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Fisch in Gefahr

So reagieren die Fischer aufs Felchen-Fangverbot

Lindau / Lesedauer: 5 min

Es gibt kaum noch Felchen im Bodensee. Jetzt dürfen sie drei Jahre nicht gefischt werden. Kommt der Rettungsversuch zu spät?
Veröffentlicht:22.06.2023, 19:00

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Es hat etwas von einer Papstwahl, findet der Wasserburger Fischer Roland Stohr. „Wir warten, bis der weiße Rauch aufsteigt.“ Am späten Mittwochabend, es ist bereits nach 22 Uhr, ist es dann soweit. Das Ergebnis überrascht niemanden, der sich in den vergangenen Wochen mit dem Thema beschäftigt hat: Das dreijährige Felchenfangverbot am Bodensee ist beschlossen.

Nach gut zwölf Stunden Beratung trifft die Internationale Bevollmächtigtenkonferenz für die Bodenseefischerei (IBKF) die Entscheidung für die Felchenschonzeit. Sie soll ab dem 1. Januar gelten. Vorher muss sie noch in Landesrecht umgesetzt werden, doch das ist nur Formsache.

Roland Stohr auf dem See.
Roland Stohr auf dem See. (Foto: Ralf Schäfer)

Noch am Tag vor der Konferenz hatten die bayerischen Fischer ihre Vertreter überzeugen wollen, gegen das Fangverbot zu stimmen. Denn Beschlüsse der IBKF gelten nur, wenn sie einstimmig sind. Geholfen hat es nichts. Die Fischer selbst haben bei der Konferenz kein Stimmrecht.

Felchen braucht Schutz

Dass etwas für das Felchen getan werden muss, darin sind sich alle Beteiligten einig. Einst „Brotfisch“ der Bodenseefischer, gehen seine Bestände schon seit vielen Jahren zurück. Laut IBKF haben die 64 Berufsfischerinnen und -fischer am Bodensee 2022 nur noch 21 Tonnen Felchen gefangen. Das sei ein Einbruch von über 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Dazu werden die Tiere immer kleiner und magerer, sagt Stohr. Die IBKF stuft die Situation der Felchen im Bodensee als „besorgniserregend“ ein.

Schonzeit reicht nicht

Eine Schonzeit allein halten die Fischer aber für wenig wirksam. „Was bringt ein Fangverbot, beziehungsweise eine Schonung der Felchen, wenn die Fische nichts zu fressen haben?“, fragt Stohr.

Weil am Ende auch Forderungen der Berufsfischer Gehör fanden, tragen sie die Schonfrist nun aber mit, sagt Anita Koops, Sprecherin der Württembergischen Berufsfischer.

Maßnahmenpaket beschlossen

Die IBKF hat am Mittwoch ein ganzes Maßnahmenpaket beschlossen. Die dreijährige Felchen–Schonzeit, die nicht nur für Berufsfischer, sondern auch für Hobbyangler gilt, ist nur ein Teil davon.

Auch die Bekämpfung des Stichlings will das Gremium jetzt angehen. Er gilt nicht nur als Futterkonkurrent des Felchens. Es gibt zudem Hinweise darauf, dass er dessen Laich verspeist.

Parallel soll Felchenlaich in Brutanstalten länger als bisher großgezogen werden, damit die Stichlinge die jungen Felchen nicht mehr fressen können. Zudem bekräftigt die IBKF, dass ein internationales Kormoranmanagement am Bodensee notwendig ist.

Kormorane stören das Ökosystem

Daran wird bereits seit Jahren gearbeitet. Alexander Brinker, Leiter der Fischereiforschungsstelle Langenargen, hält dies auch für dringend nötig. Denn der Kormoran frisst nicht nur Felchen, sondern auch Fische, die sich von einem weiteren Futterkonkurrenten des Felchens ernähren: der Quagga–Muschel. Das wiederum sorgt dafür, dass die Muschel sich unkontrolliert ausbreiten kann. Das Biosystem Bodensee könne sich durch die Kormorane in diesem Punkt kaum noch selbst helfen, sagt Alexander Brinker.

„Das angekündigte Maßnahmenpaket ist längst überfällig“, sagt Anita Koops. Immerhin wiesen die Fischer seit 30 Jahren darauf hin, dass regulierend in den Kormoran–Bestand eingegriffen werden müsse. „Es hätte am und um den Bodensee ausgereicht, wenn man vor 15 Jahren begonnen hätte, den Kormoran in seiner Erfolgsgeschichte einzudämmen.“

Elke Dilger, Vorsitzende der Badischen Berufsfischer, sieht das ähnlich. „Jeden Tag holt der explodierende Kormoranbestand Tonnen von Fisch aus dem See, während wir auf das gute Nahrungsmittel Wildfisch verzichten“, sagt sie.

Stichling frisst Felchen–Larven

Die Fischer können ebenso wenig nachvollziehen, warum nicht schon früher etwas gegen den Stichling unternommen wurde. Warnungen gab es schon seit Jahren. Bereits 2017 hatte Alexander Brinker in Laborversuchen herausgefunden, dass der dreistachelige Stichling sich über Felchenlarven hermacht und diese keinerlei Fluchtverhalten zeigen.

Die Felchen sind den Stichling, der gar nicht in den See gehört, nicht gewohnt und reagieren nicht darauf. Brinkers Idee war schon damals, die Larven in Brutanstalten größer zu ziehen. Bisher wurde das aber noch nicht umgesetzt.

Alternativen tun sich auf

„Jetzt ist die Zeit des Aussitzens hoffentlich vorbei“, sagt Stohr. Neben dem Maßnahmenpaket hat die IBKF am Mittwoch auch Zugeständnisse an die Fischer gemacht. Diese dürfen nun zusätzliche Netze nutzen, um während der Felchen–Schonzeit verstärkt andere Fische wie Barsche, Hechte und Welse zu fangen.

„Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, sagt Roland Stohr. Zusätzlich zu neuen Netzen habe man sich am Mittwoch auch darauf verständigt, dass das Felchenfangverbot nach drei Jahren automatisch auslaufe.

Es gibt weiterhin Fisch

Trotzdem fürchtet er, dass in den kommenden drei Jahren weitere Fischer ihren Beruf aufgeben werden. „Ein Traditionsberuf und das Kulturgut der Bodenseefischerei sind mindestens genauso bedroht wie der Felchenbestand“, sagt er. Fisch aber gibt es bei den Fischern immer noch zu kaufen.

Die Vertreter der Berufsfischer hätten die Mitglieder der IBKF am Mittwoch gebeten, sich für Entschädigungszahlungen während der Schonzeit einzusetzen. „Damit könnten vielleicht einige Fischer weiter an ihrem Fischereipatent festhalten.“