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Kolumne von Dr. Dogs

Warten auf den Tod ‐ hilflos, abhängig und allein

Lindau / Lesedauer: 8 min

Dieses Schicksal bringt selbst den erfahrenen Psychotherapeuten an seine Grenzen. Weil seinem Patienten das passiert, wovor er selbst sein ganzes Leben lang Angst hat.
Veröffentlicht:29.09.2023, 17:00

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Seine Klienten sind Menschen wie Du und Ich. Einige brauchen ihn als Psychiater, manche als Psychotherapeuten und wieder andere als Coach. Dr. Christian Peter Dogs lädt die Leser der „Lindauer Zeitung“ dazu ein, ihm bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Dieses Mal geht es um ein Schicksal, das auch ihn an seine Grenzen bringt. Weil dem Mann das passiert, wovor der Psychotherapeut selbst sein ganzes Leben lang Angst hat.

Seit etwa anderthalb Jahren betreue ich Martin per Chat, weil er in München wohnt und sein Haus nicht mehr verlassen kann. Er ist an einer sehr seltenen Rückenmarksentzündung erkrankt und weiß, dass er daran sterben wird.

Er ist 51 Jahre alt. Er war sein Leben lang sehr aktiv. Ein Dynamiker, der immer versucht hat viele Dinge gleichzeitig zu machen. Einer, der voll auf der sozialen Rushhour-Welle gesurft ist. Diese Zeit, in der wir zwischen 30 und 50 Jahre alt sind und in der wir alles gleichzeitig erreichen wollen. Karriere machen, Beziehungen aufbauen, Heirat, Haus bauen, Kinder kriegen, sportlich sein und auch noch viel Geld verdienen. Also diese Phase unseres Lebens, in der wir unserem Körper und unserer Psyche alles abverlangen.

Ein bilderbuchmäßiges Leben

„Ich gebe jetzt alles, damit es mir später mal gut geht“, war der Leitsatz dieser Generation. Das Dumme ist nur: Später wissen wir gar nicht, wie „gut gehen“ geht und laufen einfach weiter in dem Hamsterrad.

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Ich habe Martin schon vor Jahren beraten. Ich kenne ihn nur gut gelaunt. Er kam in seinem Sportwagen vorgefahren, war sportlich und dynamisch und verkörperte mit jeder Faser seines Auftretens den erfolgreichen, reichen Unternehmer. Er war unglaublich vernetzt. Freunde überall, sehr beliebt und natürlich wichtig.

Das Leben hat Martin dann radikal ausgebremst. Er hatte alles erreicht, was er sich vorgenommen hatte. Angesehener Rechtsanwalt und Unternehmer. Ein großes Haus, eine tolle Familie mit einer wunderbaren, ebenfalls sehr erfolgreichen Frau und drei Kindern. Bilderbuchmäßig aufgefüllt mit allen Attributen, die eine so perfekte Fassade in unserem Leben scheinbar braucht.

Die Lähmung wird ihn töten ‐ nur wann?

Bis vor ungefähr anderthalb Jahren schleichend die ersten Symptome seiner Krankheit einsetzten. Zuerst Taubheitsgefühle in den Füßen, langsam aufsteigend, dann in beiden Beinen. Es folgten die ersten Bewegungs- und Koordinationsstörungen. Schließlich aufsteigende Lähmungen der Beine und auch der Schließmuskel.

Jetzt liegt er nur noch im Bett in Windeln mit einem Dauerkatheder und kann sein Haus nicht mehr verlassen. Er weiß, dass die Lähmungen weiter aufsteigen werden und dass er daran sterben wird. Er weiß nur nicht, wie viel Zeit er bis dahin noch hat.

Wie Familie und Freunde reagieren

Die Katastrophe seine Lebens. Sein gesamtes Selbstbild, sein Lebensinhalt und die ganze Aktivität, die ihn sein Leben lang stabilisiert hat, sind weggebrochen. Er ist ein Schatten seiner Selbst und wird von einem Pfleger versorgt. Seine Frau und seine erwachsenen Kinder fühlen sich damit überfordert und haben sich distanziert. Sie kommen nur noch zu Besuch.

Seine Frau lebt in einer neuen Beziehung mit einem seiner alten Freunde. Der Freundeskreis hat sich stark reduziert. Bis auf wenige Mitleidsbesuche ist Martin einsam und verbringt seine Tage mit Podcasts und Fernsehen. Solange sein Hirn noch funktioniert. Denn er ist durch die Vielzahl der Medikamente kognitiv stark beeinträchtigt.

Der Albtraum vieler Menschen, durch Krankheit von der Umgebung abhängig zu sein und vollständig pflegebedürftig zu werden, hat sich für ihn erfüllt. Er liegt da, hilflos in seinen Windeln.

Wenn selbst der Therapeut Angst bekommt

Als mich seine Frau kontaktierte und mich bat, Martin per Zoom zu betreuen, habe ich einige Zeit überlegen müssen. Die Wucht der eigenen Betroffenheit war zu groß. Und natürlich auch die Wut auf die Ehefrau, die versuchen wollte, ihre Verantwortung auf mich abzuschieben. Natürlich werden da meine eigenen Ängste vor Abhängigkeit und dem Verlassenwerden in der Not massiv getriggert. Wer hat diese Ängste nicht?

Täglich verdrängen wir Therapeuten das und hoffen, dass es uns nicht erwischt. Und irgendwie klappt das ja meistens auch. Aber wenn es in dieser massiven Konzentration auftritt, dann macht mich das tief betroffen und es ist eine unglaubliche Leistung, in dieser Situation noch Lebensmut und Zuversicht aufzubauen.

Es lauern Fallen, aber es gibt auch eine große Chance

Ich bin vertraut mit Sterbebegleitung. Das gehört zu meinem Beruf, und in der Regel habe ich die nötige Distanz. Aber in dieser Übertragungssituation waren so viele „Fallen“. Ich kannte Martin noch aus seiner sehr aktiven Zeit. Ich mochte ihn sehr, und in vielen seiner Persönlichkeitsanteilen erkannte ich mich früher wieder. In manchem wollte ich so sein wie er und identifizierte mich. Sein Erfolg war durch meine Beratung auch mein Erfolg. Wir haben uns gegenseitig auf die Schultern geklopft, wenn es wieder mal gelungen war, schwierige Situationen zu meistern.

Und jetzt sollte das alles sterben? Jetzt passierte Martin das, wovor ich mein ganzes Leben lang schon Angst habe. Wovor ich weglaufe und immer wieder versuche, es durch viele Aktivitäten zu verdrängen.

In diesem Moment wurde mir klar, dass ich durch eine Begleitung von Martin nicht nur Übertragungsfallen habe. Sondern auch die Chance, mich meinen eigenen Befürchtungen zu stellen. Seine Lähmung ist nicht meine Lähmung, und sein Tod nicht meiner.

Die Gefahr der Überidentifikation haben wir Therapeuten alle, wenn wir Menschen behandeln, deren Leben oder deren Lebenssituationen uns stark an unsere eigenen erinnern. Deswegen ist es für uns so wichtig, immer wieder die Übertragungssituationen mit Patienten zu reflektieren. Um nicht unsere eigenen ungelösten Konflikte an den Patienten abzuarbeiten.

Auf Mitleidsbesuche kann er verzichten

Also habe ich Martin angerufen und per Zoom auch angesehen. Seit über einem Jahr begleite ich ihn in seinem Leid und seiner Verzweiflung. Nicht nur in seiner Trauer, sondern auch in seiner Wut, die oft unter der Depression liegt. Der Wut darüber, dass das Schicksal so brutal mit ihm umgeht und ihn so leiden lässt. Ihm wird immer klarer, dass es leichter wäre, wenn die Frau und die Kinder ihn nicht so verlassen hätten.

Er hat sie rausgeschmissen und fühlt sich seitdem deutlich besser. Auch auf die Mitleidsbesuche seiner früheren Freunde verzichtet er. Er sagt, dass er jetzt in seinem Leben aufräumen will. In den therapeutischen Gesprächen sprechen wir nicht über die Krankheit, sondern viel über sein altes erfolgreiches Leben.

Rückkehr zum Handeln

Wir lachen auch immer wieder über schöne Erlebnisse. Die Erinnerungen geben ihm Kraft, weil wir uns nur auf die positiven Erlebnisse fokussieren. Er baut wieder Kontakte auf zu Menschen, die er früher mochte und denen er vertraute. Er kommt aus dem Rückzug und eine alte Schulfreundin besucht ihn jetzt fast täglich und kümmert sich.

Er baut sich ein neues Umfeld auf und konzentriert sich auf seine Gegenwart. Natürlich ist Martin noch verzweifelt und immer wieder holt ihn die Angst und die Depression ein. Auch darüber sprechen wir. Aber die Angst lähmt ihn nicht mehr. Er hat wieder angefangen zu handeln. Und Handeln hat ihn sein Leben lang stabilisiert.

Vortrag zugunsten des Besuchsdienstes für Kranke und Sterbende

Wer den Psychotherapeuten und Psychiater einmal live erleben will, hat dazu am Samstag Gelegenheit: Der Verein „Dorfleben Roggenzell“ veranstaltet am 30. September eine Lesung mit Dogs. Das Thema: „Glaub mir nicht alles, was man Dir über psychische Krankheiten erzählt.“ Es handelt sich um eine Benefizveranstaltung, der Erlös geht zugunsten des Besuchsdienstes für Kranke und Sterbende in Lindau. Beginn ist um 19 Uhr in der Festhalle Neuravensburg. Der Eintritt kostet an der Abendkasse 15 Euro, im Vorverkauf (Lindaupark) 13 Euro.


Der Psychologe Dr. Peter Dogs   Psychiater und ärztlicher Psychotherapeut: Dr. Christian Peter Dogs
Zur Person

Das ist Dr. Christian Peter Dogs

Dr. Christian Peter Dogs ist Psychiater und ärztlicher Psychotherapeut, war 30 Jahre Chefarzt verschiedener psychosomatischer Fachkliniken (unter anderem der Panorama Fachklinik in Scheidegg), Coach für Unternehmer und Manager der ersten Führungsebene. Das Buch „Gefühle sind keine Krankheit: Warum wir sie brauchen und wie sie uns zufrieden machen“, das er zusammen mit der Stern-Redakteurin Nina Poelchau geschrieben hat, wurde zum Spiegelbestseller. Außerdem war er Kolumnist der Wirtschaftswoche und des Stern. Er hat auch in der LZ einen festen Platz. Online gibt es alle Teile der Kolumne unter: www.schwaebische.de/themen/dogs