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Nach den Regenfällen

Bodenseepegel höher als im Schnitt - das bringt Gefahren

Lindau / Lesedauer: 4 min

Der Bodenseepegel ist überdurchschnittlich hoch. Veränderungen belasten das sensible Ökosystem. Gefahren bestehen für Pflanzen, Tiere und den Mensch.
Veröffentlicht:30.11.2023, 05:00

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Wer am See entlang spaziert, der bemerkt schnell, dass der Wasserstand für diese Jahreszeit höher ist als sonst. Im Sommer war er kurz vor einem Rekordtief. Derartige Schwankungen bringen Gefahren für Pflanzen und Tiere.

Der Wasserstand des Bodensees hat sich über Jahrhunderte zu einem wiederkehrenden Wechsel zwischen hoch und tief eingependelt. Dabei ist der Höchststand meist im Sommer nach der Schneeschmelze und der Niedrigstand im Winter.

In diesem Jahr verhielt sich der Pegel aber anders. Im Mai, und damit früher als gewöhnlich, erreichte der Wasserstand seinen Höhepunkt. Anschließend sank der Wasserspiegel über den Sommer konstant ab. Dabei erreichte er fast die niedrigsten Pegelstände im Juli seit 1981. Ende August sprang er innerhalb weniger Tage auf einen Wert über vier Meter an. Grund dafür waren starke Regenfälle.

Der Jahrespegel des Bodensees: Aktuell (blau), maximal (rot), durchschnittlich (grün) und minimal (schwarz).
Der Jahrespegel des Bodensees: Aktuell (blau), maximal (rot), durchschnittlich (grün) und minimal (schwarz). (Foto: Hochwasservorhersagezentrale Baden-Württemberg )

Sechsthöchster Stand seit Aufzeichnungsbeginn

Kaum drei Monate später stellte das Bayerischen Landesamts für Umwelt (LfU) den „sechsthöchsten am Bodensee gemessenen Wasserstand im November seit dem Beobachtungsbeginn 1871“ fest, wie ein Pressesprecher berichtet. Grund dafür seien die starken Regenfällen in den vergangenen Wochen gewesen. Durch das warme Jahr käme der Niederschlag nicht als Schnee, sondern als Regen zu Boden.

Treibholz im Bodensee ist nicht nur für die Schifffahrt, sondern auch für Pflanzen und Tiere eine Gefahr.
Treibholz im Bodensee ist nicht nur für die Schifffahrt, sondern auch für Pflanzen und Tiere eine Gefahr. (Foto: rst)

Der Sprecher meint aber, dass „ein Trend zu erhöhten Wasserspiegeln im Winter nicht zu erkennen ist.“ Isolde Miller vom Bund Naturschutz in Lindau widerspricht: „Der See verändert sich.“ Der Pegelstand würde über das Jahr hinweg normalerweise eine Sinuskurve bilden. Diese flache in den letzten Jahren immer mehr ab.

Einheimische Pflanzen bedroht

Laut Tatjana Erkert von der Landesanstalt für Umwelt in Baden-Württemberg ist die Tier- und Pflanzenwert an die Wasserstände angepasst. Eine derartige Veränderung könne „für einzelne Arten problematisch werden.“ Dazu zähle die Strandrasengesellschaften.

Auch die Strandschmiele, die nur am Bodensee vorkommt, sei betroffen. Laut Experten ist diese Art extrem gefährdet.

Pegelschwankungen bringen Gefahren

Isolde Miller erklärt, dass diese Gewächse normalerweise im Frühjahr blühen. Hohe Wasserstände im Herbst überfluten die Lebensräume der Pflanzen. Diese treffen aber genau in dieser Jahreszeit die „Vorbereitungen“ auf die Blüte. Hohe Wasserstände könnten so die „Bereiche mit optimalen Lebensraumbedingungen“ einengen, sagt Tatjana Erkert.

Das Wasser schwappt über die Freitreppe in Friedrichshafen: Im Moment ist der Wasserstand deutlich höher als sonst im Schnitt zu dieser Jahreszeit.
Das Wasser schwappt über die Freitreppe in Friedrichshafen: Im Moment ist der Wasserstand deutlich höher als sonst im Schnitt zu dieser Jahreszeit. (Foto: Tanja Poimer)

Ein höherer Pegel führe dazu, dass der See im Winter nicht mehr so kalt werde. „Das ist ein Problem“, sagt Miller. Durch die höheren Temperaturen an der Oberfläche sinken die sauerstoffhaltigen Schichten nicht mehr so oft auf den Grund ab. Die Folgen seien noch nicht sicher abzusehen, könnten aber den Fischbestand des Bodensees beeinträchtigen.

Jungtiere von Fischen und Vögeln eingeschränkt

Vor allem seien die Kinderstuben der Bodenseefelchen bedroht, so Miller. Diese laichen zwischen November und Dezember weit vom Ufer entfernt. Nach der Befruchtung sinken die Eier auf den Seegrund ab und entwickeln sich dann zu Fischen. Wenn in tieferen Schichten kein Sauerstoff mehr ankommt, könne sich der Jungfisch nicht so gut entwickeln. „Kein Sauerstoff - keine Entwicklung“, merkt Miller an.

Auch Nistplätze von Vögeln seien bedroht. Der Schilfbestand sei durch ein Zusammenspiel von wechselndem Pegelstand und Treibholz gefährdet. Dagegen setzt das Wasserwirtschaftsamt Zäune und die Seekuh ein, wie Leiter der Seemeisterstelle Lindau Stefan Fei sagt.

Frustration über Ignoranz

Der Pressesprecher des LfU in Bayern findet, dass der hohe Wasserstand zu dieser Jahreszeit als „unkritisch für Flora und Fauna zu bewerten“ sei. Ihn beschäftigen eher die Wasserniedrigstände im Sommer. Das erschwere die Aufzucht verschiedener Arten durch veränderte Verhältnisse.

Miller erwidert, dass die Entwicklungen im See in den vergangenen Jahre nicht von der Hand zu weisen seien. „Es ist frustrierend mit welcher Ignoranz gesagt werden kann: Weiter so“, sagt sie. Ökosysteme müsse man in Gänze betrachten, da kleine Veränderungen große Wirkungen auf das gesamte System und somit auch auf den Menschen haben können.