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Evolutionstheoretische Ansätze

Kinderarzt Herbert Renz-Polster gibt gestressten Eltern Tipps zur Erziehung

Bad Waldsee / Lesedauer: 4 min

Kinderarzt und Forscher Herbert Renz-Polster rät Eltern, ab und zu einfach auf Tauchstation zu gehen. Warum, erzählte er anschaulich in Bad Waldsee.
Veröffentlicht:09.12.2023, 15:00

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Herbert Renz-Polster schaut gerne zurück. Dabei ist der große, schlanke Kinderarzt und Forscher alles andere als gestrig. Er ist überzeugt: Wenn wir verstehen, warum der Mensch evolutionsbedingt so handelt wie er handelt, können wir vieles besser einordnen. Konkret meint er kleine brabbelnde Kinder, die gerne neugierig in Steckdosen greifen oder scheinbar absichtlich Türme oder Teller vom Tisch fegen. Kurz: die Erforschung von Säuglingen und Kindern und deren Beziehungswelten faszinieren den Pädiater, der in der Nähe von Ravensburg lebt.

Anschaulich, lehrreich und witzig riss der Pädiater Herbert Polster-Renz die Zuschauer in Waldsee mit.
Anschaulich, lehrreich und witzig riss der Pädiater Herbert Polster-Renz die Zuschauer in Waldsee mit. (Foto: Dorothee Kammel)

Dass der Wissensdurst gerade bei jungen Eltern zu dem Thema groß zu sein scheint, zeigte der gefüllte Raum zu seinem Vortrag im Stadtarchiv in Waldsee. Auch einige Protagonistinnen mit wenig Haar, schlafend, quängelnd oder fröhlich gurrend, waren anwesend und erinnerten die Zuhörerinnen immer wieder daran, um wen es hier eigentlich ging. Organisiert wurde der Vortrag von den Elternberaterinnen Lena Disch und Carina Ludescher in Zusammenarbeit mit der Stadt.

Kinder sind kleine Siedler

Gleich am Anfang nahm er den Eltern etwas von der Last, die heute auf Erziehung liegt.

Die Schätze, die die Kinder mal brauchen, können die Eltern ihnen gar nicht geben.

Herbert Renz-Polster

 Peng. Das saß. Seine Begründung: Weil Kinder wie kleine Siedler sich ein Neuland selbst erlernen müssten.

Zurück zu evolutionstheoretischen Ansätzen: Entwicklung bedeutet Anpassung an eine sich verändernde Umwelt. Die Babys von heute müssten sich an eine Zukunft anpassen, von der man noch gar nicht wisse, was sie mit sich bringe. Aber ganz entließ er die Zuhörerinnen nicht aus ihrer Verantwortung. Man könne Kinder zwar nicht stark machen, das müssten sie schon selber tun, aber eines sei für ein gutes Wachsen, sowohl körperlich als auch emotional und geistig, wichtig - und das sei eine gute Beziehung. Erst wenn Kinder sich wohlfühlen, entwickeln sie sich, so der Kinderarzt.

Vortrag riss mit

Und weil gute Redner gerne mit Bildern jonglieren, streute Polster diese gekonnt ein. Er sprach von Eltern oder Beziehungspersonen als Schleusenwärter am großen Strom der Kindheit. Er verwendete das Bild des Kleeblatts, und drei Fragen, die es zu beantworten gelte. Bin ich sicher, bin ich wertvoll, gehöre ich dazu? Das seien die Grundlagen für ein Gefühl von Heimat. Zustimmendes Glucksen aus einem Tragetuch in der letzten Reihe.

So weit, so schön die Theorie. Wie denn ein bejahendes Nein aussehen könne, wenn ein Kind das dritte Eis am Tag haben wolle, wollte ein junger Vater wissen. Polster nutzte auch hier anschauliche Bilder der Steinzeit. Ein dichtes, schützendes Elternfell solle den Erziehenden wachsen. Das dürften diese sich dann überstreifen, wenn schreiende Kleinkinder auf dem Boden mit den Fäusten trommelten und empfindlich die Nerven aller strapazierten. „Elternfell anziehen“, so Polster, und legte sich ein imaginäres, schützendes Fell über die Schultern. Wichtig sei immer, dass das Kind wisse, dass es ihm grundsätzlich bei Mama, Papa oder anderen Bezugspersonen gut gehe.

Einschlafen bei ratternder Nähmaschine

Polster zog gerne den Vergleich zwischen Kulturen. Er selbst hat das Zusammenleben von indigenen Kulturen erforscht und erlebt. Aus dem Zusammensein im Stammes- oder Gruppenverbund zieht er viel Wissenswertes, auch für westliche Kulturen. Daraus erwachsen auch seine Tipps für gestresste Eltern, die am Rande der Erschöpfung nach zwei Stunden „Schlafbegleitung“ abends aus dem Kinderzimmer taumeln. Das Kind einer Lehrerin sei dann wunderbar eingeschlafen, als sie angefangen habe, sich nicht mehr zu sehr auf das Einschlafritual zu fokussieren und stattdessen Schularbeiten korrigierte.

Entspannte Eltern geben entspannte Kinder, so Polster. Bei einer anderen Mutter schaffte es das regelmäßige Rattern der Nähmaschine, den Säugling in den Schlaf zu brummen. Die Parallele zu indigenen Völkern: Die Erwachsenen würden ihren Alltag wenig unterbrechen, die Kinder kämen trotzdem oder gerade deswegen zur Ruhe, weil sie sich in der Gruppe geborgen fühlten.

Okay ist gut genug

Nun leben wir im Westen selten in Großfamilien oder Gruppen. Oft sind es zwei in Vollzeit arbeitende Eltern, die es ihren Kindern mehr als recht machen wollen. Wir seien in einem Modell gelandet, von dem man eigentlich ständig überfordert sein muss, so der Forscher. „Wir können es eigentlich nur „okay“ machen und sollten jeden Abend feiern, es „okay“ geschafft zu haben“, betonte Polster und erntete dankbare Lacher.

Und ab und zu helfe es Eltern nur, auf Tauchstation zu gehen. Am besten direkt Tiefseetauchen. Idealerweise mit einem wasserdichten Elternfell.