Modellcharakter

Meckenbeuren hat „Modellcharakter“ für die Post

Meckenbeuren / Lesedauer: 7 min

SZ-Serie „Vor 50 Jahren“: Im Dezember 1968 soll die Neuordnung der Postversorgung den Kreis Tettnang stärken
Veröffentlicht:30.12.2018, 19:21
Aktualisiert:22.10.2019, 13:00

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Im Zuge ihrer Serie „Vor 50 Jahren“ beleuchtet die SZ diesmal die Neuordnung der Postversorgung, für die im Dezember 1968 Meckenbeuren als Modell galt.

Geht es heute darum, welche Dienste die Deutsche Post AG (1995 als privates Unternehmen aus der früheren Behörde hervorgegangen) in der Fläche anbietet, so beschäftigte die Postversorgung auch vor 50 Jahren die Gemüter. Im Kreis Tettnang sollte sie neu geordnet werden. Das Ziel dabei: Jeder Gemeinde ein eigenes Postamt oder eine eigene Poststelle zu bescheren, von der aus sie versorgt werden sollte – was „als Tendenz“ laut SZ „erstmalig in der Bundesrepublik“ versucht wurde.

Der Plan war im Sommer 1968 ausgearbeitet worden und wurde im Dezember vorgestellt. Meckenbeuren kam dabei Modellcharakter zu: In der Ernst-Lehmann-Straße war ein Postamtsgebäude neu erstellt worden, das die damals noch nicht mit Kehlen fusionierte Gemeinde zustellmäßig bediente.

Zur Vorgeschichte, wie sie Josef Friedel im Jahr 2000 in der Veröffentlichung des Kulturkreises Nummer 4 („Die staatliche Post in Meckenbeuren“) skizzierte: 1861 wurde die Post als zentraler Verteilungspunkt fürs Umland im Bahnhof eröffnet. Sie ist dem Dienstbereich der Königlich-Württembergischen Staatseisenbahn zugeordnet – eine enge Verzahnung, die über Jahrzehnte bestand.

1906 zog die Post ins Eisenbahn-Dienstwohngebäude gegenüber am Bahnhofsplatz. 1965 erfolgte der Umzug in die Ernst-Lehmann-Straße, in der die Post 42 Jahre angesiedelt war. Ende 2007 war es Zeit für die „Rückkehr“ der Post ins Bahnhofsgebäude, in dem sie 1861 ihre Anfänge hatte.

Am 3. Dezember 2007 öffnete die Postfiliale in der Ernst-Lehmann- Straße letztmals. Wenige Meter weiter dient seit dem 4. Dezember 2007 das Reisebüro im Bahnhof, der sich ja seit 2007 im Gemeindebesitz befindet, als Postagentur.

Doch zurück in den Dezember 1968, als Postrat Rilling die Pläne für den Kreis Tettnang vorstellte: Für die Gemeinde Meckenbeuren waren in den Teilorten Liebenau und Brochenzell nur noch Annahmestellen verblieben. „Das Modell Meckenbeuren hat sich betriebstechnisch gut bewährt“, hieß es in der Bewertung, weshalb es auf den gesamten Kreis übertragen werden könne.

Weiter hieß es in der SZ: „In Kehlen, wo bereits ein schönes und beachtenswertes Gemeindezentrum entstanden ist, wird auch eine neue Poststelle notwendig sein und zwar in diesem Raum“ – was das heutige Dorfgemeinschaftshaus meinte.

Rilling deutete zudem an, dass – je nach der Entwicklung, die Kehlens Einwohnerzahl nimmt – auch an ein Postamt gedacht werden könnte. Zunächst aber genügte die Zentralisierung: „Der gesamte Zustelldienst für die Gemeinde Kehlen wird von der Poststelle Gemeindezentrum aus durchgeführt“, sodass die bisherigen Poststellen Kehlen und Reute aufgehoben werden könnten.

Einen Sonderfall bildete Gerbertshaus: „Im Raum Gerbertshaus/Lochbrücke wird eine Annahmestelle im Haus der Familie Reusch belassen. Sie soll im Lauf der kommenden Jahre zu einer Poststelle mit festen Schalterstunden ausgebaut werden. Die Annahmestelle bleibt, um den Bewohnern der Ortsteile Gerbertshaus und Lochbrücke den weiten Weg über die stark befahrene B 30 zu ersparen“, führte SZ-Redakteur Gerhard Rogge aus.

Die Hintergründe der Reform blieben nicht unbeleuchtet: Laut Rilling „habe sich die Post nicht ausschließlich von wirtschaftlichen Gedanken leiten lassen“. Vielmehr stehe im Fokus, „die Gemeinden des Kreises Tettnang auch in postalischer Sicht als Einheit zu behandeln“ – wofür die Post in Einzelfällen auch Mehrkosten in Kauf nehme.

Freilich wollte Rilling einen „Pferdefuß“ nicht verschweigen. Für einen Teil der Bevölkerung ergebe sich „eine gewisse Verschlechterung“, weil „für sie der Weg zur Post unter Umständen weiter wird“.

Appetit machte der Postrat mit dem Ausblick, dass in solchen Fällen ein Teil als Annahmestellen erhalten blieben. „Es ist aber auch daran gedacht, mehr Münzfernsprecher einzurichten und sie mit ,stummen Postämtern’ auszustatten – dann braucht man nicht wegen jeder Postmarke lange Wege zu gehen.“

Vier Jahre später sollte alles anders sein – als zum 1. Januar 1973 der Bodenseekreis an die Stelle des Kreises Tettnang trat.

BLICK:

Und außerdem noch im Dezember 1968...

Tettnang

Bei der dritten dreitägigen Kunstausstellung in der Stadthalle erweitert sich der Kreis der Künstler von fünf auf sieben. Zu Karl Haller, Leni Haller-Janitzek, Liesl Meschenmoser, Helmut Bruckmann und Anton Hertnagel kommen Walter Schruttke (Tettnang) und Conrad David Arnold (Weingarten) hinzu.

900000 Mark kostet der Behälter, mit dem das Wasserwerk im Ried vergrößert wird. Was angesichts des ergiebigen Vorkommens gern in Kauf genommen wird. Fraglich ist, ob bei dieser Investition der Wasserzins von 40 Pfennig gehalten werden kann.

Der Kreis Tettnang hat damals 85650 Einwohner und liegt unter den 63 Landkreisen an 36. Stelle.

Im Kreiskrankenhaus Tettnang wird die 2500. Geburt gefeiert, die es in den vier Jahren gibt.

Tannau

Richtfest wird nicht nur bei der Tettnanger Bank in der Karlstraße, sondern auch beim Schulhaus- und Turnhallenneubau in Obereisenbach gefeiert. Die Gemeinde Tannau hofft als Bauherr, dass beide Gebäude ab September 1969 nutzbar sind.

Langnau

Die Baugenehmigungen liegen vor für die Hauptschule in Oberlangnau und für die Turn- und Festhalle in Laimnau. Finanzielle Aufwendungen von mehr als zwei Millionen Mark gehen damit einher.

Kehlen

Nicht mehr fern ist die Zeit, da auch Laien die Kommunion austeilen werden. In Kehlen erklären sich dazu drei Männer aus den Reihen des Pfarrgemeinderats bereit.

Bereits im Dezember wird Kehlens Gemeinde im Gottesdienst erstmals von einem Laien angesprochen: Anstelle der Predigt geht Dozent Knoblauch von der PH Weingarten auf die künstlerische Ausgestaltung der neuen Kirche ein.

Und auch in der Gemeinde Kehlen gibt es ein Richtfest – in Kau am achtgeschossigen Punkthaus, dessen 29 Wohnungen Bauabschnitt I der neuen Wohnsiedlung darstellen.

Meckenbeuren

Erfreuliches weiß Bürgermeister Müller bei einem Besuch bei der KJG Brochenzell zu vermelden. Die Bundesautobahn-Querspange werde an der Gemeindegrenze vorbeiführen, sodass die dank der Eisenbahn eh schon günstige Verkehrslage Meckenbeurens „auf lange Sicht erst recht als außerordentlich vorteilhaft beurteilt“ werden könne.

Abschied nehmen heißt es von „Tante Anna“, die als „der gute Geist in mutterloser Familie“ gewürdigt wird. Aus familiären Gründen verlässt Anna Daubenschütz nach acht Jahren die Region. Eine Nachfolge für sie als Dorfhelferin im Gebiet der Station Kehlen-Tettnang-Meckenbeuren werde frühestens 1970 möglich sein, heißt es.

Neukirch

Die Tradition, dass Neukirchs und Meckenbeurens Musikkapelle zusammen ein Konzert geben, setzt sich fort. Unter Leitung der „Kapellmeister“ Josef Zacher und Otto Wietfeld ist „anspruchsvolles Musikgut“ zu hören, heißt es in der SZ.

Kressbronn

Trotz kühlen Wetters 1968 ergibt sich im Fremdenverkehr ein Plus – bei 106 000 Übernachtungen zwischen April und Oktober, zu denen Gäste aus dem Ausland gerade mal 1998 beisteuern. Eine weitere bemerkenswerte Zahl: Die Aufenthaltsdauer beträgt acht Tage. Sorgen bereiten die lautstarken Mopeds: Hier soll es im Sommer von 22 bis 6 Uhr eine Sperrzone geben, um Klagen der Gäste zu begegnen.

Pfarrer Rüdiger von Schroeder verabschiedet sich nach zwölf Jahren „segensreichen Wirkens“ in der Christuskirche. Er geht nach Urach.

Aus Gattnau vermeldet „Hans Reiter, Lebensmittel“, dass er sein Geschäft aufgibt. Hingegen kann die Weinstube „Zur Kapelle“ das 100-Jährige feiern.