Wichtige Stütze bricht weg

So kommentiert Pfarrer Werner die Auflösung des Waldseer Frauenbundes

Bad Waldsee / Lesedauer: 4 min

Was bedeutet das Ende des Vereins für das Gemeindeleben? Der Geistliche hat dazu eine klare Meinung.
Veröffentlicht:19.09.2023, 09:00

Von:
  • Sabine Ziegler
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Die Auflösung des Waldseer Frauenbundes mangels Ehrenamtlicher, die im neuen Vorstand Verantwortung übernehmen könnten, sorgt über die Kurstadt hinaus für Gesprächsstoff in der Region. Auch der SWR hat bei der langjährigen Vorsitzenden Gaby Merk und bei den beiden Waldseer Pfarrern um ein Interview ersucht zum Thema. Für die SZ wollte Sabine Ziegler von Pfarrer Stefan Werner wissen, was das Ende dieses Zweigvereines für das Gemeindeleben bedeutet und ob weiteren Gruppierungen der Seelsorgeeinheit der Nachwuchs auszugehen droht.

Wie bewerten Sie die Auflösung des Frauenbundes für das Gemeindeleben?

Wir als Verantwortliche der Kirchengemeinde haben uns in der Juli–Sitzung des Kirchengemeinderates mit der drohenden Auflösung befasst. Veronika Linder vom Vorstand des Frauenbundes hat uns informiert und das hat uns im Gremium zunächst wirklich betroffen gemacht. Natürlich ist uns die hohe Altersstruktur des örtlichen Zweigvereins klar. Und natürlich ist es auch in anderen Gruppierungen schwierig, Verantwortliche für Leitungspositionen zu finden. 

Aber der Schritt hin zur Auflösung hat uns dann doch überrascht, wenngleich wir ihn nachvollziehen können.

Pfarrer Stefan Werner

Kommen dadurch jetzt Frauen–Themen zu kurz in St. Peter?

Dem Kirchengemeinderat war schon in besagter Juli–Sitzung wichtig zu betonen, dass diese Themen nach Auflösung des Vereines dann eben in anderer Weise präsent gehalten werden müssen — vielleicht in Form eines Ausschusses, für den es keinen Vorstand braucht. Möglicherweise sind solche Verbandsstrukturen einfach überholt.

Wie hat der Frauenbund das Leben in der Seelsorgeeinheit Bad Waldsee bereichert?

Der Frauenbund ist beziehungsweise war allein schon durch seine Mitgliederzahl eine wichtige Stütze des Gemeindelebens. Bei vielen Aktionen und Festen haben wir die engagierten Frauen kennenlernen dürfen und waren immer begeistert von ihren Ideen. Konkret erinnere ich mich an das eine oder andere Highlight — etwa das 100–jährige Bestehen, das 2017 groß gefeiert wurde mit dem Slogan „mutig–kraftvoll–leidenschaftlich“. Es war mutig, wie sich der Frauenbund in der Frage „Diakonat für die Frau“ positioniert hat bei einer Veranstaltung in Reute mit diözesenweiter Resonanz und einem spannenden Podiumsgespräch.

„Kraftvoll“ lautete ein weiterer Slogan...

„Kraftvoll“ fand ich in den letzten zwei Jahren die Muttertagskonzerte mit der Frauenschola, die inhaltlich vom Frauenbund mitgeprägt wurden. Und „Leidenschaft“ spürte man, wenn es um das Gemeindeleben ging, die Kuchentheke an Fronleichnam, die Palmbüschel an Palmsonntag und die Kaffeekränzchen. Und viel Leben. Vieles aus dem Jahresprogramm habe ich nur am Rande mitbekommen, aber als einer der Verantwortlichen in der Gemeinde habe ich mich gefreut, dass es eine Gruppe gibt, die sich trifft und die im Geist Jesu Christi etwas unternimmt.

Und trotzdem fanden sich mit zwei Ausnahmen keine weiteren Frauen für den neu zu wählenden fünfköpfigen Vorstand?

Das ist ja nicht nur ein Phänomen, das den hiesigen Frauenbund betrifft oder das nur ein Problem der Kirche wäre. Viele weltliche Vereine ringen mit derselben Not, niemanden zu finden für den Vorstand. Wir sprechen schon seit Jahren vom Wandel des Ehrenamts, weil eben solche Vereinsstrukturen dem Freiheitsdrang des Menschen entgegenstehen. Im Blick auf die Kirchengemeinden unserer Seelsorgeeinheit können wir dennoch feststellen, dass wir nach wie vor ganz viele Ehrenamtliche haben, die Verantwortung übernehmen. Aber eben außerhalb von Strukturen, die formal eine Vorstandschaft benötigen. Und ich kenne auch Frauen, die Mitglied im Katholischen Deutschen Frauenbund bleiben, weil sie die Verbands– und Lobbyarbeit positiv bewerten, aber sie brauchen dazu keinen Zweigverein vor Ort.

Sind weitere Gruppierungen unter dem Dach der Kirche vor Ort von Auflösung bedroht?

Es gehört zum Leben, dass es Hochs und Tiefs gibt sowie Anfänge und Schlusspunkte. Das macht auch vor Gruppen einer Kirchengemeinde nicht halt. Aktuell sehe ich ein wenig die Chöre bedroht, die von der Pandemie besonders betroffen waren. Vielleicht heißt es aber auch, das eine oder andere loszulassen, um wieder Kräfte und Energien für Neues zu haben. Ich habe da Vertrauen, dass der lebendige Geist Gottes uns immer wieder Neuaufbrüche schenkt. Das sehe ich aktuell am Kinder– und Jugendchor und in einer engagierten „Maria 2.0“-Gruppe. Ich bin mir also sicher, dass uns das Thema „Frau in der Kirche“ oder die Frage „Was brauchen Frauen heute in unserer Gesellschaft?“ auch in Zukunft beschäftigen werden.