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Streit um Bahntunnel: Bregenz will kein S21 haben

Lindau / Lesedauer: 4 min

In Bregenz wird über die Pläne der Bahn für ein leistungsfähigeres Schienennetz gestritten
Veröffentlicht:11.08.2022, 05:00

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Sollen Züge über oder lieber unter der Erde fahren? In Vorarlberg wird gerade darüber diskutiert, wie der Bahnverkehr am östlichen Bodenseeufer künftig aussehen soll. Die Österreichischen Bundesbahnen ÖBB haben dazu eine Studie vorgestellt – und mit der Empfehlung für einen oberirdischen Ausbau starke Kritik ausgelöst.

„Wir wollen alle nicht eine Eskalation wie bei Stuttgart 21 “, sagte Vorarlbergs grüner Verkehrs-Landesrat Daniel Zadra Anfang Juli bei der Präsentation der ÖBB-Studie. Der Vergleich kommt nicht von ungefähr.

Wie in Stuttgart könnte auch in Bregenz der Bahnverkehr komplett unter der Erde verschwinden, das ist zumindest eine Variante des geplanten Ausbaus. Und wie in Stuttgart droht eine Menge Streit. Um den zu dämpfen, setzt Zadra nun auf eine breite Diskussion mit allen Beteiligten.

Ausbau an sich inzwischen unstrittig

Dass die Bahntrasse rund um Bregenz, zwischen der Grenze bei Lindau und dem Güterbahnhof Wolfurt, ausgebaut werden muss, ist inzwischen unstrittig. Zumal der Verkehr noch zunehmen dürfte, da auf deutscher Seite die Südbahn und die Allgäubahn mittlerweile elektrifiziert sind.

Auf letzterer verkehren die Fernzüge München-Zürich, die sich bei Bregenz auf teils eingleisiger Strecke zwischen Pfänder und Bodensee entlang schieben müssen.

So könnte es aussehen, wenn die Gleise am Bahnhof Bregenz unter die Erde verlegt werden – als Teil eines gut elf Kilometer langen Bahntunnels zwischen Wolfurt und der Grenze bei Lindau.

Die ÖBB haben nun drei Varianten untersucht: einen oberirdischen Ausbau, einen, der unterirdisch erfolgt und eine Mischung aus beidem. Ergebnis: Der oberirdische Ausbau sei vorzuziehen, weil die Bauarbeiten am wenigsten Beeinträchtigungen für Mensch, Natur und Grundwasser mit sich bringen, weil Strecken in der Bauzeit nicht komplett gesperrt werden müssten, und weil am günstigsten und am schnellsten gebaut werden könnte.

Der Staat ist der Bauherr, nicht die ÖBB

Kritiker der oberirdischen Variante wittern nun eine Vorfestlegung der ÖBB auf die billigste Variante. Zu denen, die an vorderster Front für eine Untertunnelung von Bregenz kämpfen, gehört die genossenschaftlich organisierte Interessengruppe Mehramsee.

Ihr Vorstand Pius Schlachter schreibt es dem Engagement seiner Gruppe an, dass der Bahn-Ausbau inzwischen überhaupt als notwendig erachtet wird. Das sei ein „großer Erfolg“, sagt Schlachter der „Schwäbischen Zeitung“.

Er betont aber auch: „Die ÖBB ist das Vollzugsorgan. Bauherr ist die Republik Österreich beziehungsweise das Land Österreich“. Der Staat, so Schlachter, müsse die Vorgaben machen und nicht wie die Bahn nach betriebswirtschaftlichen, sondern nach volkswirtschaftlichen Kriterien entscheiden.

Es gehe auch um Fragen der Raumplanung und des Klimaschutzes – darüber müsse der Staat entscheiden. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er die unterirdische Variante für die einzige hält, die ein steigendes Verkehrsaufkommen auf der Schiene fassen kann.

Fünf Haltepunkte sollen tiefergelegt werden

Die Tunnel-Pläne sehen die Tieferlegung von gleich fünf Haltepunkten und den Bau eines neuen zwischen Bregenz und Lochau vor, außerdem eine ebenfalls unterirdische Anbindung der Gleise aus Richtung des schweizerischen St. Gallen. Von Kosten in Höhe von 1,5 Milliarden Euro ist die Rede, was angesichts steigender Baukosten nicht das letzte Wort sein dürfte.

Trotzdem sagt etwa Martin Ohneberg, Präsident der Industriellenvereinigung Vorarlberg : „Es darf nicht immer nur der Plan mit dem geringsten Aufwand zum Zug kommen, sondern die zukunftsfähigste Lösung mit dem besten Ergebnis für die Bevölkerung, die Wirtschaft und die Umwelt.“

Mehramsee-Vorstand Schlachter ärgert sich darüber, dass die ÖBB vor allem mit den Kosten und dem geringeren Aufwand während der Bauphase argumentiert, während die Leistungsfähigkeit des Bahnnetzes nach Ende der Ausbauarbeiten keine Rolle spiele.

Zu den Befürwortern eines Tunnels zählt auch der Bregenzer Oberbürgermeister Michael Ritsch (SPÖ). Denn heute schneiden die Gleise die Stadt von Seepromenade, Seebühne und Festspielhaus ab. Verschwänden die Gleise unter der Erde, würde dies die Stadt attraktiver machen.

Für Lindau kein Thema

Und warum sollte der Tunnel nicht nach Deutschland verlängert werden, bis zum neuen Bahnhof Lindau-Reutin? Die Lindauer Oberbürgermeisterin Claudia Alfons (parteilos) ist skeptisch, vor allem aus Kostengründen.

Auf den dann frei werdenden Flächen wäre auf deutscher Seite wohl nicht viel Stadtentwicklung möglich, sagt Alfons auf „Anfrage der Schwäbischen Zeitung“. Zumal „die Strecke bei uns durchs Gewerbegebiet geht und nicht so attraktiv und interessant ist wie in Bregenz entlang der Promenade.“

Zurückhaltend ist auch der Vorarlberger Verkehrs-Landesrat Zadra . Er will nun zunächst mit den Bürgermeistern der betroffenen Orte reden. Bis Ende des Jahres soll der Meinungsbildungsprozess abgeschlossen werden, im kommenden Jahr will die ÖBB ihre Projekte für den Ausbau des Bahnnetzes angehen.