ein Fischweiher. Die finanziell günstigste Lösung wäre, diesen Weiher fit zu machen für die Aufnahme der mit Abwasser gemischten Wassermassen. Das würde Kosten von etwa 400.000 Euro bedeuten. Direkt angrenzend an den Weiher soll in den nächsten Jahren ein weiteres Baugebiet erschlossen werden.

Eine weitere Variante wäre die Erweiterung eines ebenfalls unterirdischen Rückhaltebeckens des Gewerbegebietes am Rand des Dorfes. Kostenpunkt: 1,6 Millionen Euro. Außerdem in Überlegung: die Ableitung des überschießendes Wasser in den Baienbach. Das sei technisch wie auch naturschutzrechtlich sehr schwierig, sagt Spieß. Der Bau eines neuen oberirdischen Beckens würde etwa 1,3 Millionen Euro kosten. Hier fehlt der Gemeinde der Grund und Boden, „wir bekommen wohl das Grundstück nicht“, so der Bürgermeister. Bleibt also der Fischweiher?

„Die erste Prüfung erfolgt gerade durch unseren Abwasserzweckverband Mittleres Schussental“, erklärt Spieß. Die Kanalisation von Blitzenreute führe in die gemeinsame Verbandskläranlage nach Berg-Kanzach. Abwasserzweckverband werde im nächsten Jahr alle Regenüberlaufbecken der Gemeinden Baindt, Berg, Fronreute und Wolpertswende miteinander vernetzen, um diese besser steuern zu können. Ziel sei es, das zuerst volle Becken zuerst ablaufen zu lassen, solange die anderen noch Luft haben. Dies soll in Zukunft zentral und digital von der Kläranlage geregelt werden und bedeute schon eine Verbesserung der Situation in Blitzenreute, sei aber nicht ausreichend für den Schutz des FFH-Gebietes, erklärt der Bürgermeister weiter.

Naturschützer wollen kein Abwasser im Weiher

Nun ringt das Dorf um eine Lösung. Andre Kappler vom Bund für Umwelt und Naturschutz sagt:

Der Weiher ist ohnehin schon belastet, denn er hat wenig Zufluss. Der Dorfbach, der den Weiher bislang mit frischem Wasser versorgt hat, wird immer weniger und durch zunehmendes Absinken des Grundwassers wird der Effekt noch verstärkt.

Andre Kappler

Davon abgesehen biete der Weiher Lebensraum und sei letzter Zufluchtsort für viele Arten. Vom Tobel in der Nachbarschaft kommen Erdkröten zum Laichen. Durch die zunehmende Bebauung seien viele Arten stark eingeschränkt.

„Weiher müssen saniert und nicht zusätzlich belastet werden“, fügt BUND-Vorsitzender Wolfgang Strobel hinzu. Andre Kappler, als Förster bei Forst BW angestellt, erklärt, Oberschwaben habe ein akutes Wasserproblem. In diesem Zusammenhang sei es leichtfertig, in einen Weiher ungereinigte Abwässer einzuleiten. Der BUND befürwortet die „saubere“ Lösung eines zusätzlichen oberirdischen Beckens und idealerweise eine Aufwertung des Fischweihers durch einen Schilfgürtel. „Sauberes Wasser ist extrem wertvoll. Wir machen uns kein Bild, was das in Zukunft für uns bedeuten wird“, sagt Förster Andre Kappler.

Anwohner fürchten, dass Weiher stinken könnte

Die Anwohner befürchten außerdem, dass der Weiher anfangen könnte, unangenehm zu riechen. Dazu Spieß: „Die Frage, was ist ,stinken’ und wo und wie weit könnte es riechen, ist schwierig, aber auch da sind wir am Prüfen. Die Fachleute gehen im Moment nicht davon aus, dass eine Beeinträchtigung für Anwohner vorliegen würde.“ Die Menge und die Art des Schlammes im Fischweiher, werden aktuell untersucht, weil dieser ausgebaggert werden müsste.

„Dazu kommt, dass wir die ökologische Situation verbessern müssen.“ Dies könne zum Beispiel durch einen zusätzlichen Schilfgürtel geschehen. Weil im Falle der Nutzung als Überlauf das eingeleitete Abwasser „total verdünnt“ sei, gehe er davon aus, dass mit bestimmten Maßnahmen sogar eine Verbesserung der Wasserqualität im Fischweiher erreichbar sei.

Noch sei nichts endgültig entschieden, davor werde es auf jeden Fall eine weitere Bürgerbeteiligung geben, verspricht Oliver Spieß. Außerdem stehe man in enger Abstimmung mit dem Landratsamt. In der Dezembersitzung des Gemeinderates sollen die unterschiedlichen Lösungsvarianten erstmals bewertet werden.