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Hier entsteht Platz für 200 Windräder im Raum Bodensee-Oberschwaben

Region / Lesedauer: 6 min

Das Landschaftsbild in der Region wird sich verändern. Im Regionalplan Erneuerbare Energien werden Gebiete für Windkraftanlagen bestimmt. Wo die Schwerpunkte sind.
Veröffentlicht:26.10.2023, 19:00

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Das Landschaftsbild in der Region Bodensee-Oberschwaben wird sich in den nächsten zehn bis 15 Jahren deutlich verändern. Auf jetzt vom Regionalverband vorgestellten Vorranggebieten werden voraussichtlich 150 bis 200 Windräder entstehen. Die Anlagen könnten bis zu 300 Meter hoch werden.

Schwerpunkte gibt es im nördlichen Teil des Landkreises Sigmaringen, im Raum Ostrach und im Gebiet östlich von Ravensburg und Weingarten (Altdorfer Wald). Im Bodenseekreis finden sich kleinere Vorranggebiete in Markdorf (Gehrenberg), Heiligenberg (Betenbrunn) und auf dem Höhenzug zwischen Überlingen und Owingen.

38 Vorranggebiete

38 Vorranggebiete für Windenergieanlagen auf einer Fläche von 7570 Hektar und fünf optionale Gebiete auf 1060 Hektar hat der Regionalverband Bodensee-Oberschwaben im Entwurf für den Regionalplan Erneuerbare Energien detailliert ausgewiesen. In einer Sitzung des Planungsausschusses am Mittwoch in Kressbronn wurden die Flächen erstmals vorgestellt. Zu jedem Gebiet gibt es eine Karte samt Beschreibung. Sie können online eingesehen werden unter www.rvbo-energie.de.

2,5 Prozent der Gesamtfläche

„Wir rechnen damit, dass auf vielen dieser Flächen Planungen kommen werden“, sagt Verbandsdirektor Wolfgang Heine der SZ. In einem Zeitraum von zehn bis 15 Jahren werde man hier Windräder sehen. „Das wird man beim Durchkreuzen unserer Region natürlich sehen.“


Die jetzt ausgewiesene Fläche umfasst rund 2,5 Prozent des Verbandsgebietes (Landkreise Ravensburg, Sigmaringen und Bodenseekreis). Bis spätestens Ende 2025 muss der Verband nach Vorgaben von Bund und Land 1,8 Prozent der Fläche für Windkraft fix reservieren.

Auf Flächen, wo besonders viel Wind weht, würden wir Konflikte ‐ auch einen schweren ‐ zulassen.

Wolfgang Heine

Zunächst wurden auf elf Prozent der Fläche sogenannte Suchräume ausgemacht. Diese wurde in einem zweiten Schritt jetzt auf Vorranggebiete konkretisiert, sie machen 2,5 Prozent der Fläche aus. Entscheidend bei der Auswahl ist die sogenannte Windhöffigkeit, es kommen also nur solche Gebiete infrage, auf denen der Wind entsprechend stark weht.

An zweiter Stelle steht die Frage, welche Konflikte es in den windstarken Gebieten gibt, etwa mit dem Thema Artenschutz. „Auf Flächen, wo besonders viel Wind weht, würden wir Konflikte ‐ auch einen schweren ‐ zulassen“, erklärt Heine das Grundprinzip. Am Ende bleiben also Flächen übrig, bei denen „es ein Optimum gibt, zwischen Eignung und Konfliktbereich“.

 Für alle 38 Vorranggebiete hat der Regionalverband eigene Karten erstellt. Hier ist die genaue Abgrenzung der Gebiete, auf denen Windkraftanlagen gebaut werden dürfen, erkennbar. Unser Beispiel zeigt das Vorranggebiet „Gehrenberg“, das sich auf den Gemarkungen von Markdorf, Deggenhausertal und Oberteuringen befindet.
Für alle 38 Vorranggebiete hat der Regionalverband eigene Karten erstellt. Hier ist die genaue Abgrenzung der Gebiete, auf denen Windkraftanlagen gebaut werden dürfen, erkennbar. Unser Beispiel zeigt das Vorranggebiet „Gehrenberg“, das sich auf den Gemarkungen von Markdorf, Deggenhausertal und Oberteuringen befindet. (Foto: Regionalverband)

Ein wichtiges Kriterium ist der Siedlungsabstand. Von einem Windrad zum nächsten Wohngebäude muss der Abstand 600 Meter betragen, zu einer Siedlung 750 Meter. 80 Prozent der Vorrangflächen liegen deshalb auch im Wald, nur 20 Prozent in der sogenannten Offenlage. Da in Waldgebieten in der Regel der Siedlungsabstand gegeben ist. Oft liegen Wälder auch auf einem Höhenrücken, was eine höhere Windhöffigkeit zur Folge hat.

Flächen ungleich verteilt

Von den Vorranggebieten liegen nur vier Prozent im Bodenseekreis, 34 Prozent im Landkreis Ravensburg und 62 Prozent im Landkreis Sigmaringen. Das Ziel, die Flächen gleichmäßig über die Landkreise zu verteilen, konnte also nicht erreicht werden. Auch das hängt vor allem mit der Siedlungsstruktur zusammen.

Im Bodenseekreis kommt zur engen Wohnbebauung noch eine schlechte Windhöffigkeit. Im Allgäu zum Beispiel wäre zwar die Windhöffigkeit sehr gut, aber wegen der hohen Siedlungsdichte mit vielen kleinen Dörfern oder Weilern können die Abstände nicht eingehalten werden.

Ein einzelnes Brutpaar eines Rotmilans wird künftig ein Windrad nicht mehr verhindern.

Wolfgang Heine

Tabu sind Naturschutzgebiete, der Artenschutz spielt außerdem eine große Rolle. Laut Heine gibt es hier aber nur Konflikte, wenn eine ganze Population einer geschützten Art gefährdet ist: „Ein einzelnes Brutpaar eines Rotmilans wird künftig ein Windrad nicht mehr verhindern“, sagt Heine.

Auch Interessen von Bundeswehr und der zivilen Luftfahrt wurden berücksichtigt. Durch die Belange der Landesverteidigung seien die Suchräume erheblich eingeschränkt worden. Oft geht es dabei um Tiefflugkorridore für Hubschrauber.

Grundsätzlich sollen auf allen Vorranggebieten mindestens drei Windräder Platz haben. Ziel bei der Planung sei aber gewesen, größere Gebiete auszuweisen, auf denen viele Anlagen untergebracht werden können.

„Sonst kommen wir nicht auf das Flächenziel“, sagt Heine. Die größten Flächen liegen im südlichen Teil des Altdorfer Waldes, im Raum Ostrach und im Lauchertal im Norden des Landkreises Sigmaringen.

Verfahren laufen schon

Die genauen Standorte der Windräder innerhalb der vom Regionalverband festgelegten Flächen bestimmen laut Heine letztlich die projektierenden Firmen. Sie werden in ihren Plänen versuchen, die Flächen möglichst gut auszunutzen und viele Räder unterzubringen.

Für jedes Rad müssten die Energieunternehmen aber im Genehmigungsverfahren nochmal alle Themen abarbeiten, vom Siedlungsabstand bis zum Artenschutz. „Wir gehen davon aus, dass es in den drei Landkreisen zwischen 150 und 200 Windräder geben wird“, sagt Heine. In einigen Gebieten laufen bereits die Verfahren, etwa in einem Gebiet bei Aitrach, bei Bingen oder auch im Altdorfer Wald.

Schwerpunkt in Ostrach

Hier, östlich von Ravensburg und Weingarten, rechnet Heine mit bis zu 30 Windkraftanlagen. Ein Projektierer hat bereits einen Plan für 38 vorgelegt. In Ostrach, wo zwei riesige Flächen mit jeweils 600 Hektar ausgewiesen wurden, könnten laut Heine sogar 40 Windräder kommen.

Pro Windrad werden rund 30 Hektar benötigt, da die Räder untereinander ebenfalls einen gewissen Abstand erfordern. Nördlich von Sigmaringen sind insgesamt sechs Gebiete ausgewiesen, zwischen 94 und 685 Hektar groß, mit einer Gesamtfläche von rund 2200 Hektar. Hier wären nach der Formel über 70 Windkraftanlagen möglich.

Die Windräder dürfen laut Heine bis zu 300 Meter hoch werden, gemessen vom Boden bis zur oberen Spitze des Rotorblattes. Aktuell sind die Anlagen etwa 220 Meter hoch, geplant werden aber schon Windräder von 250 oder zum Beispiel im Altdorfer Wald von 287 Metern Höhe.

Da der Regionalplan lange Zeit Gültigkeit hat, wurde eben ein Puffer für die künftige technische Entwicklung eingebaut. 300 Meter entsprechen der Hälfte des Mindestabstands zur Bebauung von 600 Metern.

Informationsabende

Am jetzt vorgelegten Entwurf sind noch Änderungen möglich, am 8. Dezember soll er von der Regionalversammlung verabschiedet werden. Ab 1. Januar 2024 beginnt die erste Offenlage. „Danach haben Träger öffentlicher Belange und Privatpersonen im Rahmen der gesetzlichen Beteiligung Gelegenheit, Stellungnahmen abzugeben“, sagt der Verbandsvorsitzende Thomas Kugler zum Zeitplan.

Im Januar finden laut RVBO öffentliche Informationsveranstaltungen in den drei Landkreisen statt. Am 10. Januar in Sigmaringen, am 17. Januar in Weingarten und am 24. Januar in Heiligenberg.