Berührungsarmut

Die Gesellschaft leidet unter Berührungsarmut

Kressbronn / Lesedauer: 3 min

Professor Bruno Müller-Oerlinghausen erläutert, warum wir Berührung brauchen und wie sie heilt
Veröffentlicht:23.11.2018, 14:16
Aktualisiert:22.10.2019, 14:00

Von:
Artikel teilen:

Vor mehreren Hundert Zuhörern hat Professor Bruno Müller-Oerlinghausen am Donnerstagabend in der Festhalle über die heilende Kraft der Berührung gesprochen. In der Veranstaltung der Bürgerstiftung Kressbronn zeigte er ihre vielfältige soziale Bedeutung auf und bedauerte, dass die moderne Gesellschaft durch Berührungsarmut gekennzeichnet ist. Mit der Körpertherapeutin Gabriele Mariell Kiebgis hat Oerlinghausen vor kurzem ein Buch mit dem Titel „Berührung – warum wir sie brauchen und wie sie heilt“, herausgebracht.

Bruno Müller-Oerlinghausen, Sohn des bekannten Bildhauers Berthold Müller-Oerlinghausen, ist ein Kind der Gemeinde Kressbronn und hier aufgewachsen. Über drei Jahrzehnte hat er an der Freien Universität Berlin als klinischer Pharmakologe und Psychiater wissenschaftlich gearbeitet, verbunden mit der praktischen Betreuung depressiver Patienten. Dabei hat er sowohl die suizid-verhütende Wirkung von Lithiumsalzen als auch die depressionslösende Wirkungskraft „psychoaktiver“ Massagen entdeckt, erforscht und in über 600 Publikationen international bekannt gemacht.

„Körper und Gefühl gehören untrennbar zusammen“, betonte Müller-Oerlinghausen, der beobachtet, dass in den modernen Naturwissenschaften die Seele abgeschafft wurde. Die Berührung bezeichnete er als unsere Ur-Kommunikation und erinnert, „wie ich berühre so bin ich berührt“. Die Grundlage allen Erlebens ist Berührung und Bewegung, zitierte er den Philosophen Professor H. Emrich und ergänzte, „unser Körperbild entsteht über den Tastsinn“. Als Unsinn bezeichnete er, Skulpturen nicht anfassen zu dürfen. Der Tastsinn sei das größte Sinnes-Organ, weil „Fühler“. Er bleibe dem Menschen vom Mutterleib bis zum Tod erhalten.

Medium der Berührung ist die Haut, weil Sinnes- und Ausdrucksorgan. „Unsere Haut ist unsere Eintrittskarte in unsere soziale Welt“, zeigte er Beispiele für diesen Spiegel der Seele auf. Die zu vier Fünftel behaarte Haut habe als Hülle eine Schutzfunktion und sei sensorischer Speicher. Ihre Berührung sei d a s Kommunikationsmittel und Grundbedürfnis für Mensch und Tier. Beide könnten sich ohne Berührung nicht entwickeln. Schon Aristoteles habe festgestellt, „ohne Berührung gehen die Menschen ein“. Ohne Berührung sei keine soziale Kompetenz möglich, würde der Mensch krank. Symbol der modernen Gesellschaft sei, dass sie durch Berührungsarmut gekennzeichnet ist, obwohl es andererseits (Gegenbewegungen) wie Umarmungen wildfremder Menschen auf der Straße, Kuschelparties und Tantramassagen gebe. 400 Mal am Tag berühre sich der Mensch selbst. Berührung im Alltag schaffe soziale Kompetenz, Paare, die sich oft berühren, haben ein besseres Immunsystem, seien weniger krank und glücklicher. Jede Berührung, so Müller-Oerlinghausen, ist eine individuelle Botschaft und wichtig nicht zuletzt für Ältere und Sterbende.

Der Professor beleuchtete die positiven Effekte durch Massagen, die leistungsfähiger machten. Schon der alte Plato habe gesagt, mit Massagen „Gewissensbisse“ heilen zu können. Ihre angstlösende Wirksamkeit gegen Depressionen und die „Verpanzerung der Gefühle“ sei eindeutig nachgewiesen. Das Berühren von „Frühchen“ helfe bei deren Wachstum, Massagen bei der Schmerz-reduktion bei Krebskranken, eindrucksvolle Effekte erreiche man damit im Alten- und Pflegeberich. Der Tastsinn sei bis zum Lebensende aktiv.

Bürgerstiftung aktiv

Die zweite Vorsitzende der Bürgerstiftung, Karin Tillema, hatte eingangs Bruno Müller-Oerlinghausen vorgestellt und Vorstandsvorsitzender Karl Hornstein dem Referenten für seinen honorarfreien Vortrag zugunsten der Bürgerstiftung gedankt. Von Martin Zapf erhielt letztere eine Spende über 600 Euro. Anlass war das Jubiläum von dessen Allianz-Niederlassung. Für Regine Bitsch von der Nachsorgegruppe gegen Krebs gab es von der Bürgerstiftung eine Spende 200 Euro für Therapie-Maßnahmen. Der Vorsitzende des Stiftungsrats, Wolfram Müssig, hatte zuvor über die Arbeit der Bürgerstiftung berichtet und um Spenden gebeten.