StartseiteRegionalRegion LindauLindauViele Leerstände in der Einkaufsmeile:  Wie geht es auf der Insel weiter?

Leere Schaufenster

Viele Leerstände in der Einkaufsmeile:  Wie geht es auf der Insel weiter?

Lindau / Lesedauer: 6 min

Hoffnung, aber auch Frust macht sich bei den Händlern breit, die noch da sind. Wer könnten Nachfolger sein?
Veröffentlicht:25.01.2024, 17:00

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Leerstehende Geschäfte, zugeklebte Schaufenster: In den vergangenen Monaten haben viele Einzelhändler die Insel verlassen - aus unterschiedlichen Gründen. Wie geht es denen, die noch da sind? Und wie geht es weiter?

Ein orangener Mantel hängt neben einer gelben Jacke, im Regal und auf dem Boden stehen Schuhe und Taschen: Während das Schaufenster von Marina Geers Laden bunt und belebt aussieht, verdeckt nebenan graues Papier die leeren Räume. Der Nachbar, Elektro Frey, hat vor kurzem geschlossen - so wie mehr als zehn Geschäfte auf der Lindauer Insel, fünf weitere schließen bald. Manche mussten aus Altersgründen zumachen, andere, weil sich das Geschäft nicht mehr lohnte.

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„Wenn so viele Geschäfte zu haben, ist das auch für mich schlecht“, sagt Marina Geers von dem Modegeschäft mitten in der Maximilianstraße. Denn das lade nicht zum Einkaufen ein.

Die Lindauerin betreibt den Laden seit etwa fünfeinhalb Jahren, einen zweiten in der Bindergasse musste sie vor zweieinhalb Jahren aufgeben. „Während der Coronakrise ging es nicht anders.“

Jetzt muss sie mit steigenden Energiekosten und höheren Einkaufspreisen zurechtkommen. Viel Geld bleibe am Ende des Monats nicht übrig, sagt sie. Aber sie mache ihren Beruf gerne. „Ich kämpfe weiter.“

Wenig los im Januar und Februar

Karin Gsell klingt optimistischer. „Ich bin sicher, dass es im Frühjahr wieder besser wird“, sagt die Besitzerin von drei Bekleidungsgeschäften auf der Insel. Januar und Februar seien grundsätzlich keine guten Monate für den Handel auf der Insel. Dafür sei in ihren Läden am Wochenende trotzdem recht viel los. Jetzt sei eine Ausnahmesituation, aber auch die geht vorüber, ist Karin Gsell sicher.

Darauf setzt auch Markus Anselment. Als Fixpunkt habe man sich Ostern gesetzt, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK Schwaben. „Bis dahin sollte die Innenstadt wieder belebt sein.“

Noch aber ist an einigen Schaufenstern nur Zeitungspapier oder Kartonage zu sehen. An einigen Türen hängen Schilder mit Telefonnummer für Miet-Interessenten.

Süßwaren oder Mode in der Maximilianstraße?

Wie soll es weiter gehen mit dem Einzelhandel? Für einige Räume gebe es bereits Anwärter, so Anselment. „Es geht eher in Richtung Handel.“ Aber Konkretes könne er noch nicht sagen.

Deutlicher wird Christoph Grohmann. Der Geschäftsführer des Vermittlungsunternehmens City Jung aus Ellwangen kümmert sich um die Vermietung eines Ladens in der Maximilianstraße. Bis vor kurzem wurden dort noch Schuhe verkauft.

Süßware oder Textil? Für dieses Räumlichkeiten in der Maximilianstraße gibt es laut des zuständigen Unternehmens bereits Interessenten.
Süßware oder Textil? Für dieses Räumlichkeiten in der Maximilianstraße gibt es laut des zuständigen Unternehmens bereits Interessenten. (Foto: Ronja Straub)

Es gebe zwei Interessenten: Ein „Textiler“, ein überregionales Franchise-Unternehmen, sowie einen Süßwarenhändler. „Beide würden Lindau bereichern“, glaubt Grohmann.

Zahnarzt anstatt Einzelhandel

In anderen Läden wird der Einzelhandel ersetzt. In den ehemaligen Gea-Laden und in ein Modegeschäft am Paradiesplatz zieht laut Aushängen Zahnarzt Robert Nölken. Ein Friseur nutzt künftig Räumlichkeiten in der Schmiedgasse, in denen davor eine Raumausstatterin war.

Wo bis September vergangenen Jahres noch Taschen und Schuhe verkauft wurden, zieht bald eine Zahnarztpraxis ein.
Wo bis September vergangenen Jahres noch Taschen und Schuhe verkauft wurden, zieht bald eine Zahnarztpraxis ein. (Foto: Ronja Straub)

Eine Straße weiter, in der Cramergasse, tut sich der Hauseigentümer schwer, seine Ladenfläche zu vermieten. Schon im Oktober ist die Einzelhandelskette Tchibo ausgezogen, seitdem steht der Raum leer. „Wir suchen, aber es ist relativ schwer“, sagt der Eigentümer im Gespräch. Bisher habe es nur einen ernsthaften Interessenten gegeben.

Wie sieht der Handel der Zukunft aus?

Der Einzelhandel sei im Wandel, sagt Lena Ellensohn, Ortsvorsitzende des Handelsverbands Bayern. Geschäftsaufgaben erlebe man nicht nur in Lindau.

Die Stadt Lindau, so Oberbürgermeisterin Claudia Alfons, habe über „die Instrumente der Stadtplanung (nur) die Möglichkeit, auf die strukturellen Veränderungen in unseren Innenstädten zu reagieren und diese an den veränderten Bedarfen neu auszurichten.“ Dieses Vorgehen sei im Inselentwicklungskonzept ausgearbeitet.

Markus Anselment.
Markus Anselment. (Foto: Christian Flemming)

Hochwertige und familiengeführte Geschäfte gehörten genauso zum Lindauer Einzelhandel wie Läden mit neuen Ideen, findet Anselment. Gleichzeitig gebe es aber auch die Überlegung, leerstehende Räumlichkeiten nicht nur für den Einzelhandel, sondern auch anderweitig zu nutzen.

Oftmals gingen Kunden weg vom Konsum und setzten beispielsweise mehr auf Nachhaltigkeit, weiß Ellensohn. „Neue Läden haben gute Chancen“, sagt sie. Es sei eine extreme Phase, aber auch eine Chance, etwas Neues zu entwickeln.

Nachhaltigkeit verkauft sich nicht

Das hatte Julia Weber mit ihrer Villa Lala vor eineinhalb Jahren vor. In dem Spiel- und Bekleidungsgeschäft für Kinder in der Bürstergasse verkaufe sie viele nachhaltige Produkte, suche nach außergewöhnlichen Spielsachen von kleinen Manufakturen in Europa. Vieles ist aus Holz. „Aber oft sind die Leute nicht bereit, den Preis zu zahlen.“

Kleidung und Spielzeug für die Kleinen: Julia Weber setzt in ihrer Villa Lila auf Außergewöhnliches und Nachhaltiges. „Vielleicht ist die Welt für solche Konzepte noch nicht bereits“, sagt sie.
Kleidung und Spielzeug für die Kleinen: Julia Weber setzt in ihrer Villa Lila auf Außergewöhnliches und Nachhaltiges. „Vielleicht ist die Welt für solche Konzepte noch nicht bereits“, sagt sie. (Foto: Ronja Straub)

Im Dezember hat Julia Weber sich dazu entschieden, ihren Laden aufzugeben. Mitte März ist voraussichtlich ihr letzter Verkaufstag. Sie mache das aus persönlichen Gründen, sagt sie.

Das Geschäft, so Julia Weber, laufe aber eigentlich nur im Winter gut. Anders als viele andere Händler auf der Insel, verkaufe sie hauptsächlich dann, wenn keine Touristen auf der Insel sind. Im Sommer fragten die Leute oft nach einem Discounter, bei dem es billiger ist. „Manchmal habe ich das Gefühl, die Welt ist noch nicht bereit für so ein Konzept.“

Was kommt nach der Metzgerei?

Während Julia Weber ihren Auszug noch plant, hat Cathrin Dreher ihre Spielecke bereits ausgeräumt. Im Oktober sah es noch so aus, als gebe es eine Nachfolge für den Spielwarenladen. „Das hat sich zerschlagen“, sagt sie heute. Jetzt sei sie auf der Suche nach Nachmietern.

Genauso wie für das Erdgeschoss im Haus gegenüber. Bis Oktober verkaufte die Metzgerei Kleiber hier noch Leberkässemmel. Jetzt steht der Laden leer. „Wir schauen, dass wir wieder ein Lebensmittelgeschäft bekommen“, sagt Dreher, deren Familie das Gebäude gehört.

Um wieder mehr Einheimische auf die Insel zu locken, hat die Stadt gemeinsam mit der IHK, der Interessensgemeinschaft Zukunft Insel und dem Handelsverband Bayern im Dezember eine Aktion gestartet: Einmal im Monat öffnen Geschäfte beim After-Work-Shopping bis 20 Uhr. Danach wird bei einer Party gefeiert.

Kostenloses Parken beim After-Work-Shopping

Zweimal fand die Aktion bislang statt. Richtig viel los war in den Geschäften aber nicht. Noch sei die Veranstaltung nicht angelaufen wie geplant, sagt Markus Anselment von der IHK. „Aber das kommt noch“, verspricht er. „Es ist nicht ganz einfach, so etwas im Winter zu etablieren.“

Das Wichtigste an der Aktion sei, dass die Händler und Gastronomen zeigen, dass sie „an einem Strang ziehen“ und einen Schritt auf die Lindauerinnen und Lindauer zumachen, findet Oberbürgermeisterin Alfons.

Weil sie das unterstützen möchte, biete die Stadt zum After-Work-Shopping im Februar, März und April kostenloses Parken im Inselhallen-Parkhaus an.

Viele Läden auf der Insel stehen leer.
Viele Läden auf der Insel stehen leer. (Foto: Ronja Straub)

Das After-Work-Shopping sei nur ein Baustein von vielen, betont Lena Ellensohn. Es gebe jetzt regelmäßige Treffen von IHK, Stadt und den Händlern, bei denen man sich noch weitere Aktionen überlegt. Welche genau, das sei noch nicht spruchreif.

Julia Weber hat ihre Villa Lala für das After-Work-Shopping nicht geöffnet. „Ich betreibe das Geschäft ganz alleine“, sagt sie. Da habe sie keine Kapazitäten länger aufzulassen und dann auch noch Sekt und Kekse anzubieten.