Gemeinwohlökonomie

Grüne wollen Gemeinwohlökonomie in Kressbronn voranbringen

Kressbronn / Lesedauer: 3 min

Kajo Aicher von den Tettnanger Grünen stellt Konzept vor – Silvia Queri: 88 Prozent der Menschen wünschen sich anderes Wirtschaftssystem
Veröffentlicht:21.05.2019, 16:10
Aktualisiert:22.10.2019, 10:00

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88 Prozent der Deutschen wünschen sich ein anderes Wirtschaftssystem, das insbesondere soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz berücksichtigt: Mit diesen Worten – dem Ergebnis einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, wie die Grünen schreiben – begrüßte Silvia Queri von den Grünen beim Grünen Punkt in Kressbronn den Referenten Kajo Aicher. Aicher befasst sich mit Gemeinwohlökonomie (GWÖ). Queri betonte, dass damit nicht „der jüngste, rückwärtsgerichtete Vorschlag von Kevin Kühnert gemeint“ sei.

Kajo Aicher von den Tettnanger Grünen Tettnang befasst sich laut der Pressemitteilung seit vielen Jahren mit der Idee der Gemeinwohlökonomie, auch vor dem Hintergrund seines Engagements für einen fairen Handel. Laut Aicher müssen Politiker über alle Parteigrenzen hinweg, Unternehmen und Gesellschaften hier zusammenarbeiten. Es handle sich nicht um eine fertige Lösung, sondern um ein entwicklungsoffenes Konzept. Eine dem Gemeinwohl dienende Ökonomie sei sowohl im Grundgesetz als auch in den Landesverfassungen verankert. Die Gemeinwohlökonomie stelle die Forderung nach permanentem Wachstum fundamental in Frage: Das Statement von Margaret Thatcher „Tina““ („There is no alternative“) würde in der Gemeinwohlökonomie durch „Tapas“ („There are plenty of alternatives“) ersetzt.

Warum sich so viele Menschen ein anderes Wirtschaftssystem wünschen, begründete Aicher laut der Pressemitteilung mit diversen Krisen. Er nannte unter anderem die Verteilungskrise (42 Menschen besitzen mehr als 50 Prozent des gesamten weltweiten Vermögens), die Hungerkrise (805 Millionen Menschen sind unterernährt), oder die Machtkrise (147 Konzerne beherrschen die Welt). Die Gemeinwohlökonomie stelle infrage, dass Beziehungen in der Wirtschaftswelt zwangsläufig auf Konkurrenz und Gier beruhen müssten und nicht auch wie im Privaten auf Vertrauen, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Kooperation und Wertschätzung. Ein erster Schritt sollte laut Aicher die Erstellung einer Gemeinwohlmatrix (Werte mal Berührungsgruppen) sein. In der Gemeinwohlmatrix bekämen Unternehmen (und Gemeinden sowie deren Eigenbetriebe) Pluspunkte, wenn sie in Bezug auf grundsätzliche Werte der GWÖ wie faire Arbeitsbedingungen oder ressourcensparende Produktion mehr als die gesetzlich vorgeschriebenen Anforderungen erfüllen würden. Über ein spezielles Zertifikat könnte man solche GWÖ-Produkte kennzeichnen, wodurch auch Verbraucher das Konzept durch den Kauf unterstützen können.

Zum aktuellen Stand der GWÖ-Bestrebungen berichtete Aicher als Sprecher der Regionalgruppe Bodensee-Oberschwaben, dass es derzeit 16 Gruppen im Land gäbe und etwa 40 Mitgliedsunternehmen. Die nächstgelegene Gemeinde, die konkret eine GWÖ-Zertifizierung anstreben würde, sei Konstanz. Mit dem Hinweis, dass ein eindeutiges Bekenntnis zur GWÖ übrigens auch im grün-schwarzen Koalitionsvertrag stünde, schloss Kajo Aicher seinen Vortrag.

Im Anschluss diskutierten die Besucher lebhaft, wobei insbesondere der Frage nachgegangen wurde, wie und wer die Idee voranbringen kann.

Die Grünen beschlossen den dreistündigen Abend mit der Absichtserklärung das Thema in Kressbronn weiter zu verfolgen.