Renaturierung

80 Prozent der Bäche in schlechtem Zustand

Baindt / Lesedauer: 5 min

Landkreis Ravensburg unterscheidet sich nicht vom Land – Wener Baur fordert bewusste Renaturierung
Veröffentlicht:02.08.2017, 18:42
Aktualisiert:23.10.2019, 03:00

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80 Prozent der Bäche und Flüsse im Landkreis Ravensburg sind in einem schlechten ökologischen Zustand. Das sagt Gewässerexperte Werner Baur aus der Gemeinde Fronreute und beruft sich auf deutschlandweite Zahlen. Laut Bundesumweltamt sind nur sieben Prozent der deutschen Flüsse und Bäche in einen „guten“ oder „sehr guten“ ökologischen Zustand. Das Problem: In der Vergangenheit sind viele Bäche kanalartig begradigt worden. In der Folge starben viele Lebewesen wie Insekten und auch Fische in den Fließgewässern.

Das will Werner Baur ändern und kämpft für ein intaktes Ökosystem in den Gewässern der Region. Er plädiert für eine konsequente Renaturierung von Fließgewässern. Schließlich schreibt das auch die EU-Wasserrahmenrichtlinie vor, die im Jahr 2000 in Kraft getreten ist. Sie zielt darauf ab, bis 2015 die Gewässer in einen guten ökologischen Zustand zu versetzen. Ausnahmen haben bis 2027 Zeit. „Im Landkreis Ravensburg sind 80 Prozent Ausnahmen“, empört sich Werner Baur, der bis zur Pensionierung Biologie an der Pädagogischen Hochschule in Weingarten lehrte. Außerdem bildet er seit den 1970er-Jahren Gewässerwarte aus und ist Referent für Gewässer beim Landesfischereiverband Baden-Württemberg .

Das Negativbeispiel Schussen

Wichtig sei zudem, dass richtig renaturiert werde. „Sonst ist es besser, wenn man alles so lässt, wie es ist“, sagt Baur. Er hebt überall dort den Zeigefinger, wenn er Katastrophen sieht, wie er es nennt. Denn die gebe es zuhauf im Landkreis. Festgehalten hat er positive wie negative Beispiele in einem Buch mit dem Titel „Renaturierung kleiner Fließgewässer mit ökologischen Methoden in Berg- und Hügelland“, herausgegeben vom Landesfischereiverband Baden-Württemberg und dem Landesnaturschutzverband. Die zweite Auflage, die jetzt herausgekommen ist, ist allen Kommunen im Land zugegangen – als „Anleitung zum korrekten Handeln“.

Ein besonders negatives Beispiel, das Baur auch in seinem Buch nennt, ist die Renaturierung der Schussen südlich von Aulendorf. Dort fehlt jegliche Bepflanzung. An manchen Stellen hat Werner Baur 35 bis 37 Grad Celsius Wassertemperatur gemessen. Das Wasser ist tot, trotz versuchter Renaturierung. Auch der Edensbach in der Gemeinde Waldburg sei ein solches Negativbeispiel. Dort sei die Bachbreite von 1,20 Meter auf 4,0 Meter erweitert worden. „Wenigstens werden dort jetzt Erlen gepflanzt“, sagt er. Fehlende Durchgängigkeit, fehlende Struktur und Erwärmung des Wassers lassen kein Leben zu. Auch im Landkreis Ravensburg gebe es zig Beispiele dafür.

Oft werde einfach nur für teures Geld gebaggert und Mäander geschaffen. „Es sieht einfach nur schön aus, mehr aber auch nicht“, sagt Baur. Ein Fließgewässer muss sich seinen Weg selber finden. Nach Ansicht von des Gewässerexperten Baur lässt sich mit ganz einfach und vor allem kostengünstigen Mitteln ein Bach renaturieren.

So wie beim Sulzmoosbach in der Gemeinde Baindt . „Das ist ein Paradebeispiel der Renaturierung, hier wurde alles richtig gemacht“, lobt Baur und erklärt, warum er zu dieser Ansicht kommt. Vor der Renaturierung war der Sulzmoosbach wie so viele Bäche im Landkreis Ravensburg kanalartig gerade. „Wer dort angeln wollte, der konnte ohne Fisch wieder nach Hause gehen“, so Baur. Heute sieht die Situation ganz anders: Durch die Renaturierungsmaßnahmen hat sich sogar der Strömer, eine geschützte Art, ohne Zutun des Menschen wieder angesiedelt. Auch die hoch anspruchsvolle Steinfliegenlarve ist in dem Gewässer zu finden.

Baur steigt mit den Gummistiefeln in den Sulzmoosbach, hebt Steine hoch, sucht mit dem Käscher und findet tatsächlich eine Steinfliegenlarve. Das Tier, etwa zwei Daumen breit, krabbelt in der Auffangschale. „Diese Steinfliegenlarve ist etwa drei Jahre alt, das heißt, das Gewässer ist seit mindestens drei Jahren in einem einwandfreien Zustand“, sagt Baur und erklärt, was bei einer Renaturierung zu beachten ist.

Die Natur selbst arbeiten lassen

Das Gewässer in seiner Gegebenheit akzeptieren, nicht verbreitern oder Materialien und Lebewesen hinzugeben/ansiedeln, die nicht im lokalen Ökosystem vorkommen.

Die natürlichen Ausbuchtungen/Struktur des Gewässers erkennen und diesem helfen, diese selbst vergrößern zu können. Das geht mithilfe von Störsteinen und/oder sogenannter Buhnen, also eine Art Holzstämme, die das Wasser unterspülen beziehungsweise umspülen kann. Es können sich Verwirbelungen bilden, die Sauerstoff in das Wasser bringen. Zudem entstehen Vertiefungen, die sich in der Fachsprache „Kolk“ nennen. Dort ist das Wasser kühler als an flachen Stellen.

Durch die Kolke und Störsteine wird auch das Bachbett verändert. Größere Steine sammeln sich an einer Stelle, in der sich beispielsweise Krebsarten ansiedeln können. Im weiteren Bachbett kann sich Kies und Sand ablagern, in dem Fische Laichplätze finden. Zum Beispiel die Bachforelle. Im Schlamm finden Würmer ein Zuhause.

Werner Baur empfiehlt bei allen Maßnahmen das Landratsamt einzubinden, wenn auch die Gemeinden für solche Renaturierungsprojekte zuständig sind. Außerdem müssen Eigentumsverhältnisse geklärt werden. Denn gehören Grundstücke Landwirten könnte es unter Umständen zu Problemen.

In seinem Buch rechnet der Gewässerexperte für seine Renaturierungslösungen mit etwa 10 000 Euro pro Kilometer.

Der Sulzmoosbach in Baindt hat es auf den ersten 900 Metern geschafft, wieder natürlich gesund zu werden. Der Rest des Bachs soll folgen. Der Gewässerexperte Baur wünscht sich, dass viele diesem Beispiel folgen. Denn er macht klar: Auch die kleinen Ökosysteme sind wichtig, denn die Fische brauchen die Insekten zum Überleben und die größeren Fische brauchen die kleinen Fischen. Alles hängt miteinander zusammen. Der Sulzmoosbach fließt in die Bampfen, die wiederum in der Schussen aufgeht, die in den Bodensee fließt, durch den der Rhein bis in die Nordsee fließt.

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