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Rettung für bedrohte Arten ‐ Biologen wollen letzte Bestände erhalten

Tettnang / Lesedauer: 4 min

Im Tettnanger Hinterland gibt es seltene Vorkommen von Bachmuscheln und Steinkrebsen. Beide sind vom Aussterben bedroht. Doch noch gibt es eine Chance für sie.
Veröffentlicht:15.11.2023, 19:15

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Mit Anglerhosen watet Biologe Michael Pfeiffer durch den Bach und sucht mit den Händen den schlammigen Grund des Gewässers ab ‐ bis er irgendwann etwas Flaches, Braunes zutage fördert: Eine Bachmuschel. Noch vor wenigen Jahrzehnten hätte er nicht lange suchen müssen, denn damals waren die Muscheln zu Tausenden in kleinen Fließgewässern der Region vertreten. Heute sind sie vom Aussterben bedroht und streng geschützt.

Genauso ergeht es dem Steinkrebs, einer heimischen Krebsart, die massiv durch den eingeschleppten amerikanischen Signalkrebs bedroht ist. Die Bestände sowohl von Bachmuscheln als auch von Steinkrebsen sinken, doch im Tettnanger und Kressbronner Hinterland gibt es noch ein paar wenige Vorkommen. Diese zu retten, hat sich der Landschaftserhaltungsverband Bodenseekreis (LEV) vorgenommen und dafür gemeinsam mit Biologen ein ungewöhnliches Projekt gestartet.

Muscheln haben Jahresringe wie Bäume

Die Bachmuschel, die Biologe Michael Pfeiffer vom Gewässerökologiebüro gobio aus Freiburg in den Händen hält, ist bereits mindestens 15 Jahre alt, wie er anhand von Jahresringen auf der Schale abzählt. Der gesamte Bestand sei überaltert, erklärt LEV-Geschäftsführer Daniel Doer. Sprich: Alle noch vorhandenen Muscheln sind eher ältere Exemplare, seit Jahren hat es keinen Nachwuchs mehr gegeben.

Die Bachmuschel ist streng geschützt und vom Aussterben bedroht. Noch vor einigen Jahrzehnten war sie in den Bächen der Region zahlreich vertreten.
Die Bachmuschel ist streng geschützt und vom Aussterben bedroht. Noch vor einigen Jahrzehnten war sie in den Bächen der Region zahlreich vertreten. (Foto: Linda Egger)

Um der Fortpflanzung der Muscheln auf die Sprünge zu helfen, hat das Team um Daniel Doer und Michael Pfeiffer bereits im Sommer 2022 einige Fische im Wielandsbach ausgesetzt, die zuvor mit Bachmuschel-Larven „infiziert“ wurden. Denn für die Vermehrung ist die Bachmuschel auf Wirtsfische, wie beispielsweise Elritze, angewiesen. Die Larven der Muscheln haften dann für einige Zeit in den Kiemen der Fische.

Auf diese Weise könnten nun im besten Fall bereits mehrere Hundert oder sogar Tausende Jungmuscheln im Wielandsbach leben. Ob das Projekt tatsächlich funktioniert hat, werde man aber erst in etwa drei bis fünf Jahren sehen, meint Pfeiffer. Denn noch seien die potenziellen Babymuscheln so winzig, dass man sie nicht zu Gesicht bekomme.

Dem Steinkrebs droht die Krebspest

Kein Problem mit der Fortpflanzung hat der Steinkrebs, der unter anderem nur ein paar Kilometer weiter in einem Gewässer des Nonnenbach-Systems vorkommt. Michael Pfeiffer zieht mit einem Kescher los und findet sogar ein trächtiges weibliches Exemplar mit zahlreichen, gut erkennbaren Eiern an der Unterseite. Die seltenen Tiere haben jedoch ein anderes schwerwiegendes Problem: Der amerikanische Signalkrebs droht die letzten Bestände des heimischen Steinkrebs auszumerzen.

Biologe Michael Pfeiffer sucht im Wielandsbach nach Bachmuscheln. Dort gibt es noch eines von wenigen letzten Vorkommen der bedrohten Art.
Biologe Michael Pfeiffer sucht im Wielandsbach nach Bachmuscheln. Dort gibt es noch eines von wenigen letzten Vorkommen der bedrohten Art. (Foto: Linda Egger)

Denn zum einen frisst der deutlich größere Signalkrebs die kleineren Tiere mit Vorliebe. Zum anderen bringt er die sogenannte Krebspest mit ‐ eine Krankheit, die für den Signalkrebs nahezu ungefährlich ist, für den nicht darauf angepassten Steinkrebs jedoch absolut tödlich. Mit sogenannten Krebssperren wollen die Biologen nun die weitere Ausbreitung der amerikanischen Krustentiere verhindern.

„Das sind Vorrichtungen, die die Signalkrebse aufhalten, damit sie nicht weiter wandern können“, erklärt Daniel Doer. Krebssperren sind schon an mehreren Stellen im Landkreis angebracht worden. Auch an dem Gewässer im Tettnanger Hinterland soll eine solche installiert werden.

Für Laien kaum zu unterscheiden

Ein Mittel, das die Biologen nicht gerne anwenden, weil es durch die Sperren auch für andere Tiere wie Fische kein Durchkommen gibt. „Doch wenn der Signalkrebs sich einmal ausgebreitet hat, wird die Krebspest durch die Strömung verteilt und das ist für den Steinkrebs ein Todesurteil“, erklärt Michael Pfeiffer. Bis auf die Größe bei älteren Tieren ist der Signalkrebs für Laien kaum vom Steinkrebs zu unterscheiden.

Auch sie ist noch in einigen Bächen in der Region zu finden: Die große Teichmuschel. Biologe Michael Pfeiffer zeigt eine leere Schale von einem der Tiere.
Auch sie ist noch in einigen Bächen in der Region zu finden: Die große Teichmuschel. Biologe Michael Pfeiffer zeigt eine leere Schale von einem der Tiere. (Foto: Linda Egger)

Derzeit werden die Gebiete in der Region, in denen noch Steinkrebse vorkommen, von Michael Pfeiffer und seinem Team begutachtet. Im Auftrag des Landschaftserhaltungsverbands werden dann Maßnahmen eingeleitet, wie etwa der Bau von Krebssperren. „Noch können wir etwas tun und die Bestände retten“, sagt Daniel Doer. Glücklicherweise sei das auch bei den Bachmuscheln der Fall ‐ dank der Tatsache, dass diese so alt werden. Denn dadurch seien nun noch Exemplare vorhanden, die sich vermehren können.