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Nach Pisa-Studie

Niedrige Bildungschance in Reutin: Wie dieses Projekt gegensteuern soll

Lindau / Lesedauer: 5 min

400 Kinder aus vielen Nationen lernen in der Grundschule Reutin. Warum die Teilnahme an einem bundesweiten Projekt besonders ist und die Schule in ihrer Arbeit stärkt.
Veröffentlicht:17.01.2024, 05:00

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Es ist eine quirlige Meute, die jeden Tag in der Lindauer Grundschule Reutin-Zech zum Unterricht kommt. Nicht allen der 400 Kinder fällt das Lernen leicht. Der Alltag stellt zudem die Lehrkräfte immer wieder vor besondere Herausforderungen. All das besser zu meistern - das ist das Ziel des bundesweiten Projekts „Schule macht stark“. Wieso Rektorin Ute Müller und Schulrätin Simone Wenzel das für Reutin als große Chance sehen.

„Bestmögliche Bildungschancen für sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler.“ So beschreibt die Bund-Länder-Initiative „Schule macht stark“ ihr Ziel. Das besondere an diesem bundesweiten Projekt: Es wird von einer ganzen Reihe von Universitäten begleitet. Fünf Jahre dauert die sogenannte Aktivphase.

In dieser Zeit sollen Wissenschaft und Schulen Hand in Hand an Strategien und Konzepten arbeiten. Im Blick dabei: mehr Bildungsgerechtigkeit für alle. Denn Studien wie etwa Pisa zeigen nicht nur (wie zuletzt im Herbst) auf, dass Schüler Defizite etwa in Naturwissenschaften oder Deutsch haben. Sie machen auch deutlich: Bildung hängt ganz wesentlich vom sozialen Umfeld ab, in dem Kinder aufwachsen.

Lernen in einer Vielzahl von Kulturen

Das ist auch Rektorin Ute Müller und ihrem Kollegium bewusst. Sie leitet die Lindauer Grundschule Reutin-Zech, mit aktuell rund 400 Kindern und zwei Standorten die größte im Stadtgebiet. Es ist eine Schule, in der eine Vielzahl von Kulturen aufeinander treffen. In der zwei von drei Kindern offiziell einen Migrationshintergrund haben. Manche mit anderer Muttersprache Deutsch gar nicht richtig sprechen.

Rektorin Ute Müller (links) und Schulamtsdirektorin Simone Wenzel sind stolz darauf, dass die Grundschule Reutin-Zech als eine von wenigen in Bayern am bundesweiten Projekt „Schule macht stark“ teilnehmen darf. Die Pädagoginnen schildern, welche Vorteile das der Schule und vor allem den Kindern bringt.
Rektorin Ute Müller (links) und Schulamtsdirektorin Simone Wenzel sind stolz darauf, dass die Grundschule Reutin-Zech als eine von wenigen in Bayern am bundesweiten Projekt „Schule macht stark“ teilnehmen darf. Die Pädagoginnen schildern, welche Vorteile das der Schule und vor allem den Kindern bringt. (Foto: Evi Eck-Gedler)

Doch wie können Lehrkräfte dieser Vielfalt jeden Tag gerecht werden? „Schule kann nur dann gelingen, wenn sie jeder mag.“ So beginnt das Reutiner Schullied, das Buben, Mädchen und Lehrkräfte unter anderem bei Schulversammlungen gemeinsam singen.

Dazu beitragen soll das Unterrichtskonzept, das schon seit einigen Jahren im Reutiner Schulhaus Alltag ist: In offen gestalteten Lernräumen wird vielfach klassenübergreifend unterrichtet. „Kompetenzorientiertes Lernen“ sieht unter anderem vor, dass die Kinder auch voneinander lernen, ihren Mitschülern bei Verständnisproblemen helfen.

Natürlich muss daran jede Schule ständig arbeiten.

Simone Wenzel

Das Leitbild der Grundschule heißt „Wertschätzung leben“. Das bedeute, „jeder ist so, wie er ist, richtig und wichtig“, schildert die Rektorin. Unter dem Dach dieses Leitbildes sollen alle leben und lernen in „einer freundlichen, friedlichen und familiären Atmosphäre“.

Doch Müller und der Schulamtsdirektorin Simone Wenzel ist bewusst: Die Vielfalt der Schulgemeinschaft macht den Alltag nicht einfach. Es gibt Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen im Unterricht nicht mitkommen. Es gibt auch Störer.

Und es gibt, völlig unabhängig vom Migrationshintergrund, eine hohe Anzahl von Kindern, die sozial benachteiligt sind. In deren Familien Bildung nicht den Stellenwert hat, den sich Lehrkräfte erhoffen.

Als einzige Schule aus dem Kreis im Projekt

Diese Kinder zu stärken, dabei soll das Projekt „Schule macht stark“ helfen. Müller und Wenzel sind stolz darauf, dass die Lindauer Grundschule daran teilnehmen kann. Sie ist damit eine von bundesweit nur 200 Schulen und die einzige im Landkreis Lindau.

Ein ganz besonderes Privileg war zudem, dass die Grundschule im Rahmen einer sogenannten „Also“-Werkstatt seinen Sozialraum, sprich den Stadtteil Reutin und Zech erforschen lassen durfte. „Das durften bundesweit nur 20 der Schulen machen“, sagt die Rektorin. „Und Reutin ist die einzige im gesamten Freistaat“, fügt Wenzel an.

Diese „Also“-Werkstatt hat vor kurzem ihre Ergebnisse offen gelegt. Für „außerunterrichtliches Lernen und Sozialraum-Orientierung“, wie „Also“ offiziell heißt, sei es wichtig, dass die Schule in ihrem Umfeld gut vernetzt ist.

Wichtig für Schule: Das „Dorf“ Reutin aufwerten

„Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf“, zitiert Müller. Das „Dorf“ Reutin hat aber so seine Schattenseiten, habe die Studie der Universität Duisburg-Essen aufgezeigt. Dazu gehören eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquote im Stadtteil. Und der Bildungsstandard in Familien: Reutin hat im Lindauer Stadtgebiet den höchsten Anteil von Eltern ohne anerkannten Schulabschluss.

Was die Schulleiterin aus den Daten ableitet: Reutin müsse aufgewertet werden. Es brauche unter anderem eine Art Stadtteiltreff und eine ganz niederschwellige Erziehungsberatung.

Doch wie kann das alles den Alltag in der Schule verbessern? Schulentwicklung heißt das Zauberwort. „Natürlich muss daran jede Schule ständig arbeiten“, sagt die Schulrätin. In der Grundschule Reutin jedoch wird in den nächsten Jahren noch viel intensiver hingeschaut, den Lehrkräften dort dazu Fortbildungen und Begleitung geboten.

Über Elternarbeit, Sprache und neue Autorität

Das Kollegium erfahre etwa, wie die Schule ihre Elternarbeit noch verbessern kann. Warum Stimmbildung wichtig ist und wie Lehrkräfte mit Jonglieren eine bessere innere Balance herstellen können, die dann im Unterricht den Kindern zugute kommt.

Vieles, was den Unterrricht noch nicht optimal laufen lasse, sei eine Folge der Corona-Pandemie, gibt die Rektorin zudem zu bedenken. Der Distanzunterricht, das weitgehend kontaktlose Zuhause-Sitzen habe bei den Grundschülern Spuren hinterlassen - insbesondere bei jenen, die ohnehin als sozial benachteiligt gelten.

Die Rektorin ist froh, dass solche Aspekte langsam verblassen. „Wichtig ist für uns, dass wir für die Kinder eine angenehme Arbeitsatmosphäre in der Schule schaffen.“

„Eine Frage der Haltung“

Klar ist für die Reutiner Rektorin und die Schulrätin: Lehrkräfte sind eine Art Leuchtturm für die Grundschüler. „Das ist alles eine Frage der Haltung“, betont Ute Müller. Simone Wenzel sieht das ähnlich: „Haltung ist wichtig - damit Kinder sehen, sie werden ernst genommen.“

Das wiederum mache Kínder stark. So dass auch jene bessere Bildungschancen bekommen, die bisher noch als sozial benachteiligt gelten.