Gemeinschaftsschule

„Natürlich ist eine gewisse Konkurrenz da“

Tettnang / Lesedauer: 9 min

Realschule vs. Gemeinschaftsschule – Zwei Schulleiter über Chancen, Risiken und Möglichkeiten der Annäherung
Veröffentlicht:28.02.2014, 16:10
Aktualisiert:24.10.2019, 16:00

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Die Manzenbergschule wird Gemeinschaftsschule. Was bedeutet das für Tettnanger Schüler? Und für die benachbarte Realschule? SZ-Redakteur Kai Lohwasser hat Jürgen Stohr, dem kommissarischen Schulleiter der Realschule, und Eugen Weber , Rektor der Manzenbergschule, auf den Zahn gefühlt.

SZ : Herr Stohr, eine Gemeinschaftsschule in unmittelbarer Nachbarschaft – Was hat das für Konsequenzen für die Realschule?

Jürgen Stohr: Ganz allgemein stellt die Gemeinschaftsschule für die Schullandschaft in Tettnang eine Bereicherung dar. Natürlich ist eine gewisse Konkurrenz da. Denn es wird nach dem gleichen Bildungsplan gearbeitet und es wird derselbe Abschluss angeboten. Auf der anderen Seite denke ich, dass beide Schularten ihre Berechtigung haben. Einfach deshalb, weil wir unterschiedliche Heransgehensweisen haben. Mein Grundsatz ist: Für jeden gibt es die passende Schule. Die Eltern müssen sich fragen: Welche Schule hat für mein Kind das beste Konzept.

SZ: Aber da beginnt doch die Crux schon, denn es gibt für beide Schulen Überschneidungen bei der Zielgruppe.

Eugen Weber: Ich sehe das ähnlich wie Herr Stohr. Die Gemeinschaftsschule ist leistungsbezogen wie die Realschule, hat aber eine individuelle Verbindlichkeit. Da unterscheiden wir uns. Ich glaube auch, dass die Bildungsempfehlung, die Grundschullehrer für ihre Kinder abgeben, eine neue Dimension hat. Es geht nicht darum, die Eltern zu überreden, wozu sie sich übrigens nicht überreden lassen: Nämlich eine bestimmte Schule zu wählen. Es geht um Beratung, und zwar von der ersten Schulklasse an. Sodass im Idealfall am Ende der Grundschule Eltern und Kinder wissen, welche Schule die passende ist. So kann es durchaus sein, dass ein Gymnasialkind ebenso wie ein Realschulkind bei uns die richtige Schule findet.

Woher wissen Eltern, welche Schule die passende für ihr Kind ist?

Weber: Wir gehen davon aus, dass die Eltern die notwendigen Informationen aus den Beratungsgesprächen und aus der Presse bekommen.

Und als Entscheidungshilfe: Was sind die Vorteile der Gemeinschaftsschule?

Weber: Gemeinschaftsschule (GMS) ist für alle Kinder offen. An der GMS sind im Idealfall Schüler mit unterschiedlichen Stärken und individuellen Voraussetzungen. Es gibt Schüler, die noch viel Hilfe benötigen, den Lehrer als Lernbegleiter und Lerncoach brauchen. Andere arbeiten sehr selbstständig und selbstorganisiert. Die GMS bildet alle Bildungsstandards ab, jeder Schüler lernt nach seinen individuellen Voraussetzungen und wird nach seinen Bedürfnissen gefördert und gefordert. In dem Kontext muss auch das Ganztagskonzept genannt werden, das wir ab Klasse 5 verbindlich an drei Nachmittagen anbieten. Ein ganz wesentlicher Faktor dabei ist, dass die Kinder den Schultag mit Phasen der Anspannung und Entspannung erleben. Wir nennen das Rhythmisierung. Die Ganztagsschule gibt den Kindern mehr Zeit, mehr Zeit zum Lernen, aber auch mehr Freizeit, denn zuhause müssen sie in aller Regel keine Hausaufgaben mehr machen. Sie haben sie ja bereits in der Schule gemacht. So müssen sich Eltern nicht als Lernbegleiter verstehen, wie es mitunter im Gymnasium der Fall ist.

In Abgrenzung zur Realschule, wo es wie läuft?

Stohr: Wir bieten auch Hausaufgabenbegleitung. Es gibt ein zusätzliches Lern- und Betreuungsangebot an den Nachmittagen, an denen kein regulärer Unterricht stattfindet. Außerdem bieten wir an vier Tagen in der Woche ein Mittagessen im Foyer an. Ich denke, der große Unterschied an der Stelle ist die Freiwilligkeit der Nachmittagsangebote. Es gibt beratende Gespräche mit Eltern und Kindern, die Schwierigkeiten haben zum Beispiel mit Hausaufgaben, bei denen empfohlen wird, die ergänzenden Angebote wahrzunehmen. Die, die das tun, sagen: Es ist ein tolles Angebot. Aber viele wollen das von Jahr zu Jahr neu entscheiden, weil sich vielleicht familiäre Voraussetzungen ändern, ein Elternteil unter Umständen dann mehr Zeit hat, sich um die Betreuung zu kümmern. An der Stelle richten wir uns nach dem Bedarf. Manche brauchen in den ersten Klassen, also fünf bis sieben, mehr Unterstützung, andere benötigen inhaltliche Hilfe. Hilfe, die wir ihnen anbieten können.

Hat sich nicht vor allem die Gemeinschaftsschule Lernförderung auf die Fahne geschrieben?

Weber: Fakt ist: Wir fangen künftig auf einem höheren Niveau an: vorerst in Klasse fünf mit dem Bildungsplan der Realschule bis 2015/16 der neue Bildungsplan für die Realschule kommt. Nach sechs Jahren Gemeinschaftsschule in der Sekundarstufe steht der Mittlere Bildungsabschluss, der identisch ist mit dem der Realschule an. Ziel sind die Schulabschlüsse, die sich aus den Bildungsstandards der Werkrealschule, der Realschule und des Gymnasiums ergeben. Deshalb brauchen wir mehr Förderung, weil wir natürlich auch die schwächeren Schüler haben. Und es bedarf teils sehr großer Anstrengung, um den Minimalanspruch zu erreichen, den Hauptschulabschluss.

Welche Nische bleibt da angesichts der von der Landesregierung vorgesehenen Zweigliedrigkeit für die Realschule?

Stohr: Die Realschule geht seit Jahrzehnten nachweislich mit der größten Heterogenität innerhalb der Schüler um. Das hat sich mit dem Wegfall der Grundschulempfehlung nicht wesentlich geändert, tendenziell eher noch verstärkt. Um auf die Heterogenität bestmöglich reagieren zu können, haben wir die Stufenteams eingerichtet, das bedeutet, dass unsere Kollegen sehr eng miteinander arbeiten. Es gibt regelmäßige Treffen, bei denen ein reger Austausch stattfindet. Da geht es unter anderem auch um Lernschwierigkeiten von Schülern und den Umgang damit. Kultusminister Andreas Stoch sagt, dass die zweite Säule neben dem Gymnasium nicht per se die Gemeinschaftsschule sein muss. Er spricht vielmehr von einer integrativen Säule, die sich aus den anderen Schularten entwickeln kann.

Das lässt Spielraum.

Stohr: Exakt.

Macht es Ihnen andererseits Angst, dass die Realschule in Salem , die dort unter einem Dach mit der Werkrealschule und künftigen Gemeinschaftsschule untergebracht ist, bald Geschichte sein könnte, weil der Gemeinderat dort die Aufhebung dieser Schulform beschlossen hat?

Stohr: In Salem liegt eine ganz andere Situation vor. Allein wegen der Schülerzahlen. Es wird dort schwierig, beide Schulen parallel zweizügig zu fahren. Auch aus demografischen Gründen sind die Voraussetzungen in Tettnang andere.

Weber: Salem ist nicht zu vergleichen mit Tettnang. Die hiesige Realschule war zu besten Zeiten fünfzügig.

Wie viele Schüler zählt die Realschule?

Stohr: Derzeit rund 630.

Weber: Und wir haben rund 500 Schüler mit der Grundschule zusammen. Norbert Zeller sieht in Salem auch den Charme einer gymnasialen Oberstufe, den man dort einrichten könnte. Das gefällt natürlich dieser Region, das hört sich gut an. Andererseits sind die Gemeinschaftsschulen in der Umgebung, in Meersburg und in Überlingen, nicht erfreut über diesen neuen Zug. Und über die Herangehensweise des dortigen Bürgermeisters.

Stichwort Bürgermeister: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Stadt Tettnang als Schulträger?

Weber: Wir sind eigentlich immer auf offene Ohren beim Bürgermeister und seinen Mitarbeitern gestoßen. Ich hatte nie den Eindruck, dass es eine einseitige Sache ist. Im Gegenteil.

Stohr: Ich habe nicht das Gefühl, dass es eine streng vorgegebene Marschroute gibt wie in Salem. Es kann doch auch eigentlich nur ein Miteinander geben zwischen Stadt und Schulen. Dementgegen halte ich den Weg, der in Salem eingeschlagen wurde, für bedenklich.

Müssen beide Schulen künftig verstärkt um ihre Klientel buhlen angesichts der demografischen Entwicklung?

Stohr: Die Schülerzahlen sind auf Basis der Geburtenzahlen relativ konstant bei uns. Dass wir existenzielle Sorgen haben müssten, sehe ich für Tettnang nicht. An der Realschule sind wir im Schnitt vierzügig. In vielen Klassen wird es in Richtung Dreizügigkeit gehen, also 70 bis 80 Schüler pro Klassenstufe. Ich denke nicht, dass wir aufgrund der Schülerzahlen Angst haben müssen um den Fortbestand der Realschule.

Das bedeutet für die Tettnanger: Koexistenz beider Schulformen?

Stohr: Nicht unbedingt. Von unserer Seite gingen die Gedanken schon auch in Richtung Schulverbund. Es gibt Argumente dafür und dagegen. Dagegen spricht die Größe. Wir hätten dann eine Schule mit 1100 Schülern, ein Riesentanker, der erst mal manövriert werden will. Auf unserer schulübergreifenden Klausurtagung haben wir uns deshalb auf ein Nebeneinander beider Schulformen geeinigt.

Weber: Ich möchte unser Neben- und Miteinander im besten Sinne mit einem älteren Ehepaar vergleichen. Unsere Schulen existieren schon lange nebeneinander. Wir haben (schon) viele Zeiten intensiven Miteinanders, der Annäherung und Kooperation erlebt. Immer geprägt von gegenseitiger Wertschätzung. Das wurde auch auf der erwähnten Klausurtagung deutlich. Obwohl wir inhaltlich sehr eng beieinander waren, herrschte schließlich unisono die Meinung, dass ein Zusammengehen derzeit ausscheidet.

Und in Zukunft?

Weber: Ich könnte mir vorstellen, dass die Vision des Bürgermeisters, dass aus zwei Schulen eine wird, eines Tages Realität wird. Und zwar aus meiner Sicht eine Gemeinschaftsschule. Ich bin absolut überzeugt von dieser Idee der Gemeinschaftsschule und kann mir gut vorstellen, dass wir uns zusammen dahin entwickeln. Und dann auch mit einer gymnasialen Oberstufe.

Herr Stohr, können Sie sich mit dieser Vision auch anfreunden?

Stohr: Im Sinn einer zweiten integrativen Säule, die sich aus den anderen Schularten entwickelt, schon. Für die Realschule ist die Gemeinschaftsschule zu sehr ein Konfektionsanzug, der von oben vorgegeben wird. Schöner wär’s, wenn’s an der Stelle einen Maßanzug für jede Stadt geben würde. Wie gesagt, die Realschule ist eine Schulart, die seit Jahrzehnten mit Heterogenität zurecht kommt. Wenn Sie unsere Abgänger anschauen, dann werden Sie bemerken, dass dreiviertel vergangenes Jahr eine weiterführende Schule zur Erlangung der Hochschulreife besucht hat.

Weber: Dabei ist die Gemeinschaftsschule ja gerade keine enge Schulart, weil sie ein Konzept für Schüler aller drei Bildungsstandards bietet. Mir erscheint die Argumentation immer so, als ob Gemeinschaftsschule unter der Realschule steht. In Friedrichshafen ist es ja anders aufgefasst worden. Ich denke, wir begegnen uns auf Augenhöhe. Denn wenn die Realschule schon mit der größten Heterogenität zurecht kommen muss, dann passt das doch ideal zur Gemeinschaftsschule. Unsere Tore stehen weit offen für eine Kooperation und Annäherung.

Stohr: Wenn das Ziel ist, dass sich neben dem Gymnasium eine Schulart etabliert, dann ist ein Sprung der Realschule in Richtung Gemeinschaftsschule sicher nicht der richtige Weg. Besser wäre es aus meiner Sicht, schrittweise über Schulverbünde und Kooperationen zu gehen und sich so weiter anzunähern.