Thementag

„Demokratie leben“ in der Schule Schloss Salem

Salem / Lesedauer: 3 min

Thementag an der Schule mit dem ehemaligen Bundespräsident Joachim Gauck
Veröffentlicht:05.04.2022, 14:19

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Unter dem Motto „Demokratie leben“ hat am 29. März an der Schule Schloss Salem ein Thementag stattgefunden. Schulsprecher Luca Touati hatte den Themen- und Projekttag laut Pressemitteilung gemeinsam mit Schulsprecherin Elisa Seitz für die Salemer Klassen organisiert. Einen Tag lang gab es Workshops zu den Ursprüngen der Demokratie in Athen, zum Demokratieverständnis im östlichen Europa und Asien und zum aktuellen Thema Rechtsradikalismus in Deutschland. Zu Gast war der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck.

Leben in der Diktatur

Bei seinem Vortrag gewährte Gauck laut Mitteilung Einblicke in seine Kindheit und Jugend, die zunächst geprägt waren von Krieg und Nationalsozialismus und später vom Leben in der ehemaligen DDR . Er musste im Alter von 11 Jahren erleben, wie sein Vater plötzlich verschwand. Erst später erfuhren seine Familie und er, dass der Vater zu zweimal 25 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt worden war. Gauck wuchs in einer Kultur des Gehorsams auf und musste zu seinem Bedauern lernen, dass die eigenen Entwicklungschancen umso größer sind, je intensiver man sich anpasst und systemkonform ist.

1989 - Jahr des Aufbruchs

Die Aufbruchsstimmung im Jahr 1989 sei eine Chance für ihn gewesen, die er mit beiden Händen ergriffen habe. Nach einer Kette von Niederlagen seien die Menschen in den Jahrzehnten zuvor demütig geworden. Zahlreiche Aufstände wie der Arbeiteraufstand 1953 in Berlin und der Prager Frühling 1968 wurden mit sowjetischen Panzern niedergeschlagen und endeten blutig.

Doch die Sehnsucht nach Freiheit habe in den Ostblockstaaten in den Jahren danach wieder zugenommen. Als ermutigendes Beispiel für die Bürgerinnen und Bürger der DDR habe die polnische Gewerkschaft Solidarność gegolten, die aus einer Streikbewegung in den späten 80-er Jahren entstanden war und an der Revolution und Reform 1989 entscheidend mitwirkte. Ihm und den Menschen in seinem Umfeld sei bewusst geworden, dass die Angst sie nicht ein Leben lang beherrschen müsse. Die Sowjetunion schickte keine Panzer und die SED reagierte unsicher. Der Weg war frei. Die Menschen in der DDR waren euphorisiert von der Idee, die Gesellschaft verändern zu können.

Die Demokratie verteidigen

Gauck beschrieb den bewegenden Moment, als er als fast 50-Jähriger zum ersten Mal in seinem Leben an freien, gleichen und geheimen Wahlen teilnahm. „Niemals werde ich eine Wahl in meinem Leben versäumen“, sagte er und ermahnte die Schülerinnen und Schüler: „Solltet ihr eine Wahl verpassen, werde ich Euch in Euren Träumen erscheinen.“ Insbesondere die jüngere Generation wisse oft nicht, was Freiheit und Demokratie für Schätze seien. Er mahnte die Schüler:innen, insbesondere angesichts des Angriffskrieges auf die Ukraine, nicht nur eine positive Einstellung zur Demokratie zu haben, sondern diese auch zu verteidigen.

Offene Fragerunde

Im Anschluss an Gaucks Vortrag konnten die Schülerinnen und Schüler Fragen stellen. So lautete eine Frage, ob er glaube, dass die russische Bevölkerung aufstehen werde. Das glaube er eher nicht, antwortete Gauck. Man müsse bedenken, dass sie noch nie einen Tag der Demokratie gelebt haben: Zarentum, Lenin, Stalin und nun Putin. Man dürfe deshalb nicht hochmütig sein und die Antipathie gegen das russische Volk sei nicht richtig. Die Mehrheit im Land hat nur Zugang zur Staatspropaganda.

Wie seine persönliche Begegnung mit Putin gewesen sei, war eine weitere Frage. Man sei auf unterschiedlichen Kanälen unterwegs gewesen, auch bedingt durch beide Biografien. Ende der 80-er Jahre war Putin beim KGB in der DDR, während Gauck bereits in der Freiheitsbewegung agierte.