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Asbest

Asbest: Spezialisten säubern Bücher

Konstanz / Lesedauer: 3 min

Auf „Bibliothek des Jahres“ in Konstanz kommt Sanierung unbestimmten Ausmaßes zu
Veröffentlicht:27.01.2011, 21:20

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Marko Stark trägt einen blauen Schutzanzug und ein Atemschutzgerät, als er in der Universitätsbibliothek Konstanz mit seinen gelben Handschuhen ein Buch anfasst. Denn auf diesem harmlos aussehenden Buch könnten sich krebserregende Asbestfasern befinden. Um diese zu entfernen, saugt ein Arbeitskollege von Stark das Buch vorsichtig mit einem Sauger der „Staubklasse H“ ab. Abschließend wischt der Mann den Umschlag mit einem nassen Lappen kurz ab. Auf diese Weise wollen seit Montag zehn Mitarbeiter einer Spezialreinigungsfirma 1,5 Millionen Bücher der asbestbelasteten Konstanzer Universitätsbibliothek reinigen. Im Herbst 2011 sollen alle Bücher gereinigt sein.

Auf wie vielen Bücher wirklich Asbestfasern liegen, weiß niemand. Jedes Buch einzeln zu untersuchen, wäre zu zeitaufwändig und teuer. In dem geisteswissenschaftlichen Bereich „G“ der Bibliothek wiesen bei Stichproben allerdings vier von 15 getesteten Büchern Asbestspuren auf. Möglicherweise sind diese schon seit Jahren in der Bibliothek, denn der Asbest wurde vergangenen Herbst bei Routine-Messungen während Sanierungsarbeiten entdeckt. Hätte man nicht saniert, wäre die asbestbelastete Bibliothek wahrscheinlich heute noch offen. Doch nach den Asbestfunden sind seit dem 5. November 2010 weite Teile der Bibliothek geschlossen und etwa Dreiviertel der Buchbestände den Studenten und Professoren an der Exzellenz-Universität entzogen.

Eine Faser kann Krebs auslösen

„Asbestos“ bedeutet im Griechischen unvergänglich. Die mineralische Faser widersteht nicht nur schwachen Säuren und ist feuerfest, sondern kann Lungenkrebs oder einen besonders seltenen Bauchfellkrebs auslösen. „Theoretisch reicht dafür eine eingeatmete Asbestfaser aus“, sagt der Asbestexperte Folke Dettling vom Umweltbundesamt in Dessau. Doch, so beruhigt der Diplom-Chemiker, komme Asbest auch in der Natur vor und befinde sich ständig in der Luft. Da also auch normale Bürger einer ständigen Asbestbelastung ausgesetzt sei, könne niemand wissenschaftlich das Risiko berechnen, dem die Studenten und Mitarbeiter ausgesetzt waren.

Untersuchungen in der Bibliothek haben sechs Asbestquellen identifiziert. Einige davon waren bereits zuvor bekannt, jedoch als ungefährlich eingestuft. Andere neu entdeckte Quellen wie die Dichtungsmasse an den Lüftungsanlagen der Bibliothek waren bislang nach Angaben des zuständigen Landesbetriebes Vermögen und Bau Baden-Württemberg in dieser Form nicht bekannt. Doch gerade bei der Lüftung handelt es sich um einen sensiblen Bereich, wie Experte Dettling erklärt: „In der Umgebung der Lüftungsanlage sollte kein Asbest sein, da er sich dort weit verteilen kann.“

Die Studenten, die teilweise den halben Tag in der Bibliothek verbrachten, die 2010 noch zur „Bibliothek des Jahres“ gekürt wurde, machen sich jedoch nicht nur um ihre Gesundheit Sorgen. Stephan Kühnle und Kim Schuchhardt, die als Vertreter der Studenten in das wichtige Universitätsgremium Senat gewählt wurden, fordern die Rückerstattung der Studiengebühren für das laufende Semester. Sie verweisen auf eine Vollversammlung der Studenten, die mit großer Mehrheit beschlossen habe, die Studiengebühren vom Land zurückzufordern. Viele Studenten, die kurz vor dem Studienabschluss stehen, seien durch die Bibliotheksschließung gezwungen, ein weiteres Semester an der Universität zu bleiben, ergänzt Kühnle. Diese bedeute große finanzielle Einschnitte.

Für die Kosten von etwa 1,25 Euro pro Buch muss das Land aufkommen, welches die Gebäude der Universität besitzt. Derzeit prüfen Land und Universität, wie eine Sanierung der Bausubstanz aussehen kann. Auch für diese Baumaßnahmen wäre das Land als Besitzer der Universitätsgebäude verantwortlich.