Mordprozess

Emotional berichten Zeugen von der Kressbronner Mordnacht und ihren Folgen

Ravensburg/Kressbronn / Lesedauer: 6 min

Im Prozess gegen einen 32-jährigen Nigerianer bricht erneut eine Zeugin weinend zusammen. Zu möglichen Tatmotiven verweist der Angeklagte auf Daten in seinem Handy.
Veröffentlicht:25.01.2023, 12:00
Aktualisiert:25.01.2023, 01:00

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Hochemotionale Zeugenaussagen prägen den vierten Verhandlungstag im Mordprozess gegen einen 32-jährigen Asylbewerber aus Nigeria am Landgericht Ravensburg. Sehr eindringlich schildern eine 28-jährige Frau aus Syrien und ein 37-jähriger Palästinenser das Geschehen in und vor der Gemeinschaftsunterkunft an der Argenstraße in Kressbronn am Abend des 26. Juni 2022.

Beide hatten damals schwere Verletzungen erlitten, unter denen sie noch heute leiden. Zweifel daran, dass der Angeklagte jener Mann ist, der an diesem Abend einen Mann erstochen und sechs weitere Menschen mit einem Küchenmesser teils lebensgefährlich verletzt hat, ergeben sich auch am vierten Tag der Verhandlung im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Ravensburg nicht. Unklar bleibt weiterhin das Motiv für die Bluttat.

Als die 28-jährige Syrerin den Saal betritt und sich Richtung Zeugenstand begibt, wiederholt sich eine Szene vom zweiten Verhandlungstag. Nachdem sie dem schmalen Mann im dicken Parka auf der Anklagebank in die Augen geblickt hat, bricht die Frau weinend zusammen.

Ich wusste nicht, ob meine Kinder noch leben. Ich habe mich mehrmals übergeben.

Zeugin vor Gericht

Auch diesmal bietet Richter Veiko Böhm an, zunächst den Ehemann als Zeugen anzuhören, damit dieser anschließend seiner Frau bei ihrer Aussage zur Seite stehen kann, während der Angeklagte ganz hinten im Saal Platz nehmen muss, außerhalb des Blickfelds der Zeugin.

Der ganze Körper zittert

Wie sehr sich die Erlebnisse der Tatnacht in ihr Inneres eingebrannt haben, ist nicht zu übersehen, als die 28-Jährige, am ganzen Körper stark zitternd, zu erzählen beginnt. Von den Schreien, die sie dazu veranlasst hatten, ihr Zimmer zu verlassen, um nach den draußen spielenden Kindern zu schauen. Von den beiden blutenden Mitbewohnerinnen, denen sie im Flur begegnet war, und dem Mann, der vor ihren Augen mit letztlich tödlichen Stichverletzungen die Außentreppe der Unterkunft hinabgefallen war.

Von den Schreien und den Rufen anderer Bewohner und ihren Warnungen: „Hau ab, der Afrikaner läuft mit einem Messer herum.“ Von dem Moment, in dem der 32-Jährige wie aus dem Nichts vor ihr aufgetaucht war, sie am Hals gepackt, in den Rücken gestochen, zu Boden geworfen und dann noch mit Füßen getreten hatte. Von ihrer Flucht ins Haus einer Nachbarin und von der Angst um ihre Kinder.

Zeugin muss sich eine Woche lang übergeben

„Ich wusste nicht, ob meine Kinder noch leben. Ich habe mich mehrmals übergeben“, berichtet die Frau mit brüchiger Stimme. Auch nach dieser Nacht habe sie eine Woche lang nichts essen können, ohne sich zu übergeben. Jede Nacht habe sie von „dem schwarzen Mann mit dem Messer“ geträumt. Dass sie noch heute Angst bekommt, wenn sie dunkelhäutigen Männern begegnet, ist ihr merklich unangenehm. Vor Gericht entschuldigt sie sich fast dafür.

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Mehrfach betont sie, dass sie zwischen schwarz und weiß nicht unterscheide und auch ihren Kindern immer vermittelt habe, dass die Hautfarbe nichts aussagt darüber, ob ein Mensch gut oder böse ist. Nachdem der Angeklagte wenige Wochen vor der Bluttat bereits mit einem Messer herumgefuchtelt und den Kindern Angst eingejagt hatte, war ihr Mann mit den Kindern auf ihn zugegangen – mit Süßigkeiten sogar – um ihnen zu zeigen, dass er ein ganz normaler Mensch sei. „Wenn meine Kinder später zwischen schwarz und weiß unterscheiden, dann ist das allein seine Schuld“, sagt die Zeugin.

Angst vor „dem schwarzen Mann“

Dass die Erlebnisse vom Abend des 26. Juni 2022 eine generelle Furcht vor dunkelhäutigen Männern ausgelöst haben, zieht sich bislang wie ein roter Faden durch die Aussagen der Zeugen. Und auch der 37-jährige Palästinenser, der von hinten niedergestochen worden war, als er dem am Boden liegenden 40-jährigen Syrer helfen wollte, der letztlich in dieser Nacht starb, bestätigt das im Zeugenstand. Auch ihm ist es sichtlich unangenehm, weil keiner von den anderen Afrikanern in der Unterkunft je Probleme bereitet habe. Dennoch habe er noch heute Angst.

In Tränen bricht der Zeuge aus, als er über die Tage nach der Bluttat im Krankenhaus in St. Gallen berichten soll. Mit dem Hubschrauber war er dorthin geflogen und nach der Ankunft zeitweise ins künstliche Koma versetzt worden. „Ich habe jede Nacht von dem schwarzen Mann geträumt und geschrien“, sagt er. Wirklich gut schlafen könne er auch heute noch nicht. Eine psychiatrische Behandlung sei bisher daran gescheitert, dass er keinen Dolmetscher habe. Auch von den körperlichen Verletzungen hat sich der Mann noch nicht erholt. Laufen, heben, tragen - das sei alles nicht mehr wie früher möglich, weshalb er auch noch nicht wieder arbeitsfähig sei.

Gegenüber Polizei räumt Angeklagter die Bluttat ein

Dass der 32-jährige Asylbewerber aus Nigeria zu Recht auf der Anklagebank sitzt, kein anderer oder noch ein zweiter Täter für die Messerangriffe am Tatabend infrage kommt – daran lassen die beiden Zeugen keinen Zweifel aufkommen. Der Polizeibeamte, der den Mann damals festgenommen und als erster über seine Rechte belehrt hat, gibt im Zeugenstand zu Protokoll, dass er ihm gegenüber eingeräumt habe, dass er Menschen mit einem Messer verletzt habe.

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Gegenüber einem anderen Polizisten soll er am nächsten Tag gesagt haben, dass man nur sein Handy auswerten müsse, um zu verstehen, warum er getan hat, was er getan hat. Wie bereits am dritten Verhandlungstag zu erfahren war, hatte der Angeklagte mit seinem Smartphone unter anderem eine Webseite mit religiös gefärbten Inhalten aufgerufen. Die Ermittler hatten aber auch eine Sprachnachricht gefunden, in der sich der 32-Jährige darüber beklagt, dass er nicht zur Schule dürfe, keine Arbeit habe und keine Ruhe im Haus finde.

Vater soll führendes Sektenmitglied gewesen sein

Was genau ihn dazu getrieben haben könnte, auf vorwiegend arabischstämmige Mitbewohnerinnen und -bewohner einzustechen, bleibt ebenso unklar wie die Gründe, die ihn überhaupt zur Flucht aus seinem Heimatland bewogen haben. Seine Familie gehörte in Nigeria zur Mittelschicht, Schwierigkeiten gab es offenbar nicht. Auch sein Engagement in politischen Parteien bereitete wohl keine Probleme.

Wie der psychiatrische Gutachter am ersten Verhandlungstag berichtet hatte, geht aus einer Verwaltungsgerichtsakte hervor, dass der zwischenzeitlich verstorbene Vater des Angeklagten führendes Mitglied einer Sekte war und im Zusammenhang mit dieser Sekte der Angeklagte verantwortlich für den Tod einer Frau sein soll.