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Musik ein Leben lang

Sie machen seit 75 Jahren Musik: Erwin Jung und Erich Schorpp erinnern sich

Bergatreute / Lesedauer: 4 min

Die beiden 85-Jährigen erzählen von den Kriegsjahren, von ihrem ersten Musikunterricht und wie die Musik ihr Leben bereichert.
Veröffentlicht:01.12.2023, 12:00

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„Ohne Musik wäre unser Leben weniger gut verlaufen.“ Darin sind sich Erwin Jung und Erich Schorpp einig. Beide sind seit 75 Jahren Musikanten. Im Musikverein Bergatreute spielt Erwin Jung als Klarinettist, Saxophonist und Kontrabassist sowie Erich Schorpp als Schlagzeuger. Beim Jahreskonzert bekamen die beiden die Ehrennadel in Gold und Diamant überreicht. Junggeblieben durch die Musik - so ist das Fazit der beiden 85-jährigen Herren, die sich seit frühester Kindheit kennen und auch im späteren beruflichen Leben verbunden waren.

Geboren in unruhigen Zeiten

Geboren 1938 in Bergatreute in unruhigen und schwierigen Zeiten, hatten sie beide das Glück, schon früh zur Musik finden zu dürfen. Obwohl damals das häusliche Singen nur an Weihnachten in den Familien gepflegt wurde, gab es doch musikalische Impulse aus dem Elternhaus. So war der Vater von Erich Schorpp selbst aktives Mitglied im Musikverein; seine beiden Brüder spielten Flügelhorn. Der Onkel von Erwin Jung war damals Dirigent und erkannte schon früh das musikalische Talent seines Neffen.

Schlagzeugunterricht bei einem Müller

Die beiden Jungen bekamen eine musikalische Grundausbildung, die freilich anders war als die heutigen Möglichkeiten. Wie das war, wissen beide noch sehr genau zu berichten. Den ersten Unterricht als Schlagzeuger bekam Erich Schorpp bei einem Müller, der den Jungen während seiner Arbeitszeit beim Takt der Mühle unterrichtete. Auf einer kleinen Trommel lernte er erste, einfache Rhythmen kennen. „Es dauerte natürlich etwas länger“, schmunzelt er. Die beschwerliche Fahrt mit dem Fahrrad und der kleinen Trommel auf dem Gepäckträger nahm er in späteren Jahren zweimal pro Woche auf sich, um das Instrument noch besser zu erlernen.

Erwin Jung hingegen lernte die Notenschrift bei der Frau des Dirigenten, der den Jungen anschließend für die S- Klarinette und später für das S- Saxophon ausbildete. So kam es, dass die beiden jungen Musikanten bereits mit 10 Jahren in der Kapelle mitspielen durften. Begeistert berichten sie, dass sie alle Feste im Jahreskreis mitgestalten durften: Hochzeiten, Beerdigungen, Blutritt und große Musikfeste. Sie waren stets mittendrin im Geschehen.

Sie spielten im Waldbad zum Tanz auf

75 Jahre - Das ist auch eine Zeitreise in eine andere Welt, in eine entbehrungsreiche und schwierige Kindheit, so schildert es Erich Schorpp. „Wir sind halt Kriegskinder.“ Umso dankbarer blicken sie auf die Tatsache, dass durch glückliche Umstände und engagierte Menschen ein Weg in die Musik möglich werden konnte. Wenig Kultur gab es damals, zumal auf dem Land. Die Musikvereine hatten somit eine überaus wichtige und tragende Funktion im kulturellen dörflichen Leben.

Mit Stolz erfüllt die beiden Musikanten, dass sie ihre Instrumente schließlich so gut beherrschten, dass sie in der legendären zehnköpfigen Tanzband „Melodie und Rhythmus“ über viele Jahre im bekannten Waldbad zum Tanz aufspielten. Erwin Jung spielte zusätzlich auch den Kontrabass. Sie schildern diese Zeit als eine unvergessliche Phase in ihrem Leben. Erich Schorpp erinnert sich, wie er nach einer Tanzveranstaltung seine Frau kennengelernt hat.

Die beiden 85-Jährigen haben einen Rat für die Jugend

Während der 75 Jahre haben sie neben der fordernden beruflichen Tätigkeit als Kaufmann oder Schlosser auch viel Verantwortung für den Verein übernommen und viel Zeit und Herzblut investiert. Als Obmann, stellvertretender Vorsitzender, Beirat oder Tourmanager waren sie tragende Säulen der Musikgemeinschaft. Selbst während der Zeit, als Erwin Jung in der Schweiz gearbeitet hat, hat er keine Probe versäumt und hat, ebenso wie Erich Schorpp, der als Kaufmann eine leitende Funktion innehatte, der Musik stets Priorität eingeräumt. Viel Idealismus war nötig. Aber sie werden nicht müde zu betonen, wie sehr sie die Musik als Kraftquelle erlebten.

„Immer dabei sein, immer die Situation ergreifen und aktiv sein.“ Dieses Statement von Erich Schorpp ist auch sein Rat für die jüngere Generation, und vielleicht ist es auch das Geheimnis für jugendliche Frische bis ins hohe Alter. „Wir können nur jedem Jugendlichen empfehlen zu musizieren, denn Musik ist im besten Sinne Persönlichkeitsbildung. Die musikalischen Erlebnisse waren wunderbare Höhepunkte in unserem Leben.“

Auf die Frage, wie lange sie noch musizieren wollen, antworten sie mit großer Entschiedenheit: „Noch lange!“