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Bürotüre

Neue Firma aus Meckenbeuren will ins Weltall starten

Meckenbeuren / Lesedauer: 3 min

Die vier Gründer von Yuri wollen Forschungsmöglichkeiten im Zustand der Schwerelosigkeit vermitteln
Veröffentlicht:30.09.2019, 17:00

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Ins Dachgeschoss eines Firmengebäudes im Industriegebiet ist die neue Firma Yuri eingezogen. Bürotüren und Trennwände gibt es nicht, dafür aber neben vielen Computern und Schaltplänen, Kletterwände, Böcke und Kästen aus dem Geräteraum einer alten Turnhalle.

„Wir wollten einen Open-Space, in unserer Nähe und bezahlbar“, erklärt Geschäftsführer Mark Kugel die Standortwahl. Die Firma Yuri will hoch hinaus. Ihr Ziel ist die Schwerelosigkeit.

„Yuri ermöglicht Forschung und Produktion in Schwerelosigkeit für jeden – meist auf Raketen, Parabelflügen und der ISS “, fasst Kugel, der in der Firma für die betriebswirtschaftlichen Aspekte zuständig ist, das Unternehmensziel zusammen.

Die drei anderen Mitgründer und Gesellschafter, Maria Birlem , Christian Bruderrek und Philipp Schulien, kommen aus der Raumfahrtindustrie, haben Raumfahrttechnik studiert und gemeinsam bei Airbus gearbeitet. Dort entstand auch das Projekt Kiwi, dass sich mit Forschungen in Schwerelosigkeit beschäftigte.

An Yuri Gagarin erinnern

Um Forschungsmöglichkeiten zur Schwerelosigkeit auch außerhalb des Airbus Konzerns zu vermarkten, gründeten die Raumfahrttechniker im September 2018 die Kiwi Microgravity UG in Meckenbeuren . Daraus entstand jetzt die Yuri GmbH mit Mark Kugel und Maria Birlem als Geschäftsführer.

Von Birlem stammt auch die Idee für den neuen Firmennamen, der an den ersten Raumfahrer, den Russen Yuri Gagarin erinnern soll. Mit der Yuri GmbH wollen sich die vier auch vom Kiwi-Projekt bei Airbus abgrenzen.

Wir suchen für den Kunden eine genau passende Lösung für seine Forschungen.

Mark Kugel

Ihre Geschäftsidee: Sie verkaufen Raum für Experimente zu den Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf Zellen, Pflanzen oder Werkstoffe. In Kästchen, die nicht größer sind als eine Schachtel mit Kaminzündhölzern, oder in quadratischen Boxen in der Größe einer Konfekt-Schachtel reist, was immer untersucht werden soll, in den Forschungsschränken auf der ISS, in Raumkapseln, in Raketen bei Suborbitalflügen oder bei Parabelfügen mit.

„Wir suchen für den Kunden eine genau passende Lösung für seine Forschungen“, verspricht Kugel. Wo das Experiment durchgeführt wird, hängt, so Kugel, vom Grad der Schwerelosigkeit ab, dem das Versuchsmaterial ausgesetzt werden soll und von der Zeitdauer, die für die Forschungen im Einzelfall erforderlich sind. Nachfrage nach solchen Versuchsreihen besteht nach Ansicht der Gründer nicht nur durch ESA, NASA oder DLR und im staatlichen Rüstungsbereich vieler kleiner Nationen.

Auf einen Wachstumsmarkt hoffen die Yuri-Gesellschafter auch im Bereich der kommerziellen Forschung. Als Beispiele, wo die Auswirkungen der Schwerelosigkeit interessant wären, nennt Mark Kugel zum Beispiel Glasfaserproduktion oder Pharmaforschung. „Adidas hat auch schon mal einen Fußball auf die ISS hochgeschickt“, erzählt er schmunzelnd.

Untersuchungen im Weltraum statt in der Petrischale sind, so Kugel, auch bei der Krebszellenforschung interessant. Mit den kleinen Forschungskästen, die die Firma Yuri vermarkten will, fokussiert sich das neue Unternehmen besonders auf biologische Experimente. Gespräche zu Versuchsaufbauten in Sachen Schwerelosigkeit gibt es auch schon mit Schulen aus der Region.

Für 100 000 Euro auf die ISS

Marktchancen rechnen sich die Yuri-Gründer aus, weil sie durch wiederverwendbare, bereits zertifizierte Forschungskästen Kosten einsparen und ihren potentiellen Kunden ein Netzwerk aus verschiedenen Forschungsplattformen und Partnern vermitteln können. „Für 100 000 Euro kann ein Experiment schon auf die ISS kommen“, nennt Kugel ein Beispiel für einen Einstiegspreis.

Der erste Auftrag ist schon unterschrieben. Experimente zur Auswirkung von Schwerelosigkeit soll es auch erdverbunden im sogenannten Klinostaten geben. Das Gerät simuliert durch Rotationsbewegungen die Wirkung der Schwerelosigkeit. Einen ersten Klinostaten entwickelte 1879 Julius von Sachs, um die Wirkung der Schwerkraft auf Pflanzen zu erforschen. In Meckenbeuren soll ein moderner computergesteuerter Klinostat entstehen, im dem Zellen untersucht werden können.

Es gibt viele große Unternehmen in der Region. Mark Kugel möchte aber auch den Gründergeist im Bodenseeraum wieder entfachen und ihn jetzt zum Beispiel nach Meckenbeuren tragen. „Die Zukunft der Raumfahrt ist modular, kommerziell und yuri – wir sind dabei“, wünscht sich Geschäftsführerin Maria Birlem.