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Interview

„Wir haben die dörfliche Struktur von früher verlassen“

Region Bodensee / Lesedauer: 5 min

Ein Stadtplaner betrachtet die Gemeinden am See. Vor einer gemeinsamen Herausforderung stehen fast alle Kommunen in der Region.
Veröffentlicht:27.11.2023, 12:00

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Die Dörfer sind im Wandel: Während sich auf der Schwäbischen Alb die ländlichen Kommunen immer mehr in Richtung Schlafdörfer, mit reiner Wohnbebauung, entwickeln, haben die Gemeinden am Bodensee mit ganz anderen Herausforderungen umzugehen.

Welche das sind und was alle Gemeinden dann doch wieder eint, das verrät Rudolf Zahner von Sieber Consult.

Im Wasserburger Ortskern wird die Metzgerei verschwinden und der Edeka zieht ins Industriegebiet. Ist das ein Trend für die Gemeinden in der Region?

Das kann man nicht verallgemeinern. Bleiben wir zuerst einmal beim Supermarkt: In Wasserburg zieht der Edeka ja nicht ganz weg. Aus Sicht des Betreibers muss er aber aus dem Ortskern heraus.

Das ist auch das, was wir in der Planung erleben: Die kleinen Supermärkte müssen größer werden. Sie haben alle ein Problem mit dem Fachkräftemangel. Dazu müssen sie ein gewisses Sortiment anbieten und eine entsprechende Größe haben, um attraktiv und rentabel zu sein. Sonst können sie nicht gegen die Großen bestehen.

Aber das geht zulasten der Ortskerne.

Die Kommunen in der gesamten Region kämpfen sehr, um Vollsortimenter entweder an den Ort zu binden oder sie überhaupt zu bekommen. Es muss dafür aber ausreichend Fläche da sein ‐ und diese ist eben meist im Ortskern nicht vorhanden.

Warum gibt es dann hin und wieder trotzdem abgespeckte Supermärkte in den Dörfern?

Sogenannte Tante-Emma-Läden funktionieren nur noch in den ganz kleinen Kommunen, als Support für die örtliche Bevölkerung. Damit diese existieren können, müssen sie oft auf Vereinsbasis laufen, also ehrenamtlich.

Verschwinden aus den gleichen Gründen wie die Supermärkte deshalb auch Metzgereien und Bäckereien in den Kommunen?

In erster Linie haben die kleinen Handwerksbetriebe, wie Metzgereien, ein wahnsinniges Problem mit dem Fachkräftemangel. Das ist in Wasserburg so, genau wie in Kressbronn und in Langenargen. Das stellt alle handwerklich orientierte Betriebe vor große Probleme.

Im Vergleich zu früher kommt es deshalb zu einer Änderung der Dorfstrukturen.

Wir haben die dörfliche Struktur von früher verlassen, das ist richtig. Das zeigt sich schon beim Modell Gaststätten: Das bisherige Modell, dass im Dorfgasthof die gemeindlichen Veranstaltungen und Hochzeiten stattfinden, funktioniert nicht mehr. Das ist mehr oder weniger ausgestorben. Die Kommunen sind aber alle in einer Entwicklung.

Dabei müssen wir unterscheiden: In touristisch geprägten Dörfern, die beispielsweise am Bodensee liegen oder in den besten Allgäuer Lagen, geht die Entwicklung in Richtung Hotel, Wellness und Ferienwohnungen. In anderen Regionen funktioniert das nicht. Da kommen für die klassische Dorfwirtschaft Anfragen zur Umnutzung in Richtung Wohnraum.

Sie sind bei Sieber Consult in 18 Landkreisen und rund 150 Kommunen in Bayern und Baden-Württemberg tätig. Welche regionalen Unterschiede gibt es?

Touristische Hochburgen im Allgäu sowie am Bodensee haben einen Boom während der Corona-Krise erfahren, als Deutschland als Urlaubsziel wiederentdeckt wurde. Im Schussental und Ravensburg stellen wir eine gewisse Zentralisierung um die Städte fest.

Richtung Schwäbische Alb sieht die Welt wieder anders aus. Dort muss man schauen, wie man die Überalterung in den Kommunen schafft, damit Familien bleiben können. Aber insgesamt gilt: Die Probleme bleiben überall ähnlich ‐ auch wenn der Anlass ein anderer ist.

Die Probleme sind welche?

Sowohl am Bodensee als auch in Ravensburg ist es schwierig, bezahlbaren Wohnraum zu finden.

Warum ist das so wichtig?

Für alle Kommunen ist wichtig, dass es einerseits keine Überalterung gibt und die Familien vor Ort bleiben können. Denn überall dort, wo sich junge Familien einbringen können, können die Vereine, die auf das Ehrenamt angewiesen sind, auch Mitglieder behalten. Wenn es aber keinen bezahlbaren Wohnraum gibt, brechen diese sozialen Systeme zusammen. Es ist also die Aufgabe: Jung und Alt unter einen Hut zu bekommen.

Gibt es dafür bereits positive Beispiele?

Diverse Kommunen geben sich viel Mühe damit. In Heimenkirch beispielsweise gibt es Ideen, dass ältere Menschen aus Einfamilienhäusern ausziehen, weil diese zu groß werden. Sie ziehen dann in Wohnungen. Junge Familien ziehen stattdessen aus Wohnungen in die freiwerdenden Häuser, weil ihnen der Platz zu klein wird. Das wäre eine Win-Win-Situation für jeden. Doch es ist sehr mühsam.

Wie geht die Entwicklung der Kommunen insgesamt weiter?

Da ist meine Glaskugel kaputt (lacht). Das ist schwer zu sagen. Was wir von außen momentan beobachten können, ist folgendes: Ich glaube, dass wir überall einen Wandel erleben. Der Tourismus geht in Richtung Ganzjahrestourismus.

Das Allgäu hatte früher nur die Wintersaison, nun wird auch im Sommer viel angeboten. Die Zwischensaison gibt es ebenfalls. Am Bodensee sind im Winter die Gehsteige noch hochgeklappt. Aber auch dort geht es in Richtung Ganzjahrestourismus, mit neuen Konzepten.

Das stellt die Kommunen aber vor neue Aufgaben im sozialen Bereich.

Eine Herausforderung ist in touristischen Hochburgen immer, einen dörflichen Zusammenhalt zu schaffen. Genauso dort, wo Wohnen teuer ist. Dann steht die Kommune vor der Herausforderung, für einkommensschwache Familien ausreichend Wohnraum zu schaffen.

Kommunen gehen inzwischen mit eigenen Projekten und Finanzmitteln heran, um das zu lösen. Das ist aus meiner Sicht alternativlos. Denn Vereine leben davon, dass die Bevölkerung vor Ort ist, die bereit ist, sich zu integrieren und sich zu beteiligen.

Hört sich an, als würde manchen Kommunen am Bodensee leblose Tourismusdörfer drohen.

Das muss nicht so sein. Die Kommunen bringen viel Kraft und Energie dafür auf, um das zu verhindern. Aber das, was ich von Kommunen zurückgespiegelt bekomme, ist, dass die Integration einfach ein großes Thema ist.