Verzweifelt

Flüchtlingsfamilie sucht erfolglos nach Wohnung

Meckenbeuren / Lesedauer: 4 min

Die Familie Alhasan sucht eine Wohnung – Die Gemeinde möchte helfen, hat aber selbst keine Lösung
Veröffentlicht:28.04.2017, 18:04
Aktualisiert:23.10.2019, 06:00

Von:
Artikel teilen:

Die Familie Alhasan sucht eine Wohnung. Die Gemeinde Meckenbeuren möchte helfen, hat aber selbst keine Lösung. Ein anderer Wohnort ist wegen der Wohnsitzauflage nicht möglich.

Khaled Alhasan sitzt auf einem Stuhl in einem Zimmer. Hier, in der Anschlussunterbringung in Meckenbeuren lebt er seit mehr als einem halben Jahr. Ein Hocker dient als Nachtisch, in einer Ecke des Zimmers steht ein Schrank, in der anderen liegt eine Matratze auf dem Boden. Weiße Gardinen hängen am Fenster. Der Raum wirkt hell und freundlich. Alhasan wirkt müde. Irgendwo läuft ein Fernseher – ansonsten ist es still. Vor dem Bett liegen zwei lächelnde gelbe Stoffbären mit dunklen Knopfaugen – „Pu der Bär“, einmal groß, einmal klein. Spielzeug seines vierjährigen Sohnes und der einjährigen Tochter. Im November vergangenen Jahres ist Khaled Alhasans Frau mit den beiden Kindern nach Deutschland nachgezogen. Seitdem teilen sie sich das kleine Zimmer. Seit Wochen versucht der Familienvater, eine Wohnung zu finden, doch der Erfolg bleibt aus. Auch die Gemeinde ist machtlos.

Khaled Alhasan ist vor dem Krieg in Syrien geflohen. Der heute 30-Jährige hat Damaskus verlassen und seine Familie zurückgelassen, um den Weg für ein anderes Leben vorzubereiten, ein Leben ohne Krieg. Im September 2015 hat Alhasan Deutschland erreicht. Sein Weg führt ihn von Karlsruhe, nach Kau in die Seldner-Halle, dann in die Gemeinschaftsunterkunft nach Kressbronn. Schließlich wird der Asylantrag genehmigt. Alhasan zieht in die Anschlussunterbringung nach Meckenbeuren. Das war vor einem knappen halben Jahr.

Er erzählt seine Geschichte während er in die Küche geht und einen Kaffee kocht. Alhasan konzentriert sich, um die richtigen Worte zu finden, wiederholt sich, wenn er ein Wort falsch ausgesprochen hat. Er möchte Deutsch lernen, Arbeit finden – und eine Wohnung: „Ich möchte nur alleine mit meiner Familie wohnen – frei leben.“ Er ist dankbar hier zu sein – mit seiner Familie, doch die erfolglose Suche nach einer Wohnung bedrückt ihn. Denn er wohnt hier nicht allein mit seiner Familie: Drei Zimmer sind auf der Etage. Eines ist das der Alhasans. In einem der Zimmer lebt ein Mann, in dem anderen Zimmer zwei. Zudem gibt es ein gemeinsames Bad und die Gemeinschaftsküche, zählt Khaled Alhasan auf. Vorher habe er mit einem anderen Mann in dem Zimmer gelebt, der sei plötzlich verschwunden. Was wenn der Mitbewohner wieder kommt? Alhasan hat keine Antwort.

Sonderfall in der Gemeinde

Auf dem Rathaus auch nicht, sagt er. Er ist in den letzten Monaten oft dort gewesen, hat beim Jobcenter, beim Landratsamt, auf dem Rathaus nach einer Lösung gesucht und nach einer Wohnung gefragt: „Ich habe immer gesagt: 'Meine Familie kommt bald’, dann 'meine Familie kommt nächsten Monat’, 'meine Familie kommt nächste Woche’.“ Seit November 2016 ist seine Frau mit den zwei Kindern da. Geändert hat sich sonst nichts: Es ist dieselbe Wohnung, die sich die junge Familie mit den Männern teilt, es ist dasselbe kleine Zimmer, dass die Familie bewohnt. Ein Zustand den laut Alhasan nur seine Familie erleben müsse, alle anderen hätten eine Wohnung.

Die Familie Alhasan sei ein Sonderfall, sagt Bürgermeister Andreas Schmid : Viele Menschen seien in den vergangenen Monaten als Familie gekommen sind, wurden als Familie auch verteilt. „Bei Herrn Alhasan war es so, dass er als Alleinreisender dagewesen und als Alleinreisender weiter in die Anschlussunterbringung gekommen ist. Dann ist seine Frau mit den Kindern als Nachzug gekommen. Das sind verschieden Ebenen.“ Er könne verstehen, dass er unzufrieden ist.

Doch es ist mehr als Unzufriedenheit: Die Enge strapaziert, „macht krank“, sagt Alhasan. „Ich habe kein Glück, ich habe mich bemüht, ich möchte meine Familie nicht verlieren“ Seine Frau stößt an Grenzen. Sie habe Angst vor den anderen Männer, schließe sich und die Kinder im Zimmer ein, wenn er den Integratioskurs besuche.

Das junge Paar hat lange darauf gewartet wieder zusammen zu sein. Der Krieg zerstörte die Wohnung in Damaskus. Schon in Syrien lebten sie daraufhin in einem Zimmer. Nun wollte er seiner Frau mehr bieten. Doch er scheitert an dem Wohnungsmarkt in Meckenbeuren. In eine andere Kommune darf er nicht ziehen. Trotz Anerkennung greift die sogenannte Wohnsitzauflage, der Wohnort ist für Alhasan vorgeschrieben.

Meckenbeuren fehlt Wohnraum

Täglich durchforstet er Anzeigen, sucht Wohnungen, stellt Anfragen. Doch die Ausbeute ist schlecht. So schlecht, dass er schon Menschen auf der Straße angesprochen habe – denn auch die Kommune hat keine Lösung: In Veranstaltungen versucht die Gemeinde immer wieder Haus- oder Wohnungsbesitzern verschiedene Modelle aufzuzeigen, „wo wir seitens der Gemeinde in Verantwortung gehen durch Übernahme des Mietvertrages.“, so Schmid. „Wir versuchen konsequent weiter Wohnungen anzumieten – als Mieter oder Häuser zu kaufen, wenn sie marktübliche Preise haben.“

Asyl

Abschiebung trotz Integration

qWeingarten