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Klimawald

360°-Rundgang durch den Klimawald: So sehen Konzepte gegen die Hitze aus

Lindau / Lesedauer: 7 min

Schwammstadt und viele Bäume gegen Hitzeinseln - diese Konzepte gibt es in Lindau
Veröffentlicht:11.08.2022, 19:00

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Der Klimawandel schreitet immer schneller voran. Es wird heißer. Wälder und Städte müssen angepasst werden. Ein Hitzekonzept hat die Stadt Lindau nicht – es gibt aber andere Projekte, die helfen sollen. Wie Klimawald, Schwammstadt und Landschaftsfinger das Problem zumindest verkleinern könnten.

Man sieht es der Waldfläche schon von Weitem an: Es geht ihr nicht gut. Zwischen Gitzenweiler Hof und Sulzenmoos standen einst gesunde Bäume, hauptsächlich Nadelbäume. Die sind jetzt tot. Schuld daran: Der Hitzesommer 2018, Schneebruchschäden 2019, Stürme 2020 und der Borkenkäfer, der den Bäumen den Rest gab. 2000 Quadratmeter Wald sind kaputt.

In den Städten wird es heißer

Die Sommer werden heißer und die Hitzetage nehmen zu. So wie wir Menschen schwitzen, schwitzt auch der Wald. In den Städten entstehen Hitzeinseln, an denen es besonders heiß ist. Für Pflanzen, den Obstanbau und Tiere bedeutet das Stress. Das lässt sich auch in die Klimawandelstudie nachlesen, die das Energie- und Umweltzentrum Allgäu für die Stadt Lindau erstellt hat. Ein Hitzekonzept hat die Stadt Lindau allerdings nicht. Aber was kann man dagegen tun?

Wenn Bäume sterben

Nichts mehr getan werden konnte bei der Waldfläche zwischen Gitzenweiler Hof und Sulzenmoos. Die Bäume mussten weg. Das Tückische: Insektenschäden sieht man erst, wenn sich die Baumkronen verfärben, erklärt Christian Müller vom Forstrevier Lindau. Dann ist es aber schon zu spät. Man kann nur noch den Schaden begrenzen, um die Bäume drumherum zu schützen.

Wie also sieht der Wald der Zukunft aus? „Auf jeden Fall anders, als der der Vergangenheit“, sagt Christian Müller. Er und die Waldbesitzervereinigung Westallgäu ( WBV ), die um die 2300 Mitglieder hat, haben sich zu dieser Frage Gedanken gemacht und angefangen, kaputte Flächen neu aufzuforsten.

Es sollen Mischwälder mit mehrheitlich Laubbäumen entstehen. Verwendet werden mindestens 16 Laubbaumarten: Roteiche, Eiche und Heinbuche stehen neben Wildkirsche und Linden. Auch Nadelbäume, wie die Douglasie, werden angepflanzt.

Diese Vorgehensweise ist vergleichbar mit dem Anlegen von Aktien. Setzt man auf mehrere Baumarten, anstatt nur auf eine, verteilt sich das Risiko. Außerdem pflanzen Müller und seine Kollegen kleinräumig an, wie er erklärt. „Dann ist die Schadensfläche geringer, falls etwas passiert.“

Im Wald der Zukunft stehen also mehr Laubbäume und er ist jünger. Zum einen verjüngen die Wälder sich von selbst, indem Bäume Samen abwerfen und neue wachsen. Zum anderen – und das wird laut Müller in Lindauer Wäldern hauptsächlich gemacht – wird angepflanzt. Man befinde sich immer im Spektrum zwischen dem, was dem Wald guttut, und dem, was die Menschen von ihm brauchen: zwischen Biodiversität und Wirtschaftlichkeit.

Der „Klimawald“, der so über Jahre hinweg entsteht, soll laut Müller Lindauerinnen und Lindauern, zeigen, wie der Wald der Zukunft aussieht. Der Wald als Demonstrationsort.

Im Wald der Zukunft stehen Laubbäume und er ist jünger

Der Mischwald wird vom Land Bayern gefördert. Dirk Stapelfeldt vom WBV unterstützt und berät Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer bezüglich Zuschüsse, die das Land mit Förderprogramme zur Verfügung stellt so wie bei der Fläche in der Nähe des Gitzenweiler Hofs. Denn das Aufforsten ist nicht günstig.

Dazu kommt mähen, pflege und einiges mehr. 25 000 Euro und mehr koste es, einen Hektar anzupflanzen. Aufgeforstet wird mit klimatoleranten, also „wärmeliebenden“ Laubbäumen, wie Stapelfeldt es nennt.

Für den Stadtwald müssen Gutachten aktualisiert werden

Die Stadt Lindau hinkt mit ihren Wäldern noch etwas hinterher. Bei manchen Flächen habe man mit dem Umbau zwar schon begonnen – was aber noch fehlt, ist die Aktualisierung des Forstbetriebsgutachtens, schreibt Sprecherin Patricia Herpich . Das ist nötig, weil die Stadt in den vergangenen zehn Jahren zehn Hektar Wald dazugekauft hat. Sie besitzt jetzt 28 Hektar, die meisten Wälder in Lindau sind in Privatbesitz.

Die Gelder stünden schon bereit, sodass im Jahr 2023 begonnen werden kann. Ist die Bestandsaufnahme fertig, werde mit den Liegenschaften festgelegt, wie viel Hektar umgebaut werden.

Dass das auch wirklich passieren muss, dafür hat ein Beschluss im Lindauer Stadtrat von diesem März gesorgt. Auf Empfehlung des Klimabeirats. „Ein artenreicher Wald kann seine Schutzfunktionen viel besser wahrnehmen“, hieß es damals.

Die Stadt braucht Bäume

Nicht nur im Wald, auch in den Städten sind Bäume beim Schutz gegen die Hitze essenziell. Sie sorgen für Schattenplätze und kühlen die Stadt herunter, indem sie Feuchtigkeit speichern.

In Lindau sollen Bäume gegen sogenannte Hitzeinseln helfen. Ein konkretes Konzept gegen Hitze habe die Stadt nicht, so Herpich. Aber der Stadtrat beauftragte im März die GTL, 50 Bäume im Jahr zu pflanzen. Der GTL-Werkausschuss stelle das Geld bereit und gepflanzt werden könne ab 2023. Bis jetzt gebe es ungefähr 25 000 Bäume auf dem Gebiet der Stadt Lindau, schätzt der ehemaligen Leiter der Stadtgärtnerei, Meinrad Gfall.

Um die Stadt vor Hitze zu schützen, müssten auch Flüsse, Bäche und See sowie Grünanlagen, Parkanlagen, Alleen und die Grünstreifen an den Straßen gestärkt werden, so Herpich. Eine Strategie für Stadtgrün in Freiflächen hat die Stadt im Stadtentwicklungskonzept 2015 festgelegt.

Wichtig für gutes Klima in den Städten ist frische und kühle Luft. Im Freirauraumkonzept der Stadt wurden fünf grüne „Landschaftsfinger“ definiert. Sie erstrecken sich aufgefächert von der Insel aus in Richtung Bad Schachen, Hoyren, Oberreitnau, Wannental und nach Zech. Das Bodenseeufer und ein „grüner Ring“ um die Insel gehören auch dazu. Die Anlegung der Grünflächen im Rahmen der Gartenschau war ein Teil davon.

Das Problem ist allerdings: Es gibt Konfliktbereiche. Gebäude, die genau in den diesen Landschaftsfingern stehen oder dort geplant sind und sie sozusagen versperren. Bei ständig steigendem Wert von Grund und Boden wird der Druck auf Lindaus Freiflächen immer stärker. An der einen Stelle ist es ein Kindergarten, an anderer ein Schulgebäude, heißt es in einem Pressebericht zu einem Vortrag des Konzepts.

Wie wird Lindau eine Schwammstadt?

Auch beim Prinzip einer Schwammstadt spielen Bäume eine entscheidende Rolle. Damit die ihre Funktion ausleben können, muss allerdings der Unterbau einer Stadt in gewissem Maße umgebaut werden.

Bei einer Schwammstadt soll Regen über Bäume und grüne Flächen aufgenommen und gespeichert werden – wie in einem Schwamm. Anstatt es zu kanalisieren und abzuleiten.

Dafür müssen Fassaden und Dächer begrünt werden, und es muss offenporige Straßen geben und Plätze, in die das Wasser dann versickern kann. So wird es in der Klimawandelstudie erklärt. Daniel Zimmermann vom „Arbeitskreis Schwammstadt“ aus Wien, der zu dem Konzept einer Schwammstadt bei der Lindauer Gartenschau einen Vortrag gehalten hat, schreibt darin, dass so Stadtbäumen das Überleben gesichert wird. Beispiele für Schwammstädte seien Wien, Linz und Graz. Das Prinzip habe sich in Wien bei Starkregenereignissen bereits bewährt. Wie weit man in der Umsetzung bereits ist, dazu gibt die Verwaltung keine Antwort.

Der Klimawandel schreitet voran und Probleme bleiben

Klar ist: Lindau muss einen weiten Weg gehen, um sich auf ein Klima vorzubereiten, das sich schon längst verändert und noch weiter verändern wird. Denn trotz Klimawald und neuen Baumarten, die Probleme bleiben. Vor allem nachfolgende Generationen sind von Hitze, Trockenheit und Starkregen betroffen.

Und wenn es nicht mehr der Borkenkäfer ist, der den Bäumen zusätzlich zu schaffen macht, werden neue Schädlingen auftauchen, sagt Christian Müller vom Forstrevier. Zum Beispiel invasive Pilze, die durch die Globalisierung ins Land kommen. Neue Probleme kommen, alte bleiben. Christian Müller ist sich sicher: „Planbar ist das nicht. Man muss flexibel sein.“