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Igitt

Was hilft gegen die Algenplage am Bodensee?

Langenargen / Lesedauer: 5 min

Wenn die Pflanzen verrotten, stinkt es zum Himmel. Das mussten Langenargener und Urlauber im vergangenen Sommer feststellen. Was nun?
Veröffentlicht:17.05.2023, 05:00

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Was für eine Gestank: Langenargener und Urlauber erinnern sich mit Schrecken an die Algenplage im vergangenen Sommer zurück. Der grüne Teppich beleidigte die Nase und machte außerdem das Baden an vielen Stellen vor allem zwischen Strandbad und Schwedi unmöglich. Das Regierungspräsidium Tübingen (RP) kündigte an, die Ursachen zu erforschen — und legt jetzt nicht nur Ergebnisse vor, sondern berichtet auch, wie das Algenproblem gelöst werden soll.

Die Gemeinde Langenargen hat vermeldet, dass auf der Internetseite des RP die Informationen inzwischen zusammengetragen sind. Demnach ist unter anderem geplant, die Algen punktuell abzumähen, abzusaugen und temporär Barrieren zu errichten. Das gilt vor allem für intensiv genutzte Bereiche wie das Strandbad.

Amphibienfahrzeug getestet

Wie die Entnahme beziehungsweise das Verdrängen genau funktionieren soll, steht irgendwann im Juni fest. Entsprechende Tests würden laufen. Ende März war beispielsweise auf Vorschlag des RP bei einer Vorführung ein Amphibienfahrzeug im Einsatz. Algen gab zu dem Zeitpunkt noch keine.

Grün, weit das Auge reicht: Im vergangenen Sommer herrschte in Langenargen Algen-Alarm.
Grün, weit das Auge reicht: Im vergangenen Sommer herrschte in Langenargen Algen-Alarm. (Foto: Schwäbische.de)

Markus Sterk, Leiter des Langenargener Ortsbauamtes, erläutert auf Anfrage, dass es dabei unter anderem darum ging, wie der Übergang des Fahrzeugs ins Wasser läuft und wie es schwimmt. Algen könnten damit in einem möglichst frühen Wachstumsstadium aufgenommen werden und an Land oder im tieferen Gewässer abgeladen werden. Der Versuch werde noch ausgewertet.

Klimatisches Extremjahr

Eine weitere Ankündigung des RP: Die Feuerwehr soll bei erneuten Algenansammlungen Schwefelwasserstoff–Messungen vornehmen, um eine eventuelle Gefährdung von Mensch und Tier durch dieses Gas ausschließen zu können. Im vergangenen Sommer teilte das Regierungspräsidium mit: „Die derzeit vermehrt auftretenden Grünalgen am Bodensee stellen kein gesundheitliches Risiko dar.“

Warum die Pflanzen, die während des Verrottungsprozesses zum Himmel stinken, 2022 derart wucherten, dazu heißt es auf der RP–Seite zusammengefasst: „Die Ursachen für das Algenwachstum sind in dem klimatischen Extremjahr mit Rekordtemperaturen, sehr niedrigen Wasserständen, einer nie beobachteten Anzahl an Sonnenstunden und einer ausreichenden Verfügbarkeit von Nährstoffen aus der Schussen zu suchen.“

Künftig häufiger

Es gab immer wieder Jahre, in denen in Langenargen Algen–Alarm herrschte. Im vergangenen Sommer rollte die Natur allerdings einen besonders großen grünen Teppich aus — und ließ den Menschen den Atem stocken. Oder wie Langenargens Bürgermeister Ole Münder damals feststellte: „Die Intensität dieses Gestanks war sehr hoch und zahlreiche Gäste und Bewohnerinnen und Bewohner konnten sich im Freien aus diesem Grund nicht lange aufhalten.“

Seine unheilvolle Ankündigung: „Im Hinblick auf die lokale Klima–Entwicklung werden wir nicht nur am DLRG–Strand und im Strandbad diese Auswirkungen künftig intensiv und gehäufter wahrnehmen.“ Mit dem Problem schien Langenargen erst einmal auf sich allein gestellt.

Schussen im Fokus

Im August trafen sich dann aber Vertreter der Gemeinde, des Landratsamtes Bodenseekreis, des Regierungspräsidiums Tübingen, das für den Bodensee als Gewässer erster Ordnung zuständig ist, sowie des Instituts für Seenforschung am Schwedi–Strand. Sie kamen zu dem Entschluss, dass die Algen abgefischt werden sollten, was allerdings scheiterte. Ölsperren, Bagger und Saugrohr kamen nicht gegen die schleimige Masse an.

Um zu einer dauerhaften Verbesserung zu kommen, müssen die Ursachen angegangen werden.

Das Regierungspräsidium

Das punktuelle Abtragen sei ohnehin nur eine Bekämpfung der Symptome, teilte das RP mit. Der Versuch habe gezeigt, dass eine Entfernung nur für ein räumlich begrenztes Gebiet möglich sei. Und weiter: „Um zu einer dauerhaften Verbesserung zu kommen, müssen die Ursachen angegangen werden.“ Bei den Untersuchungen, die daraufhin folgten, stand die Schussen im Fokus.

Landwirte sensibilisieren

Die Erkenntnis des RP: Derzeit leiten 18 Kläranlagen gereinigtes Abwasser in den Zufluss ein. Die Reinigungsleistung der Kläranlagen Ravensburg und Eriskirch in Bezug auf den Gesamt–Phosphor als wichtigster Indikator für den Nährstoffgehalt habe im Jahr 2021 bei 98 Prozent gelegen. Alle Kläranlagen zusammen schafften demnach mehr als 95 Prozent.

Doch auch eine weitere Verbesserung der Reinigungsleistung dürfte nicht maßgeblich zur Lösung der Algenproblematik beitragen, da diffuse Nährstoffeinträge bestehen bleiben, stellt das RP fest. Rund 50 Prozent der Einträge würden aus der Landwirtschaft stammen. Es gelte, die Landwirte zu sensibilisieren.

Starkregenablauf verbessern

Dazu kommt, dass Nährstoffe aus Regenüberlaufbecken und sonstigen Entwässerungsanlagen in die Schussen und folglich in den Bodensee eingetragen würden. Dies geschehe insbesondere bei Starkregen, wenn die großen Wassermengen von den Entwässerungsanlagen nicht mehr bewältigt werden können und ein Überlauf direkt in das Gewässer erfolgt. Die Zunahme von versiegelten Flächen spiele dabei ebenso eine Rolle wie die vermehrten Starkregen–Ereignisse im Zuge des Klimawandels, so das Regierungspräsidium.

Die Folge: „Die Landesbehörden werden in den nächsten Jahren verstärkt auf die Optimierung der Regenwasserbehandlung hinwirken. Damit wird es auch im Bereich des Schussen–Einzugsgebiets zu einer weiteren Verringerung der Nährstoffbelastung kommen“, ist auf der Seite des RP zu lesen. Darüber hinaus würden Nährstoffeinträge, meteorologische Daten und das Algenwachstum erfasst und überwacht.

Das Wachstum könnte sich in diesem Jahr allerdings in Grenzen halten. Rekordtemperaturen sind nicht in Sicht, der Bodenseepegel ist verhältnismäßig hoch und die Zahl der Sonnenstunden gefühlt an einer Hand abzuzählen. In diesem Frühjahr stinkt den Menschen bislang nur das schlechte Wetter.


Weitere Informationen gibt es unter https://rp.baden-wuerttemberg.de/rpt/abt5/ref532/bodensee/algen