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Florian Gwinn: „Sind nicht nur wegen der Erfolge stolz auf Giuli“ (mit Video-Gruß in die Heimat)

Friedrichshafen / Lesedauer: 9 min

Giulia Gwinn aus Ailingen steht mit Deutschland im EM-Finale von Wembley. Wir haben mit Vater Florian über Euphorie gesprochen, über Ängste - und eine amüsante Peinlichkeit. Dazu ein Gruß von Giulia.
Veröffentlicht:29.07.2022, 17:15
Aktualisiert:31.07.2022, 10:37

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Sie sind wahre „Eltern-Ultras" und leidenschaftliche Fans der DFB-Frauen - ihrer Tochter allemal. Schwäbische.de hat vor dem EM-Finale mit Florian Gwinn gesprochen, Vater der deutschen Top-Verteidigerin Giulia Gwinn . Der Fußball-Stern der 23-jährigen Defensivspielerin vom FC Bayern München war einst am Bodensee aufgegangen und leuchtet nun auch bei der Frauen-EM in England.

Dass Eltern die eigenen Kinder bei ihren sportlichen Aktivitäten unterstützen, ist nicht außergewöhnlich. Gabi und Florian Gwinn setzen dabei aber eigene Maßstäbe. Dass sie bei der Fußball-EM der Frauen in England jedes Spiels ihrer Tochter Giulia live im Stadion mitverfolgen, ist deshalb nicht überraschend.

Die beiden positiv verrückten Deutschlandfans sind auf der Tribüne ein Hingucker. Vor dem EM-Final-Kracher Deutschland gegen England am Sonntag (18 Uhr MEZ) hat Schwäbische.de mit Vater Florian gesprochen.

Hallo Herr Gwinn, wo erwische ich Sie denn gerade in London?

Florian Gwinn: Sie erwischen uns etwa zwei Kilometer vom Wembley-Stadion entfernt. Wir kommen gerade vom Einkaufen und werden uns die Umgebung rund um das Stadion gleich noch ein bisschen anschauen.

Bei unserem ersten Kontakt haben Sie und Ihre Frau von großer Müdigkeit gesprochen. Haben Sie nach dem Sieg gegen

Nein, überhaupt nicht. Keine Chance, kein Tropfen Alkohol. Wir waren mit dem Roller am Stadion und konnten dann wegen des Verkehrs lange nicht wegfahren. Aber es stimmt schon, die Emotionen waren extrem. Wir kamen die ganze Nacht eigentlich nicht runter. An Schlaf war nicht zu denken.

Video-Grüße für Fans und Leserinnen und Leser der Schwäbischen Zeitung:

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MicrosoftTeams-image (7) (Foto: Hassan Al Mohtasib /JUSTIN TALLIS/SZ/AFP)

Konnten Sie Gulia nach dem Halbfinale noch mal sehen?

Ja, gestern Abend war es ganz toll. Wir haben Giulia vom Hotel abgeholt und meine Frau hat ein sehr schönes Restaurant rausgesucht. Wegen Corona saßen wir draußen, auch immer mit Maske. Wir haben geplaudert und hatten einen sehr schönen Abend, bis ich Giuli dann wieder ins Hotel zurückgefahren habe.

Das klingt entspannt. Aber Hand aufs Herz: Wie sehr leidet denn schon der Ruhepuls mit Blick aufs Finale am Sonntag?

Bei meiner Frau und mir geht es jetzt wieder. Wir sind zwar müde, aber wieder geerdet. Aber wir wissen, dass der Sonntag die Erlebnisse vom Halbfinale noch mal toppen wird. Denn die EM in England ist schon extrem. Wir waren ja 2019 bei der WM in Frankreich, da war es lange nicht so intensiv wie jetzt, was die Emotionen anbelangt.

Woran liegt das?

Am Publikum, diese Masse an fußballbegeisterten Menschen. Ich muss mich ja eigentlich nicht mitreißen lassen, denn dadurch, dass unsere Tochter mitspielt, sind wir emotional eh schon extrem. Alles zusammen macht es intensiv.

Bilder aus dem privaten (EM-) Foto-Album:

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idole (Foto: privat SV Deuchelried)

Emotional extrem trifft es ganz gut im positiven Sinn. Sie sind beide bekannt und bei den Fans beliebt für ihre leidenschaftliche und farbenfrohe Unterstützung auf der Tribüne. Darf man Sie als verrückt-perrückte, inoffizielle Maskottchen der deutschen Frauennationalmannschaft bezeichnen?

Damit hätten wir kein Problem (lacht). Ich bin auch froh, dass ich mich mit den Perücken durchgesetzt habe. Meine Frau war erst dagegen. Aber es ging darum, sich auch stolz als Fan der deutschen Mannschaft zu präsentieren. Und die Dinger kommen ja auch extrem gut an im Stadion.

Auch bei der Tochter?

Der war das am Anfang auch erst peinlich. Aber als wir damit beim ersten Spiel im Stadion waren, kam gleich Alexandra Popp auf uns zu und hat gewunken, die anderen Mädels auch. Dann war es für Giuli auch ok. Mittlerweile winken alle gleich und sagen: "Ah, die Gwinns." Das gehört jetzt einfach zu uns dazu. Wir hatten da auch ein kurioses Erlebnis mit Fans auf der Autobahn. Wir hatten zufällig den deutschen Fan-Bus getroffen, haben überholt und gehupt und alle haben gewunken. Ein paar Minuten später laufen wir dann auch noch auf den Nationalmannschaftsbus auf, weil der denselben Weg hatte. Meine Frau hatte sich schon geduckt, damit die nicht alle denken, wir wären Helikopter-Eltern. Weil in England alles Privatgrund ist, haben wir einfach an einer Straße eine Rast eingelegt. Kurz darauf kommt den Mannschaftsbus auch da vorbei und Giuli sieht uns schon wieder. Das war schon sehr amüsant.

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imago0048380799h (Foto: Anke Waelischmiller/SVEN SIMON v/imago)

Sie haben Giulia nach dem Halbfinale getroffen. Welchen Eindruck hatten Sie von Ihr: nervös oder entspannt?

Von Nervosität war da gar nix zu spüren, das kommt vielleicht mit der Zeit als Profi. Aber klar ist auch, dass die Anspannung kommen wird. Das braucht man auch. Aber wir haben Ihr schon gesagt: "Mensch Giuli, am Sonntag gegen England in Wembley, da sind 90.000 im Stadion - und Minimum 80.000 gegen Euch." Da sagt Giuli zu mir: "Papa, das macht mich eher stark." Unglaublich. Das pusht sie eher.

Zumal man als weiblicher Profi selten vor so einer Kulisse, in so einem Hexenkessel spielt.

Ja, leider hat es so lange gedauert, bis der Frauen-Fußball wieder so einen Schub erfährt. Man sieht das ja auch an den Einschaltquoten im TV. Das ist wunderbar, das ist das schönste und ansteckendste Fieber, das man haben kann.

Das hoffentlich nicht so schnell abklingt. Wie sehr ärgern sie als Fußball-Eltern hämische Kommentare und ein immer noch bestehender struktureller Mangel an Wertschätzung?

Es ist schon besser geworden, noch lange nicht gut, aber besser. Aber in Ländern wie England oder Spanien gibt es in der Tat eine viel höhere Wertschätzung für Frauen-Fußball.

Da wird das eher gleichgesetzt mit dem Männerfußball - und das ist auch richtig so. Da geht es gar nicht mal um Gehälter, denn die sind bei den Männern in einer unerreichbaren Liga. Aber diese selbstverständliche Wertschätzung für die Frauen, die fehlt noch. Auch wenn es besser wird.

Wie groß ist der Stolz als Eltern, wenn die Tochter mit der deutschen Nationalmannschaft solche Erfolge feiert?

Eigentlich fast unbeschreiblich. Wir sind nicht nur mega stolz wegen des sportlichen Erfolges. Wir sind vor allem stolz auf unsere Tochter, weil sie so ein lieber, aufrichtiger, ehrlicher und bodenständiger Mensch ist. Gerade abseits des Platzes, wenn Fans Autogramme wünschen. Sie schaut dann auch von sich aus, wo etwa kleinere, ruhigere Kinder stehen und geht auf sie zu. Sie wird nie abheben. Früher war sie sogar mit ihren Emotionen auf dem Platz zurückhaltend, die lässt sie mittlerweile aber auch raus, was gut ist.

Es heißt, Ihrer Frau war zu Beginn die Fußball-Laufbahn der Tochter gar nicht so recht.

Ja, das ist richtig. Eines Tages hatte Giulia geweint und ich fragte sie, was los sei. Sie meinte sinngemäß: "Papa, ich will Fußball spielen. Aber Mama meint, Mädchen dürfen das nicht." Ich habe sie auf den Schoß genommen und gesagt: "Giuli, natürlich darfst Du Fußball spielen." Das Gesicht und die strahlenden Augen habe ich heute noch im Kopf.

Und mittlerweile ist auch die Mama voll überzeugt. Wie schwer war für Sie als Eltern die Zeit nach Giulias Kreuzbandriss im September 2020?

Das war eine unglaublich schwere Zeit. Da sind wir bis heute auch noch dem Professor Fink aus Innsbruck dankbar, der die Operation durchgeführt und sich sehr viel Zeit mit uns genommen hat, auch später gab es noch Kontakt. Seit der schweren Verletzung sind wir aber auch ängstlicher geworden. Bei jedem Foul geht der Puls höher. Diese Angst vor einer erneuten Verletzung ist einfach auch bei uns präsent.

Sie haben neben Giulia, der jüngsten Tochter, noch drei weitere Kinder. Wie vermeidet man in so einer großen Familie Neid und Eifersucht, wenn ein Kind so sehr im Rampenlicht steht?

Als sie noch kleiner war, gab es Kabbeleien eigentlich nur mit einem ihrer Brüder. Die konnte man nicht zusammen an den Frühstückstisch setzen, da war gleich Gezanke. Er hat sie immer gejagt, deshalb ist Giuli wahrscheinlich auch so schnell (lacht). Das ist aber längst Vergangenheit, seit Jahren sind alle stolz auf sie. Alle Geschwister kommen teils von weit her, um mit ins Stadion zu gehen.

Ich stelle die Frage auch deshalb, weil Sie auf jedes Spiel Ihrer Tochter fahren, auch auswärts dabei sind. Sie sind regelrechte Eltern-Ultras. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für andere Aktivitäten.

Nein, das ist unser Leben. Für andere Aktivitäten bleibt gar keine Zeit, das ist absolut unser Fokus.

Giulias Heimatverein ist die TSG Ailingen, wo aktuell alle die Daumen drücken. Wie viel von dieser Unterstützung bekommt Ihre Tochter in London mit? Immerhin werden ja auch in Friedrichshafen, Ravensburg und Weingarten Daumen gedrückt und bei all den anderen Vereinen mit Mädchen-Teams in der Region.

Sie bekommt das schon mit, über ihre Quellen, aber auch über uns, wenn wir ihr erzählen, dass die Heimat komplett durchdreht. Ich habe nach dem Spiel gegen Frankreich 132 WhatsApp bekommen, mit vielen Grüßen und Glückwünschen, die wir ihr ausrichten sollten. Das ist alles schon sehr überwältigend und freut uns. Das macht alles einfach einen Riesenspaß.

Ihr Tipp fürs Finale?

Da möchte ich keinen abgeben. Wir wären einfach nur sehr zufrieden, wenn wir ein Tor mehr schießen als der Gegner (lacht).

Steck-Brief zu Giulia Gwinn: