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Versorgungslücke

Psychiater dringend gesucht

Lindau / Lesedauer: 5 min

Fast jeder dritte Mensch leidet im Laufe seines Lebens an einer psychischen Erkrankung. Doch Psychiater sind im Landkreis Lindau Mangelware.
Veröffentlicht:30.04.2023, 19:00

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Fast jeder dritte Mensch leidet im Laufe seines Lebens an einer psychischen Erkrankung, die behandelt werden muss. Doch Psychiater sind im Landkreis Mangelware. Über eine Versorgungslücke und deren Folgen.

Die Corona–Pandemie hat das Problem verschärft. Depressionen, Alkoholerkrankungen, bipolare Störungen und Schizophrenien zählen weltweit zu den häufigsten Erkrankungen.

Doch wer im Landkreis Lindau einen Psychiater braucht, hat ein Problem. Dabei zeichnet der Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) ein rosiges Bild. Demnach liegt der Versorgungsgrad bei den Nervenärzten, das ist die frühere Bezeichnung für einen Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, bei 133,8 Prozent. Der Landkreis Lindau gilt somit rechnerisch als überversorgt.

Warum sich die Situation noch verschlimmern könnte

Allerdings überwiegen hier die Neurologen. Vergangenes Jahr schloss in Heimenkirch die einzige voll zugelassene Facharztpraxis für Psychiatrie im Landkreis. Die Situation könnte sich noch verschlimmern.

Burghard Reinke, Lindauer Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, hat Anfang April seine Praxis an seine Tochter Gloria Reinke übergeben. Sie ist Neurologin. In der Zeitungsanzeige stand zwar, dass er dort weiterhin mitarbeiten werde.

Doch langfristig könnte dort ein neurologischer Schwerpunkt entstehen und ein Fachgebiet, die Psychiatrie, wegfallen. Dann bliebe im Landkreis nur noch ein halber Sitz für Psychiatrie in der Gemeinde Stiefenhofen.

Ambulanz der psychiatrischen Tagesklinik stößt an ihre Grenzen

Psychiater Vlad Gabor, Leiter der Psychiatrischen Tagesklinik Lindau, kritisiert, dass schon jetzt eine zeitnahe Diagnose und ambulante Versorgung von psychiatrischen Patienten nicht mehr gewährleistet sei. Nicht nur die ehemaligen Patienten der Heimenkircher Praxis müssten versorgt werden.

„Wir bekommen bereits Anfragen von Patienten, die jahrelang bei Dr. Reinke waren“, sagt er. Das Problem: Die psychiatrische Institutsambulanz der Tagesklinik (PIA) hat keine Kapazitäten mehr — und ist eigentlich auch nicht für solche Patienten ausgerichtet.

Wir haben jetzt eine akute Situation.

Psychiater Vlad Gabor, Leiter der Psychiatrischen Tagesklinik Lindau

Sie ist ärztliche Anlaufstelle für schwerstkranke Menschen, „die nicht wartezimmertauglich sind und für eine begrenzte Zeit eine multiprofessionelle Unterstützung und Krisenintervention brauchen“. Doch schon jetzt nehme die Institutsambulanz auf Bitten der Hausärzte Patienten auf, die diese Kriterien nicht erfüllten — weil es keine anderen Anlaufstellen gebe. „Wir haben jetzt eine akute Situation.“

Die Zahlen sprechen für sich: 2012 gab es 200 Überweisungen in die Institutsambulanz, 2021 waren es 600. Da drohe nicht nur Ärger mit den Krankenkassen, es bringe das kleine Team der Tagesklinik auch an seine Grenzen. Gabor ist dort momentan der einzige Psychiater, er wird von einer Internistin und einer Allgemeinmedizinerin mit jeweils 50 Prozent unterstützt.

„Der unsichere Rahmen lässt die Krankheitsanfälligkeit steigen“

Die psychische Not ist groß. „Die Menschen leiden in der Gesellschaft mehr“, sagt Gabor. Pandemie und Kriegslage bedrohten die Existenz, Familienkonflikte, Zukunftsängste und reaktive Störungen wie Burn Out, Depressionen und Angststörungen, aber auch Suchterkrankungen nehmen zu. „Der unsichere Rahmen lässt die Krankheitsanfälligkeit steigen.“

Gabor fordert, den derzeit offenen Kassensitz für Psychiatrie im Landkreis zu besetzen und eine ambulante psychiatrische Grundversorgung im Landkreis sicherzustellen. Er bat deswegen bereits den ärztlichen Kreisverband Lindau und die Kassenärztliche Vereinigung Bayern um Unterstützung.

Aus der Gedankenspirale auszusteigen, ist nicht einfach. Auch in Deutschland leiden immer mehr Menschen an psychischen Erkrankungen.
Aus der Gedankenspirale auszusteigen, ist nicht einfach. Auch in Deutschland leiden immer mehr Menschen an psychischen Erkrankungen. (Foto: dpa)

Die würde es durchaus begrüßen, wenn sich hier bald ein „niederlassungswilliger Psychiater“ finden würde, der die ambulante psychiatrische Versorgung in der Region mit übernehmen kann. Das Problem: „Leider sind uns momentan keine Interessentinnen beziehungsweise Interessenten bekannt“, schreibt KVB–Pressesprecher Martin Eulitz auf Nachfrage der Lindauer Zeitung. Die Situation bleibt also angespannt.

Wie sieht es bei der Versorgung mit Psychotherapeuten aus?

Zahlenmäßig besser sieht es bei der psychotherapeutischen Versorgung aus. In Lindau gibt es laut Versorgungsatlas 16 Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, im Landkreis sind es insgesamt 33 mit Kassenzulassung. Somit liegt der Versorgungsgrad bei 143 Prozent und weist auf eine Überversorgung hin.

Wer einen Therapieplatz sucht, wird das anders empfinden. „Die Wartezeiten sind demütigend“, weiß Gabor. Nur wer bereit sei, privat zu zahlen, bekäme ein schnelles Angebot. Die Kassentherapeuten seien wegen der großen Nachfrage überlastet.

Leser berichten der LZ, dass sie wochenlang warten mussten oder gar keinen Therapeuten gefunden haben. „Ich habe drei Therapeuten angeschrieben beziehungsweise auf den AB gesprochen. Zwei haben mir abgesagt und der dritte meldet sich nicht“, sagt eine Frau.

Mehr Anlaufstellen für psychisch Kranke

Wer einen Platz ergattert hat, muss sich noch gedulden: Vom Erstgespräch bei einem Therapeuten bis zum Start der Psychotherapie dauert es laut KVB im Landkreis Lindau im Schnitt etwa 80 Tage. Das sind mehr als zweieinhalb Monate. Auch wenn es in dieser Zeitspanne schon zu Vorgesprächen kommt: Schnelle Hilfe in akuten Krisen sieht anders aus.

Gabor ist froh, dass die psychologischen Beratungsstellen bei Lebensproblemen viel auffangen. Es brauche im Landkreis für psychisch kranke Menschen aber noch mehr Anlaufstellen wie das sozialpsychiatrische Zentrum in Lindenberg, wo Tagesstätte, sozialpsychiatrischer Dienst und ambulant betreutes Wohnen eng zusammenarbeiten. „Diese Einrichtung ist Gold wert“, sagt Gabor.

Was das eigene Haus angeht, so wurden seine Hilferufe gehört. Über die bisherige zeitweise Unterstützung bei Sprechstunden hinaus, sollen nun zwei weitere Ärztinnen die psychiatrische Tagesklinik verstärken.