Nestflucht

Vogelkind aus dem Nest gefallen? - Hier geht es den Tieren in Meckenbeuren gut

Meckenbeuren / Lesedauer: 5 min

Christel Schmid und Werner Halder nehmen sich mit Feingefühl und Expertise gefährdeten Jungvögeln an
Veröffentlicht:02.07.2022, 17:00

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Die Hitze der Vorwochen hat wohl ihren Teil dazu beigetragen: Vermehrt wird die verfrühte Nestflucht junger Vögel beobachtet. Wer ein solches Vogelkind findet (und sich überzeugt hat, dass es wirklich der Hilfe bedarf), der steht vor der Frage: was tun?

In Meckenbeuren gibt es mit Christel Schmid und Werner Halder zwei Anlaufstellen, die freilich derzeit um Rücksichtnahme bitten. Aus unterschiedlichen Gründen sind sie ausgelastet.

„Ich mache es gerne und bin mit Herzen dabei“ – was Christel Schmid aus Brochenzell von sich sagt, lebt sie seit mehr als drei Jahrzehnten vor. Dieser Tage jedoch ist der junggebliebenen 80-Jährigen ein Beisatz wichtig: „In den letzten Jahren ist es mir zu viel geworden.“ Notfälle will sie weiterhin aufnehmen, im Gesamten aber kürzer treten.

Distelfink, Bachstelz, Mönchsgrasmücke und Kohlmeise

Waren es im Vorjahr zeitweise zehn bis zwölf Gäste auf einmal, so sind es derzeit deren acht, die sie teils in der Wohnung, teils im Schuppen beheimatet. Bei letzteren ist absehbar, dass sie in den nächsten Tagen losfliegen können. „Die Vögel wissen genau, wann sie dazu in der Lage sind“, vertraut Christel Schmid dem Gespür der Tiere.

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Im Schnitt drei bis vier Wochen lang päppelt sie die gestrandeten oder verletzten Vögel auf – im Moment sind es zwei Spatzen, je eine Bachstelze, Mönchsgrasmücke und Kohlmeise sowie drei Distelfinken. Einige davon hat ihr Werner Halder vorbeigebracht – samt dem Nest, mit dem sie vermutlich bei einem Sturm vom Baum gefallen sind.

Manchmal besser für die Vögel: „bitte in Ruhe lassen“

Die erste und entscheidende Frage bei der Auffindesituation ist stets: Muss der Vogel in menschliche Obhut genommen werden? Die Erfahrungen von Christel Schmid decken sich da mit dem, was Gerhard Kersting auf SZ-Anfrage sagt: „Frisch (regulär) ausgeflogene Jungvögel können teilweise erst recht schlecht fliegen. So hüpfen junge Amseln oft mehr am Boden herum als dass sie fliegen würden. Diese Jungvögel werden aber durchaus von den Eltern betreut und gefüttert. Also bitte in Ruhe lassen“, so der Ratschlag des Geschäftsführers im Naturschutzzentrum Eriskirch.

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Brauchte der kleine Vogel doch Hilfe, dann war und ist er bei Christel Schmid an der richtigen Adresse – bei größeren eher bei Werner Halder, so beider Aufgabenteilung. „Wir arbeiten gut zusammen“, sagt Halder denn auch über seine Jahrgängerin – beide schaffen es immer wieder, die geschwächten gefiederten Freunde aufzupäppeln. Dabei kommt es Christa Schmid zufolge vor allem auf Wärme und Futter an. Letzteres verabreicht sie jenen, die noch kein Futter zu sich nehmen können, daher schon mal mit Feingefühl und der Spritze in den aufgesperrten Schnabel.

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Statt der Wärmflasche kommt heutzutage die Wärmebox zum Einsatz

„Mit der Zeit lernt man dazu“, hat sie für sich festgestellt. Gerade im Zusammenspiel mit Werner Halder zog dabei manche Neuerung in Brochenzell ein. „Früher hab ich mir nachts den Wecker gestellt, um dem Spätzle eine Wärmflasche zu machen“, gibt sie in der ihr eigenen bescheidenen Art Einblick in ihren Alltag. Heute kommt eine Wärmebox zum Einsatz, die für den gefiederten Schützling die Nacht hindurch auf 37 Grad eingestellt ist – ein Tipp von Werner Halder.

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Technische Neuerungen sind das eine, die menschliche Einsatzfreude ist das andere. „Meistens sind die gefundenen Jungvögel noch sehr klein, so dass die Überlebensaussichten in der Regel eher gering sind. Und nur die wenigsten Naturfreunde sind wohl in der Lage, von morgens Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang permanent Jungvögel zu füttern“, benennt Gerhard Kersting die Problematik.

Offene Haustür für die zahme Bachstelze

Christel Schmid hat ihr Leben nach diesem Rhythmus ausgerichtet. Das Füttern der Kleinsten erst im Ein-, dann im Zwei-Stundenturnus bringt es mit sich, das eigene Privatleben einzuschränken. Just am Tag, als sie die SZ trifft, wäre Jahrgängerausflug gewesen – den hatte Christel Schmid zum wiederholten Male abgesagt. „Ich bin ein Tiermensch“, sagt sie zufrieden und sieht darin ihre Aufgabe.

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Keine Schwierigkeit hat sie, die Vögel wieder ziehen zu lassen. Einmal jedoch schien dies nicht zu klappen – hatte sich doch eine Bachstelze so an Christel Schmid gewöhnt, dass sie den Sommer über bei ihr blieb. „Tagsüber war sie draußen, und abends kam sie wieder herein“, erinnert sie sich an das zahme Tier, für das dann auch schon mal die Haustür offen blieb.

„Je kleiner, umso herziger“ empfindet und leidet Christel Schmid mit dem gefiederten Geschöpf. Vereinzelt hatte sie auch schon größere Tiere in ihrer Obhut – von der Wasserralle über den Waldkauz bis zum Sperber. „Fliegt einer weg, kommt der nächste“, sagt sie zum Gang der Dinge, bei dem sie künftig aus gesundheitlichen Gründen mehr an sich denken muss. Was ihr Tier und Mensch vergönnen...