StartseiteRegionalRegion LindauLindauPsychisches Leid als Trend auf Instagram und Tiktok : Chance oder Risiko?

Mentale Gesundheit auf Social Media

Psychisches Leid als Trend auf Instagram und Tiktok : Chance oder Risiko?

Lindau / Lesedauer: 5 min

Lange waren psychische Krankheiten ein Tabu. Nun teilen Jugendliche ihre Leiden auf Instagram und Tiktok, Influencer stellen schnelle Diagnosen. Was steckt dahinter?
Veröffentlicht:02.11.2023, 19:00

Artikel teilen:

Lange waren psychische Krankheiten ein Tabu. Nun teilen viele Jugendliche ihre Leiden auf Instagram und Tiktok, Influencer stellen schnelle Diagnosen. Was steckt dahinter: Chance oder Risiko? Was die Psychologin Magdalena Holz und der Medienwissenschaftler Christian Gürtler, Referenten der Herbsttagung der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie, dazu sagen.

Wie beurteilen Sie diesen neuen Trend in den sozialen Medien?

Holz: Es ist generell positiv zu beurteilen, wenn man für das Thema sensibilisiert und sich entsprechende Hilfe sucht. Aber es besteht dadurch auch die Gefahr, dass an sich unauffällige Verhaltensweisen pathologisiert werden.

Gürtler: Es kann eine Erleichterung sein für viele, die dadurch eine Diagnose bekommen, andererseits kann es Sorgen entstehen lassen, wirklich krank zu sein.

Eltern, Lehrer, aber auch Therapeuten müssen die Mechanismen von sozialen Medien verstehen, um helfen zu können. Das ist die Überzeugung von Psychologin Magdalena Holz und Medienwissenschaftler Christian Gürtler. Sie sind Referenten der Herbsttagung der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie. Ihr Thema: die digitale Seelenlandschaft der Gesellschaft.
Eltern, Lehrer, aber auch Therapeuten müssen die Mechanismen von sozialen Medien verstehen, um helfen zu können. Das ist die Überzeugung von Psychologin Magdalena Holz und Medienwissenschaftler Christian Gürtler. Sie sind Referenten der Herbsttagung der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie. Ihr Thema: die digitale Seelenlandschaft der Gesellschaft. (Foto: roi)

Was meinen Sie mit Pathologisierung?

Holz: Nicht jede Traurigkeit muss eine Depression sein. Nicht jede Schusseligkeit ein Anzeichen für ADHS. Und nicht jede Beziehung, die in die Brüche gegangen ist, war toxisch.

Die entsprechenden Hotlines laufen bei Kindern und Jugendlichen heiß, immer mehr suchen Rat bei Experten.

Magdalena Holz

Sind psychische Erkrankungen schick geworden?

Holz: Wir beobachten seit etwa einem Jahr in den sozialen Medien, dass bestimmte Störungen auf einmal extrem populär werden. Autismus und ADHS liegen ganz vorne, auch Hochbegabung und Lernschwächen. Die entsprechenden Hotlines laufen bei Kindern und Jugendlichen heiß, immer mehr suchen Rat bei Experten.

Wie erklären Sie sich das?

Gürtler: Die Motive sind vielfältig. Die einen wollen Aufmerksamkeit, andere wollen nur Dazugehören. Man muss das Phänomen immer individuell betrachten. Es kann auch eine Ausrede sein für bestimmte Verhaltensweisen, die uns nicht gefallen. Wenn ich beispielsweise Aufgaben immer wieder verschiebe, dann habe ich mit ADHS eine Erklärung dafür. Aber die Jugendlichen werden auch von den Mechanismen der sozialen Medien beeinflusst.

Sie spielen auf die Funktionsweise von sozialen Medien an?

Gürtler: Soziale Medien funktionieren unter anderem über den sozialen Vergleich. Bei den Plattformen liegt auch eine große Verantwortung. Sie haben ein Interesse an dieser Cyberchondrie (Angst vor schweren Erkrankungen, die durch eine intensive Suche im Internet verstärkt wird; Anmerkung der Redaktion) ‐ und tragen natürlich mit ihren Algorithmen dazu bei.

Holz: In der Pubertät ist die Identitätssuche ein typisches Phänomen. Jetzt suchen Jugendliche eben auch über die sozialen Medien Antworten auf die Frage, wer sie sind. Diesen Bereich hat es früher nicht gegeben. Das Problem bei sozialen Medien liegt in ihrer Reduktion auf emotionales Verkaufen. Es gibt Psychologen, die auf Instagram versuchen, ernsthaft aufzuklären. Aber die haben meist nicht viele Follower, sie sind zu langweilig.

Wenn man sich erschreckt, erlebt man ein Trauma. Wenn man sich an etwas erinnert, wird man getriggert: Es lässt sich auch eine zunehmende Psychologisierung der Sprache beobachten. Hat das Auswirkungen?

Holz: Die Begriffe werden aufgeweicht, teilweise geschieht das von den Jugendlichen aber auch sehr reflektiert. Es könnte aber ein Problem sein, dass Menschen, die ein Trauma erlebt haben oder depressiv sind, sich dadurch nicht mehr ernst genommen fühlen.

Das ist eine beunruhigende Form der Selbstinszenierung.

Magdalena Holz

Wenn ich immer wieder Filmchen sehe beispielsweise von jungen Menschen, die sich ritzen, besteht da die Gefahr von Nachahmungsverhalten?

Holz: Die Gefahr besteht, ist aber nicht neu. Es gab mal einen Tiktoktrend bei Magersüchtigen, da tanzten sehr dünne Mädchen auf dasselbe Lied. Es gibt Videos, wo weinende Mädchen am Gleis sitzen und schreiben, wie schlecht es ihnen geht. Das ist eine beunruhigende Form der Selbstinszenierung.

Wenn Du diese fünf Symptome hast, dann hast du folgende Krankheit: Auf Instagram und Tiktok gibt es schnelle Erklärungen. Wie gefährlich sind solche Selbstdiagnosen?

Holz: Es kann schon passieren, dass sich junge Menschen, die sich zunehmend in dieser Filterblase bewegen, in Symptome reinsteigern. Das kann dann zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden.

Gürtler: Gefährlich ist aber das unreflektierte Sehen, das heißt, wenn diese Symptome nicht abgeklärt werden.

Heißt das, dass nun alle verunsicherten jungen Menschen zum Psychologen sollen? Die haben ja jetzt schon keine Kapazitäten.

Holz: Da sind nicht nur die Psychologen gefragt, sondern auch die Eltern, Schulen und alle Bildungseinrichtungen. Sie sollten die Sorgen der Jugendlichen ernst nehmen und sich zeigen lassen, worum es geht. Und natürlich selbst Medienkompetenz besitzen.

Gürtler: Das setzt voraus, dass man gemeinsam auf den Plattformen unterwegs ist. Man darf sich davon nicht abspalten, das gilt auch für Therapeuten. Auch sie müssen die Mechanismen von sozialen Medien verstehen, um helfen zu können.