Unterbringung

Asyl: „Wir wissen noch nicht, wer kommt“

Langenargen / Lesedauer: 5 min

Bodenseekreis und Gemeinde Langenargen informieren über neue Unterkünfte – 110 Zuhörer wollen’s wissen
Veröffentlicht:12.11.2014, 13:09
Aktualisiert:24.10.2019, 08:00

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Von null auf 100: Was die Unterbringung von Flüchtlingen angeht, hat sich Langenargen lange zurückgehalten. Das wird sich nächste Woche ändern, wenn, wie berichtet, bis zu 75 Asylbewerber vorübergehend ins Familienferiendorf und 27 Flüchtlinge dauerhaft in die Untere Seestraße 98 ziehen. Deshalb haben Kreis und Gemeinde am Montagabend zu einer Informationsveranstaltung eingeladen.

„100 Leute im beschaulichen Langenargen unterzubringen, das ist heftig, das ist uns klar“, versichert Reinhard Friedel , Leiter des Kreissozialamtes. Wie heftig, beweist das große Interesse: 110 Zuhörer sind in das Foyer der Turn- und Festhalle gekommen, um in zweieinhalb Stunden mehr über die neuen Gemeinschaftsunterkünfte zu erfahren – und zu einem großen Teil ihre Mithilfe anzubieten. Die Schwäbische Zeitung fasst die drängendsten Fragen und Antworten zusammen.

Wer übernimmt die Versorgung?

Beide Unterkünfte gehören der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Mieter ist der Bodenseekreis, der für die Erstunterbringung von Flüchtlingen zuständig ist und als Betreiber unter anderem Heimleitung und Hausmeister stellt. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) sorgt für die soziale Betreuung. „Darüber hinaus sind wir auf ehrenamtliche Helfer angewiesen und freuen uns sehr, dass die katholische Kirchengemeinde Langenargen die Koordination übernimmt“, betont Reinhard Friedel.

Welche Menschen werden in Langenargen untergebracht?

„Wir wissen noch nicht, wer kommt“, sagt Bürgermeister Achim Krafft . Aber angesichts der besseren Sozialprognosen „versuchen wir, Familien zu bekommen“. Der Blick auf die Krisenherde der Welt zeigt, dass vor allem Syrer, Iraker und Afrikaner unter den Flüchtlingen sein dürften. Die Landeserstaufnahmestelle in Karlsruhe verteilt die Asylbewerber auf die 44 baden-württembergischen Stadt- und Landkreise je nach Einwohnerzahl. „Uns werden zurzeit 63 Menschen im Monat zugewiesen“, weiß Sozialamtschef Friedel. Und weil die zehn bisherigen Gemeinschaftsunterkünfte des Kreises mit ihren 353 Plätze „rappelvoll sind, steht uns das Wasser bis zum Hals“. Langenargen schafft Abhilfe – dauerhaft in der Unteren Seestraße und bis Ende Februar im Feriendorf.

Gibt es eine Empfehlung, wie die Langenargener mit den Gästen umgehen sollen?

„Da gibt es kein Rezept“, sagt Barbara Ludwig vom DRK, die unter anderem die Gemeinschaftsunterkunft in Markdorf betreut. Dass nach Langenargen vorrangig Familien kommen sollen, vereinfache die Kontaktaufnahme jedoch: „Schule und Kindergarten sind der Schlüssel.“ Sobald die Kinder angemeldet seien, komme sehr viel Bewegung in die Beziehungswelt. Reinhard Friedels Tipp: „Offen, aber nicht aufdringlich sein.“ Eine sehr große Rolle würden die Helferkreise spielen: „Sie bringen die Leute in die Gemeinde hinein.“

Von beziehungsweise mit was leben die Asylbewerber?

Was die finanziellen Mittel betrifft, sind wie beim Arbeitslosengeld II im Monat pro Person 391 Euro vorgesehen, Jugendlichen von 14 bis 18 Jahre stehen beispielsweise 280 und Kindern bis sechs Jahre 200 Euro zu. Für Asylbewerber gilt drei Monate lang ein Arbeitsverbot, gemeinnützige Ein-Euro-Jobs dürfen sie sofort antreten, ebenso ist es ihnen erlaubt, direkt eine Ausbildung zu beginnen. „Es geht darum, die Menschen möglichst schnell gesellschaftlich und beruflich zu integrieren, damit sie keine Leistungen mehr von uns benötigen“, sagt Reinhard Friedel vom Sozialamt.

Der Kreis kommt außerdem für die Unterbringung auf. Die bescheidene Ausstattung zählt Frederik Kessler, Heimleiter für die Unterkünfte im Bodenseekreis , auf: „ pro Person ein Bett, ein Stuhl, ein Schrank und pro Familie ein Tisch und ein Kühlschrank.“ Um den ersten Grundbedarf zu decken, gibt’s Bettbezug, Besteck und Geschirr. An Wohnraum stehen derzeit jedem Flüchtling 4,5 Quadratmeter zu, 7 Quadratmeter sollen es bis 2016 werden. „Nehmen wir eine fünfköpfige Familie, dann sind wir bei 35 Quadratmetern“, rechnet Bürgermeister Achim Krafft vor und betont: „Das ist bei Gott nicht übertrieben, das ist kein Luxus, der da vorgehalten wird. Wir wollen über die Mindestansprüche gehen, wo es möglich ist.“

Tennisheim hat 2015 ausgedient

„Wenn Sie das ehemalige Tennisheim von früher kennen, behalten Sie es in guter Erinnerung.“ Bürgermeister Achim Krafft hat bei der Informationsveranstaltung am Montag deutlich gemacht, dass die Baracke in der Unteren Seestraße weder qualitativ, noch quantitativ geeignet ist, Menschen angemessen unterzubringen.

Mangels Alternativen wohnen in dem Gebäude, das gleichzeitig Anschlussunterbringung und Obdachlosenunterkunft ist, derzeit trotzdem eine fünfköpfige Familie aus Serbien und eine obdachlose Frau. Ein weiteres Problem: Zuletzt Genannte ist Achim Krafft zufolge ein „sehr schwieriger und aggressiver Fall“ – was diese mit einem lauten und unfreundlichen Kurzauftritt in der Turn- und Festhalle untermauerte. Die Folge: „Unsere Leute sind nahezu täglich am ehemaligen Tennisheim, und auch die Polizei schaut regelmäßig vorbei“, berichtet der Bürgermeister.

Zum Hintergrund: Die Erstunterbringung von Asylbewerbern übernimmt der Landkreis. Wer einen sogenannten Aufenthaltstitel hat, zieht zumeist in eine Anschlussunterbringung für die Städte und Gemeinden zuständig sind. Um die Situation im Tennisheim zu verbessern, bis 2015 auf dem Gelände der Verbandskläranlage in Kressbronn drei neue Wohnungen entstehen, soll das Gebäude zumindest überholt werden.

Wer sich ehrenamtlich im Bereich Gemeinschaftsunterkünfte beziehungsweise Unterbringung der Asylbewerber engagieren will, meldet sich im katholischen Pfarramt, Telefon 07543/2463.