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Berufsleben

Neustart mitten im Leben - Wieso diese Menschen ihren Beruf wechseln

Lindau / Lesedauer: 7 min

Vom Einzelhandel in den Kindergarten, von der Zahnarztpraxis ins Restaurant: Wer seinen Beruf wechselt, braucht Mut. Warum psychische Erkrankungen eine Rolle spielen.
Veröffentlicht:30.11.2023, 19:00

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Vom Einzelhandel in den Kindergarten, von der Zahnarztpraxis ins Restaurant, von der Reiseleiterin zur Zugbegleiterin. Manche Menschen wechseln Mitten im Leben ihren Beruf. Wieso tun sie das und was lernen sie daraus?

Susanne Scherner hat sich etwas getraut, was nur die wenigsten wagen: Mit Mitte 50 hat sie eine Ausbildung begonnen. An ihren ersten Schultag in der Fachakademie für Sozialpädagogik in Lindau erinnert sie sich noch genau. „Ich war so nervös wie bei meiner Einschulung“, erzählt sie.

Manchmal dachte ich: Es geht nicht mehr.

Susanne Scherner

Mittlerweile hat die Freude an den neuen Aufgaben die Nervosität abgelöst. Im Wechsel besucht sie die Fachakademie und Einrichtungen. Das Lernen für Klausuren ist für die 55-Jährige zwar noch eine Herausforderung. „Ich musste wieder lernen zu lernen.“ Besonders kräftezehrend sei eine Facharbeit gewesen. Mit zwei Kindern zu Hause sei es nicht immer einfach, sich Zeit zu nehmen. „Manchmal dachte ich: Es geht nicht mehr.“

Endlich macht sie das, was sie schon immer machen wollte: Susanne Scherner hat sich getraut und mit Mitte 50 eine Ausbildung zur Erzieherin angefangen.
Endlich macht sie das, was sie schon immer machen wollte: Susanne Scherner hat sich getraut und mit Mitte 50 eine Ausbildung zur Erzieherin angefangen. (Foto: privat)

Aber all das nimmt sie gerne in Kauf. Denn die Ausbildung zur Erzieherin ist für sie eine Herzensangelegenheit. Und das, obwohl das Image des Erzieherberufs nicht besonders gut ist - für die 55-Jährige ist aber genau dieser Beruf der einzig Richtige.

40 Jahre im gleichen Beruf? - Das war einmal

Die Arbeitswelt verändert sich, weiß Norbert Semmer, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Konstanz. „Die Ansprüche an die Arbeit steigen“, sagt er. Viele machten ihren Beruf nicht mehr nur für das Geld. „Die Menschen wollen interessante Dinge tun.“

Der Lindau-Podcast

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Berufswechsel mitten im Leben

Konkrete Zahlen, die häufigere Berufswechsel belegen, gibt es zwar nicht. „Aber es gibt eine steigende Tendenz“, sagt Semmer, der in der Berufswelt forscht. In früheren Generationen sei es weniger anerkannt gewesen, den Beruf zu wechseln. „Viele sind mit dem unerfüllten Berufswunsch in Rente gegangen.“

Wenn ich nicht das machen kann, was ich will, mache ich etwas anderes.

Susanne Scherner

Das wollte Susanne Scherner auf keinen Fall. Jahrelang arbeitete sie im Verkauf: im Buchhandel, in der Bäckerei und im Fachhandel für Bürobedarf. Bei ihrem letzten Arbeitgeber hätte sie gerne die Filialleitung übernommen. Aber jemand anderes bekam die Stelle. Für die Lindauerin war das der Zeitpunkt, zu gehen. „Wenn ich nicht das machen kann, was ich will, mache ich etwas anderes“, dachte sie damals.

Handel, Verkehr und Lebensmittelbereich unbeliebt

Handelsberufe gehören laut einer Statistik der Arbeitsagentur zu den Berufen, in denen die Fluktuation besonders hoch ist. „Starre Arbeitszeitmodelle und die Öffnungszeiten der Läden sind für viele ein Grund zu wechseln“, sagt Liliane Wutz, Leiterin der Geschäftsstelle der Lindauer Arbeitsagentur. Vor allem Frauen legten mehr Wert auf ihren Beruf als früher, weiß Wutz. Viele treffen heute schneller die Entscheidung, zu wechseln.

Auch aus Fertigungs- und Reinigungsberufen oder Berufen in der Lebensmittelherstellung steigen Arbeiterinnen und Arbeiter häufig aus. Betroffen sind auch Stellen im Verkehr und der Logistik.

Zugbegleiterin mit Herz

Susanne Barthel steigt nicht aus, sondern ein. Sie hat vor fünf Jahren einen Lehrgang bei dem Bahnunternehmen Go-Ahead gemacht und arbeitet seitdem als Zugbegleiterin.

Aufgebrachte oder übergriffige Kunden im Zug? Für die 59-Jährige kein Problem. Ihr alter Beruf habe sie abgehärtet.

Susanne Barthel ist glücklich: Zugbegleiterin ist ihr Traumberuf. Zuvor hat hat sie 20 Jahre auf den Kanaren als Reiseleiterin gearbeitet.
Susanne Barthel ist glücklich: Zugbegleiterin ist ihr Traumberuf. Zuvor hat hat sie 20 Jahre auf den Kanaren als Reiseleiterin gearbeitet. (Foto: rst)

20 Jahre lang arbeitete sie auf den Kanaren als Reisebegleitern. „Ich kenne das, wenn Leute schlecht gelaunt sind“, sagt sie. Von ihrem alten Job hat sie etwas Wichtiges gelernt: „Kommunikation ist das A und O.“ Das gebe sie heute an jüngeren Kollegen weiter. „Und man darf sich nicht so schnell unterbuttern lassen.“

Psychische Erkrankungen nehmen zu

Bei einem Berufswechsel spielt die eigene Gesundheit eine große Rolle. Häufiger führen auch psychische Erkranken dazu, dass sich jemand nach einem anderen Beruf umschaut. Denn zum einen steige der Druck in der Arbeitswelt, weiß Psychologe Norbert Semmer. „Man macht mehr in kürzere Zeit, mit weniger Leuten.“ Zum anderen stehe die Psyche heute mehr im Vordergrund. „Die Hürden, den psychischen Druck in eine Veränderung umzusetzen, sind kleiner geworden.“

Im Jahr 2019 stellte Sandra Kurbjuhn fest, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Eigentlich hat sie ihre Arbeit als Assistentin in einer Zahnarztpraxis immer sehr gerne gemacht: Die Prophylaxe war ihr Steckenpferd, sie arbeitete hauptsächlich eigenverantwortlich und hatte einen festen Patientenstamm. Die Lindauerin war ehrgeizig. Sie machte einen Schein nach dem anderen.

Mit über 40 verlässt Sandra Kurbjuhn ihr durch getaktetes Leben mit viel Stress. Sie startet neu – und arbeitet jetzt in einem Restaurant.
Mit über 40 verlässt Sandra Kurbjuhn ihr durch getaktetes Leben mit viel Stress. Sie startet neu – und arbeitet jetzt in einem Restaurant. (Foto: privat)

Gleichzeitig waren ihre Tage als berufstätigte Mutter durchgetaktet. Zeit für sich hatte die 48-Jährige so gut wie nie, erzählt sie. Es gab immer etwas zu tun. Aber sie machte immer weiter.

Bis sie eines Tages einen „emotionalen Zusammenbruch hatte“, wie sie erzählt. Später wurde bei ihr die Diagnose Burnout festgestellt. „Mein Körper hat mir ein Zeichen gegeben.“

Wie ein Sechser im Lotto

Daraufhin beschloss Sandra Kurbjuhn, eine Pause zu machen. Ein Jahr lang war sie krankgeschrieben. In dieser Zeit überlegte sie, wie es weitergehen soll.

Weil sie schon immer mal wieder gekellnert hatte, wollte die 48-Jährige in der Gastronomie einsteigen. Sie bewarb sich beim Gasthaus Zum Zecher - und fing schon wenig später dort an.

Es zeigte sich: Das war für sie wie ein Sechser im Lotto. In ihrem neuen Job fühlt die 48-Jährige sich wertgeschätzt. „Die Gäste sagen mir, wenn sie etwas gut finden.“ Außerdem hat Sandra Kurbjuhn mehr Zeit: Ihre Arbeitstage beginnen um 17 Uhr, davor bleibt Zeit für Arztbesuche, Einkaufen oder ein Treffen mit Freunden. „Ich bin entschleunigt.“ So gut wie heute, sagt die 48-Jährige, ging es ihr noch nie.

Von der Fast-Foot-Kette in die Umschulung

Andreas Geiss hingegen hat der Gastronomie den Rücken zugekehrt. Er geht mit dem Trend. Zahlen der Arbeitsagentur zeigen: Die Fluktuation in der Gastro ist hoch, viele Arbeitskräfte verlassen ihre Jobs. „Das ist definitiv auch ein Bereich, der betroffen ist“, weiß Liliane Wutz von der Arbeitsagentur.

Zwölf Jahre arbeitete Geiss bei einer Fast-Food-Kette. Als Restaurantleiter musste er ständig verfügbar sein: Fiel jemand aus, musste er für Ersatz sorgen. „Wegen Personalmangel ging das aber oft nicht“, sagt der 32-Jährige. Der Druck wurde immer größer. Für das Privatleben blieb wenig Zeit.

Jahrelang arbeitet Andreas Geiss bei einer Fast-Food-Kette. Dann zieht er einen Schlussstrich.
Jahrelang arbeitet Andreas Geiss bei einer Fast-Food-Kette. Dann zieht er einen Schlussstrich. (Foto: privat)

Der Lindauer fühlte sich oft schlapp und müde. Irgendwann entschied er sich dazu, zu kündigen. Ohne Perspektive. „Ins Blaue hinein zu kündigen war kein gutes Gefühl“, sagt er. Er habe Sorge gehabt, seine Familie nicht versorgen zu können.

Wer chronisch mit einem komischen Gefühl zur Arbeit gehe, wird auf Dauer etwas ändern, weiß Arbeitspsychologe Norbert Semmer. Man solle sich aber genau überlegen, ob es an den Kollegen, den Kunden, den Aufgaben - oder tatsächlich am Beruf liege.

Andreas Geiss ist froh, dass er einen Schlussstrich gezogen hat. Bei ihm ging es gut aus. Die Sperrfrist auf Arbeitslosengeld konnte der Lindauer umgehen. Mittlerweile steckt er mitten in einer Umschulung zum Kaufmann für Großen- und Außenhandel. Sein Leben habe sich verbessert, sagt er. „Mittlerweile habe ich wieder Lust, zu lernen.“