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Neue Heimat gefunden

Für die Liebe nach Guatemala: Warum eine Lindauerin nicht zurück will

Lindau / Lesedauer: 5 min

Auf ihren außergewöhnlichen Weg gemacht hat sich die heute 73-Jährige vor knapp 50 Jahren. Wenn sie zu Besuch am See ist, sammelt sie Spenden.
Veröffentlicht:01.12.2023, 05:00

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Die Lindauerin Walli Rupflin-Alavarado lebt in Guatemala. Auf ihren außergewöhnlichen Weg gemacht hat sich die heute 73-Jährige vor knapp 50 Jahren. Obwohl sie nicht in Deutschland leben möchte, kommt sie gern zu Besuch, hat ihren Freundeskreis in Lindau gepflegt und ein enges Netz zwischenmenschlicher Verbindung geknüpft. Und sie sammelt Spenden, damit sie ihren Freunden in Guatemala helfen kann.

Den Grundstein hat der frühere Reutiner Pfarrer Siegfried Fleiner gelegt, der zehn Jahre lang die Pfarrgemeinde in Zunil betreut hat, die auf über 2000 Metern im Hochland von Guatemala liegt. Er initiierte eine Brieffreundschaft zwischen der jungen Walli und dem Medizinstudenten Miguel Alavarado aus Cantel, einem Nachbarort von Zunil.

Ich war damals Lehrerin in Biberach, schon Beamtin auf Lebenszeit, aber das fand ich ganz fürchterlich.

Walli Rupflin-Alavarado

„1974, als ich mein erstes Geld als Lehrerin verdient habe, besuchte ich Pfarrer Fleiner und lernte Miguel leibhaftig kennen“, erinnert sich Walli Rupflin-Alavarado. Die beiden verliebten sich ineinander. Miguel kam 1977 zu ihr nach Deutschland und schloss in Würzburg sein Medizinstudium ab. Die beiden heirateten und zogen 1980 gemeinsam nach Guatemala.

Aussteigen aus dem engen, vorgeplanten Leben

„Ich wollte nicht in Deutschland leben. Ich war damals Lehrerin in Biberach, schon Beamtin auf Lebenszeit, aber das fand ich ganz fürchterlich“, sagt Walli Rupflin-Alavarado. Sie habe aussteigen wollen aus diesem engen, vorgeplanten, absehbaren Leben.

„All die gesellschaftlichen Zwänge und der ganze soziale Druck waren mir ungeheuer unangenehm - ich wollte fort. In eine andere Welt, ohne genau zu wissen, was mich da erwartet.“ Sie sei immer schon ein Freigeist gewesen - aber keiner der sich gegen das System wehren wollte. „Ich bin eher davon gelaufen“, bekennt sie.

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Ihr sei bewusst, dass sie das Leben in Guatemala verklärt gesehen, und sich vielen Illusionen hingegeben habe. Aber als ihr Mann sie gefragt habe, ob sie mit ihm zusammen arbeiten wolle und ob sie auf Luxus verzichten könne, habe sie zweimal „Ja“ gesagt. Sie sei fasziniert gewesen von den Mayas, die mit Unsicherheiten und in Armut lebten, und dennoch zufrieden und fröhlich waren.

Seit fast 50 Jahren lebt Walli Rupflin-Alavarado in Guatemala.
Seit fast 50 Jahren lebt Walli Rupflin-Alavarado in Guatemala. (Foto: Privat)

Ihr Mann baute mit den Ersparnissen des Paars und aus Spenden von Lindauer Freunden ein Krankenhaus auf. Weil er Mayas behandelt habe, die häufig pauschal als Guerillas gesehen würden, sei er bedroht und schließlich verfolgt worden.

Darum zog die Familie mit drei kleinen Kindern nach einem Zwischenstopp in Deutschland nach Südmexiko, wo Miguel Alavarado wieder in einem Krankenhaus gearbeitet habe. Erst nach acht Jahren wagte sich die Familie zurück nach Guatemala. Ihr kleines Krankenhaus sei in der Zwischenzeit geplündert worden.

2007 kommt ihr Mann ums Leben

Die beiden nahmen ihre Tätigkeiten wieder auf, und kümmerten sich in Cantel - wiederum mit Hilfe von Spendern aus Deutschland - um die dortige Schule und um den Erhalt und den Ausbau der dürftig ausgestatteten Gemeindebibliothek. Schulbücher waren Mangelware. Lesen rein zum Vergnügen - das gab es nicht.

„Letztendlich war uns die Unsicherheit in Guatemala dennoch lieber als die Sicherheit mit all ihren Pflichten und Zwängen in Deutschland“, erzählt Walli Rupflin-Alavarado. Das Paar baute seine Hilfsmaßnahmen aus.

Walli Rupflin-Alavarado beim Bau eines Hühnerstalls.
Walli Rupflin-Alavarado beim Bau eines Hühnerstalls. (Foto: Privat)

Mit Spenden aus Deutschland konnten die beiden die Schule erhalten und die Lehrer bezahlen. Eine große Spende ermöglichte es ihnen, die ersten drei neuen Klassenzimmer zu bauen. 2003 wurden die Vereine „Itzamna - Hilfe für Guatemala“ in Deutschland, dessen Vorsitzender seit 2010 der Biberacher Arzt Andreas Uhl ist, und „Le K’at“ in Guatemala gegründet.

In Guatemala arbeitet Walli Rupflin-Alavarado in einer Schule, die sie mit Spendengeldern aus Deutschland unterstützt.
In Guatemala arbeitet Walli Rupflin-Alavarado in einer Schule, die sie mit Spendengeldern aus Deutschland unterstützt. (Foto: Privat)

Die Vereine boten eine rechtliche Grundlage, um finanzielle Mittel beim Bundesentwicklungsministerium beantragen zu können. Sie kauften Grundstücke, bauten Gebäude und vergrößerten die Schule.

Bis 2007 lag der Schwerpunkt ihrer Arbeit zusätzlich auf der medizinischen Betreuung. Doch dann kam Miguel Alavarado bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Walli Rupflin-Alavarado versuchte Mediziner zu finden, die die Arbeit in seinem Sinne fortsetzen - doch sie fand keine.

Obwohl die Kinder in Deutschland leben - Sie bleibt in Guatemala

Sie blieb in Guatemala, obwohl zwei ihrer drei Kinder inzwischen in Deutschland lebten, zog aus der Hauptstadt, wo sie als Lehrerin gearbeitet hat, nach Cantel und begann sich verstärkt um die Fortbildung der Lehrkräfte der Schule zu kümmern, entwickelte Lehrmaterial und Lerninhalte selbst.

„Die Weiterbildung der Lehrer ist absolut notwendig, weil die staatliche Ausbildung miserabel ist“, erklärt Rupflin-Alavarado. Heute verfügt die Schule über zehn Klassenzimmer. Über 200 Schülerinnen und Schüler werden bis zum Mittelschulabschluss unterrichtet. Obwohl es Bedarf gebe, kann die Schule nicht erweitert werden - es fehlt an Geld für mehr Lehrkräfte.

Aktuell dürfe man gespannt sein, ob der neu gewählte Präsident, der Sozialdemokrat Bernardo Arévalo, der die Korruption bekämpfen wolle, Erfolg haben wird, sagt Rupflin-Alavarado. Die Korruption sei in Guatemala ein großes Problem.

„Ich bin Gottseidank kein Journalist und kein Jurist.“ Darum betreffe sie das alles nicht direkt. „Ich agiere an der untersten Ebene, mit Leuten, die vernünftig arbeiten wollen.“ Vor allem die Maya-Bevölkerung erkenne an, was sie für sie leiste. „Die Rolle, die ich spiele, gefällt mir sehr gut und die Menschen hier liebe ich.“