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Harte Einschnitte

Krankenhaus Lindenberg kündigt 122 Mitarbeitern

Lindenberg / Lesedauer: 4 min

Massive Einschnitte betreffen vor allem Intensivmedizin und Chirurgie. Welche Bereiche erhalten bleiben.
Veröffentlicht:30.11.2023, 15:00

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An der Lindenberger Rotkreuzklinik wird es massive Einschnitte geben. Keine Intensivstation mehr, nur noch ambulante und teilstationäre Chirurgie. Der Schwerpunkt liegt auf der Inneren Medizin. So sieht das Konzept für das Haus aus. 122 der 372 Beschäftigten werden in den nächsten Tagen eine Kündigung erhalten.

Das haben der Generalbevollmächtigte Mark Boddenberg und der Sanierungsexperte Florian Friedel im Gespräch mit der Allgäuer Zeitung bekannt gegeben. „Im Prinzip ziehen wir die Krankenhausreform vor“, sagt Boddenberg mit Blick auf die bundesweit geplanten Änderungen im Krankenhauswesen.

So dramatisch das im Einzelfall gerade zum jetzigen Zeitpunkt ist, wir schicken nicht über hundert Menschen in die Langzeitarbeitslosigkeit.

Florian Friedel

Für das Haus in der 11.500-Einwohner-Stadt läuft seit einigen Monaten ein Insolvenzverfahren. Grund sind Millionenverluste in der Vergangenheit, aber auch die geplante Krankenhausreform. Greifen soll das Konzept spätestens zum 1. März. Die Mitarbeiter wurden am Dienstagnachmittag über die Entscheidungen informiert.

Gekündigte Mitarbeiter könnten in der OSK unterkommen

Die Kündigungen für die 122 Beschäftigten sollen zeitnah verschickt werden. „So dramatisch das im Einzelfall gerade zum jetzigen Zeitpunkt ist, wir schicken nicht über hundert Menschen in die Langzeitarbeitslosigkeit“, sagt Friedel mit Blick auf gesuchte Fachkräfte.

Zu einem großen Teil könnten die Beschäftigten eine Stelle bei der Oberschwabenklinik (OSK) erhalten. Der Klinikkonzern des Landkreises Ravensburg betreibt in Wangen ein Krankenhaus, zwölf Kilometer von Lindenberg entfernt.

Mit der OSK verhandelt die Schwesternschaft seit geraumer Zeit über eine Kooperation. Eine direkte Übernahme der Mitarbeiter war aber offenbar nicht möglich. Unklar ist auch, ob es für die Beschäftigten in der Nachbarklinik vergleichbare Stellen gibt.

Die Klinik in Lindenberg wird künftig einen internistischen Schwerpunkt haben. 80 Prozent der bisher betreuten Fälle werden dort weiter behandelt werden können, sagt Friedel. Das gilt vor allem für „leichtere Fälle“. Komplexere Behandlungen werden an Kliniken in der Nachbarschaft verlegt.

Bürger, Ärzte und Kommunalpolitiker im Westallgäu hatten Einschnitte bei der Notfallversorgung befürchtet. Sie gehört gerade bei kleineren Häusern zu den Verlustbringern. Tatsächlich wird es auch im Westallgäu Verschlechterungen geben. So wird die Intensivstation geschlossen. Dafür ist eine Überwachungsstation (IMC) geplant. Dort werden Patienten intensivpflegerisch betreut. Im Prinzip, sagt Friedel, werde die Rotkreuzklinik untertags zwar für Notfälle Anlaufstelle bleiben. Komplexere Fälle werden aber in Kliniken in der Nachbarschaft verlegt.

Notaufnahme etwas länger geöffnet als eine Arztpraxis

Geöffnet sein wird die Notfallaufnahme etwas länger als eine Arztpraxis. Friedel spricht von 8 bis 19 Uhr. Über 90 Prozent der Patienten kämen schon bisher zu dieser Zeit. Nach dem jetzigen Stand der Planung soll die Notaufnahme auch am Wochenende Anlaufstelle für Patienten sein.

Wir können die künftigen Vorgaben aus Berlin nicht erfüllen.

Mark Boddenberg

Spätabends und nachts müssen Kranke andere Kliniken ansteuern. Patienten mit Schlaganfällen, Herzinfarkten, Sepsis oder Opfer schwererer Unfälle beispielsweise werden künftig in andere Häuser gefahren oder dorthin verlegt.

Etwa vier Millionen Euro, sagen Boddenberg und Friedel, würde es kosten, in Lindenberg eine Versorgung der untersten Notfallstufe 1 zu betreiben. Dafür wären Intensivstation, Chirurgie und Schockraum nötig.

Allein mit Geld wäre es zudem nach Auskunft der Sanierungsexperten nicht getan. „Wir können die künftigen Vorgaben aus Berlin nicht erfüllen“, sagt Boddenberg mit Blick auf die Krankenhausreform. Demnach sollen komplexe Fälle künftig an größeren Kliniken behandelt werden.

Einschnitte gibt es auch in anderen Bereichen der Klinik, in denen es nicht um Akutversorgung geht. Urologie- und HNO-Abteilung bleiben laut Friedel erhalten, ebenso Onkologie und Palliativabteilung. Gerade Letztere genießt im Westallgäu einen guten Ruf. Die Palliativmedizin sei eine wichtige Einrichtung für die Klinik und die Bevölkerung, sagt Friedel.

Belastung für den Rettungsdienst wird steigen

Klar ist: Durch die steigende Zahl an Transporten in benachbarte Krankenhäuser wird die Belastung für den Rettungsdienst steigen. Das werde deutschlandweit eine Folge der Krankenhausreform sein, sagt Friedel.

In den vergangenen Wochen hatte es auch Kritik an der Schwesternschaft München vom Bayerischen Roten Kreuz gegeben. Boddenberg und Friedel weisen sie zurück. Zum einen dürfe der Träger viele Dinge während eines laufenden Insolvenzverfahren nicht kommunizieren. Zum anderen sei es nicht selbstverständlich, dass die Schwesternschaft das Haus in Lindenberg weiter betreibe.

Denn rein wirtschaftlich betrachtet, wäre es das einfachste gewesen, die Klinik zu schließen. Schwarze Zahlen wird die Klinik auch nach dem Abbau der besonders verlustträchtigen Bereiche nicht schreiben. Boddenberg spricht von einem siebenstelligen Betrag, den die Schwesternschaft München vom Bayerischen Roten Kreuz als Trägerin künftig im Jahr zuschießen werde. „Sie steht weiter zu dem Standort“, sagt der Generalbevollmächtigte.

„Ich wurde überall eingeladen, nur hier nicht“

In einem Punkt war das Verfahren in Lindenberg für den erfahrenen Sanierer Boddenberg im Übrigen neu. Das betrifft die Ebene der Politik. Einladungen zu Gesprächen hat er nach eigenem Bekunden weder vom Landrat, noch einer der Fraktionen im Stadtrat oder dem Kreistag erhalten.

Von 32 Insolvenzverfahren bei Kliniken in Deutschland führt seine Kanzlei 19, berichtet Boddenberg: „Ich wurde überall eingeladen, nur hier nicht.“