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Hausärztemangel

Notstand: Ärzte nehmen keine Patienten mehr auf

Aulendorf / Lesedauer: 4 min

Laut Kassenärztliche Vereinigung ist kein weiterer Hausarzt für Aulendorf vorgesehen
Veröffentlicht:21.01.2011, 15:35

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In Aulendorf herrscht Hausärztemangel. Was Mediziner schon lange vorausgesagt haben, ist in der Stadt nun Wirklichkeit geworden. Zum 31. Dezember hat Dr. Gerd-Dieter Guddat seine Praxis in Aulendorf geschlossen. Seine Patienten müssen nun anderweitig unterkommen. Die verbliebenen vier Ärzte können jedoch keine Patienten mehr aufnehmen. Und ein neuer Hausarzt kann sich in Aulendorf derzeit nicht ansiedeln.

Grund dafür ist der Versorgungsplan der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Dieser sieht für den Landkreis Ravensburg einen Hausarzt pro 1659 Einwohner vor. Der Landkreis hat 276 176 Einwohner, es sind also 167 Hausärzte vorgesehen. Tatsächlich gibt es im Kreis Ravensburg jedoch 189 Hausärzte. Der Landkreis ist somit aus Sicht der KV überversorgt. Wie sich die Hausärzte im Landkreis verteilen, darauf achtet die KV nicht. Wegen der sogenannten Überversorgung darf sich nur dann ein neuer Hausarzt ansiedeln, wenn ein bisheriger Arzt aufhört seinen Praxissitz und seine Zulassung weitergibt.

Dr. Gerd-Dieter Guddat, der seine Praxis in Aulendorf im Dezember geschlossen hat, gibt seine Zulassung jedoch nicht weiter. Er behält sie und arbeitet seit ersten Januar im medizinischen Versorgungszentrum von Dr. Roland Armbruster in Weingarten . So wird kein Arztsitz frei, der Landkreis Ravensburg bleibt gesperrt und in Aulendorf kann sich kein neuer Arzt niederlassen, selbst wenn er wollte.

Kein Nachfolger gefunden

„Über zwei Jahre habe ich intensiv nach einem Nachfolger für meine hausärztlich internistische Praxis in Aulendorf gesucht Leider hat sich kein einziger Interessent finden lassen“, äußerte sich Guddat schriftlich gegenüber der SZ. „Die Gründe dafür sind allgemein bekannt und wohl nicht nur ortsbezogen. Es schmerzt mich sehr, da ich fast 32 Jahre voll engagiert und gerne hausärztlich tätig war. Leider haben sich die Zeiten geändert, die hausärztliche Tätigkeit entspricht nicht mehr dem Ideal der jungen Kollegen“, so Guddat weiter.

Der 69-Jährige erklärt, er sei noch einige Zeit in Weingarten tätig, um nicht ganz übergangslos in den Ruhestand einzutreten. „Die Zahl meiner Patienten war wirklich so überschaubar, dass ich nicht mit Schwierigkeiten bei der Weiterversorgung rechnen konnte“, schreibt Guddat.

Seine ehemaligen Kollegen in Aulendorf sehen das anders. „Das ist ziemlich heftig“, sagt Dr. Thomas Kaufenstein im Hinblick darauf, dass die Aulendorfer Zulassung jetzt sozusagen in Weingarten ist. „Ich habe selbst seit dem 1. November einen Patientenstop.“ Seine Assistentin habe zum 31. Oktober aufgehört. „Und für mich allein ist das zu viel. Meine Kapazitäten sind erschöpft. Ich kann nicht mehr auslöffeln, was die Politik uns eingebrockt hat.“ In seiner Praxis hat Kaufenstein Zettel mit der Adresse und Telefonnummer der KV ausgelegt. So sollen sich die Patienten direkt an den Verantwortlichen wenden können.

Auch Dr. August Metzler in Steinenbach muss jeden Tag Patienten abweisen. „Es geht von der Menge her einfach nicht mehr“, so Metzler. „Die Zeit reicht einfach nicht.“ Metzler versucht, nach sozialen Gesichtspunkten zu entscheiden. „Man kann nicht ältere Menschen, die bettlägerig sind oder im Rollstuhl sitzen, an einen Arzt in Bad Waldsee verweisen.“ Metzler ist der Ansicht, dass sich erst dann etwas ändern kann, wenn es grundsätzliche Reformen im Gesundheitssystem gibt. „Die KV darf nicht nur auf Landkreise schauen, sondern muss auch zwischen städtischem und ländlichem Gebiet unterscheiden.“ Außerdem müsse Bürokratie abgebaut und der Beruf des Landarztes allgemein attraktiver gemacht werden.

Die Stadt will das Problem am Montag in der Gemeinderatssitzung ansprechen. Viel kann Aulendorf allerdings zunächst nicht machen. „Wir müssen die nächste Sitzung des Zulassungsausschusses abwarten“, so Bürgermeister Matthias Burth. In dieser Sitzung entscheidet die KV im Februar, ob der Landkreis Ravensburg aufgrund des demografischen Wandels nicht doch für neue Hausärzte geöffnet werden sollte. „Dann können wir überlegen, wie wir einen Interessenten für Aulendorf bekommen“, so Burth.