Fahrrad

„Es braucht Frauen und Männer im Gemeinderat“

Meckenbeuren / Lesedauer: 3 min

Renate Martin war 1956 Meckenbeurens erste Gemeinderätin – Die heute 103-Jährige erinnert sich gerne zurück
Veröffentlicht:31.10.2018, 15:05
Aktualisiert:22.10.2019, 15:00

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103 Jahre alt ist Renate Martin heute, die als erste Frau 1956 in den Gemeinderat in Meckenbeuren eingezogen ist. Mit einer überwältigenden Zahl von 1559 Stimmen. Das war eine Sensation vor 62 Jahren. Als promovierte Medizinerin und auch im Gemeinderat drehte sich alles in ihrem Leben um das Wohlergehen ihrer Mitmenschen. Ihr Ansehen war groß und der Respekt für sie ist es heute noch.

Seit 1946 ist Renate Martin Bürgerin von Meckenbeuren. „In der Berblingerstraße habe ich meine Praxis eröffnet“, erzählt sie im Gespräch, „auf zwölf Quadratmetern. Die Treppe war das Wartezimmer“. Mit dem Fahrrad ist sie Sommer wie Winter zu ihren Patienten gefahren, in ganz Meckenbeuren und weit darüber hinaus und später mit dem Moped, auf das sie besonders stolz war. 40 Jahre lang war sie die Ärztin für die Menschen hier. „Keine Lobhudelei“, will sie, schließlich habe man einfach getan was wichtig war. Weit über ihren Beruf hinaus, hat sie sich für ihre Mitmenschen engagiert. Fand Zeit für die Kirchengemeinde, sang im Kirchenchor, war Kommunionshelferin – auch für die Kranken zuhause und im Familienkreis.

Dazu kommt das leidenschaftliche Engagement im Gemeinderat über stolze 28 Jahre lang. Nicht alles hat sie mehr im Blick, aber der Bau des Rathauses blieb ihr im Gedächtnis, die Einsetzung von Siegfried Tann 1971, dem sie den Eid abnahm und dem gestrengen Kampf gegen die Raucher im Gremium, die sich im Neubau am Theodor-Heuss-Platz schließlich ihrem Willen beugten. Im Dezember 1984 überreichte Bürgermeister Siegfried Tann ihr die Ehrenmedaille des baden-württembergischen Gemeindetages. Und noch heute erinnert er sich sehr gerne an „diese hervorragende Persönlichkeit“. „Sie war hoch geschätzt“, denkt er zurück, „genoss hohes Ansehen und Respekt und war eine echte Bereicherung. Auch in der CDU Ortsgruppe war sie immer ein ausgleichendes Element und aus vollem Herzen dabei. Als Ärztin war sie schon damals ihrer Zeit Lichtjahre voraus“.

Wie wichtig es ist, Frauen im Gemeinderat zu haben, weiß der ehemalige Bürgermeister und Landrat nur zu gut und behauptet: „Jedes Gremium benimmt sich anders, wenn Frauen mit dabei sind.“ Damit ist er sich einig mit der liebenswerten Seniorin, die alle interessierten Frauen aufruft mitzumachen. „Sie wachsen in die Aufgabe hinein“ versichert sie. „Es ist wichtig, dass Frauen und Männer im Rat sind. Frauen sehen die Dinge aus ihrem Gesichtspunkt. Männer aus einem anderen. Das gilt es zu verbinden.“ Ihr hat es immer viel Freude gemacht „mitzuhelfen, dass die Dinge laufen“.

Ihren Optimismus hat sie bis heute nicht verloren, ist „Gott dankbar für alles in ihrem Leben“ und ihrem Wahlspruch ist sie noch immer treu: „Jammern gilt nicht. Es gibt immer einen Weg.“ Ihren Mitstreitern im Gemeinderat blieb sie so in Erinnerung: „Sie war die moralische Instanz und hat den Finger gehoben, wenn etwas nicht richtig lief. Sie hatte eine große soziale Ader. Das war ihr Metier.“ Und so manchem klingt noch heute die Begrüßung von Bürgermeister Siegfried Tann bei den Sitzungen in den Ohren: „Sehr geehrte Frau Doktor, meine Damen und Herrn...“