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Galileo-Satelliten

Für Verteidigung und Wirtschaft: Europäisches Navi kommt aus Immenstaad

Immenstaad / Lesedauer: 5 min

Es ist wichtig fürs autonome Fahren und für Börsengeschäfte. Das Navigationssystem Galileo wird bei Airbus entwickelt. Was das für den Standort am Bodensee bedeutet.
Veröffentlicht:06.12.2023, 12:00

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Autoverkehr, Flugverkehr, Rettungsdienste: Leistungsfähige satellitengestützte Navigationssysteme sind aus der heutigen, vernetzten Welt nicht mehr wegzudenken. Das europäische Galileo-System, aktuell bestehend aus 28 Satelliten im Weltall, soll jetzt nach und nach erneuert werden.

Bei Airbus in Immenstaad werden deshalb gerade sechs der neuen Galileo-2-Satelliten in Serie gebaut. Die beiden Experten von Airbus Defence & Space, Silvio Sandrone, Leiter der Navigationsprogramme, und Markus Schelkle, Projektleiter Galileo, stehen Rede und Antwort.

Was ist das Besondere bei dem Projekt?

„Die Europäische Union braucht eine neue Generation von Galileo-Satelliten“, sagt Silvio Sandrone, „ab jetzt fängt die Integration an.“ Produktion heiße jetzt aber nicht nur, dass zunächst ein Satellit gebaut wird und dann wieder einer, „sondern wir müssen sofort alles parat haben für diese Fertigungsstraße“.

Erstmals gibt es also eine Serienproduktion von Satelliten in Immenstaad. Dabei müssen auch andere Airbus-Standorte, die Bauteile zuliefern, entsprechend mitarbeiten. Die Produktion laufe wie bei einer genau getakteten Choreografie ab.

Was bedeutet der Auftrag für den Airbus-Standort in Immenstaad?

Über 700 Millionen Euro beträgt das Auftragsvolumen für die sechs Satelliten. Der Hauptanteil davon fällt wiederum auf den Standort Immenstaad. Bei Airbus insgesamt sind europaweit hunderte Mitarbeiter mit dem Projekt beschäftigt, allein in Immenstaad 130. Das Team wird geleitet von Markus Schelkle.

Der Standort am Bodensee hat die Führung bei dem Projekt und die Gesamtverantwortung für die Fertigung der Satelliten. „Der Auftrag ist für uns eine große Ehre“, sagt Sandrone. Schließlich handle es sich um ein Projekt der Europäischen Weltraumbehörde ESA, vergeben von der Europäischen Kommission, finanziert durch die EU.

Verbunden damit sei eine große Verantwortung, „es geht um die Selbstständigkeit Europas“. Auch für die Wirtschaft und die Sicherheit sei das System wichtig. „Wir sind auch ein bisschen stolz.“

Wie lange dauert der Bau der Satelliten?

„Der Vertrag, den wir heute haben, läuft bis Ende 2027“, sagt Markus Schelkle, eben für den Bau der sechs Satelliten. Im Juni 2026 soll nach dem Vertrag mit der ESA der erste Satellit zur Abnahme bereitstehen, acht Monate später der zweite.

Die sogenannte Struktur eines G2-Satelliten ist im Reinraum von Airbus in Immenstaad angekommen. Nach einer ersten Vorbereitung werden die Panels laut Airbus an andere Standorte versandt, bevor sie in Immenstaad endgültig integriert und getestet werden.
Die sogenannte Struktur eines G2-Satelliten ist im Reinraum von Airbus in Immenstaad angekommen. Nach einer ersten Vorbereitung werden die Panels laut Airbus an andere Standorte versandt, bevor sie in Immenstaad endgültig integriert und getestet werden. (Foto: Airbus)

Schelkle geht davon aus, dass voraussichtlich zwei Satelliten gleichzeitig gestartet werden. Zunächst würden ohnehin noch zwei Galileo-Satelliten der ersten Generation ins All geschossen, während bei Airbus bereits das neue Modell gebaut wird.

Ist Airbus alleine für Galileo verantwortlich?

Nein, denselben Auftrag über sechs Galileo-2-Satelliten hat auch der Konzern Thales Alenia Space (TAS) bekommen. Die EU setze auf parallele Beschaffung, sagt Sandrone, es gehe dabei um Themen wie Planungssicherheit und Redundanz. „Wir sind nicht in Konkurrenz“, sagt Sandrone, „jeder hat seinen Anteil, aber die beiden Teams sind getrennt.“

Ist das Galileo-Thema ganz neu für Airbus?

Nein. Airbus hatte bereits die ersten vier der ersten Generation an Galileo-Satelliten gebaut. Alle weiteren Ausschreibungen hatte die Firma OHB SE in Bremen gewonnen. Bei der Ausschreibung für die neue Generation ist Airbus jetzt wieder als Hauptauftragnehmer zum Zug gekommen.

Auch bei den alten Galileo-Satelliten kommt jedoch die sogenannte Nutzlast aus dem Haus Airbus. Das heißt in diesem Fall die Technik, die das Navigationssignal schafft, wie Sandrone weiter sagt.

Was ist der Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Generation von Galileo-Satelliten?

Der Unterschied ist riesig. „Die neuen Satelliten können untereinander kommunizieren“, sagt Markus Schelkle. Die Signale müssten so nicht immer über die Bodenstation laufen. Die Lebenszeit der neuen Satelliten beträgt 15 Jahre, die der alten betrug 12 Jahre. Die neuen Satelliten können auch nachträglich mit Updates oder neuen Funktionen ausgestattet werden.

„Das ist ein riesiger Vorteil“, sagte Schelkle. Außerdem habe man viel mehr in die Sicherheit der Signale investiert, sie sind besser gegen Cyberangriffe gesichert. Die neuen Satelliten sind größer und elektrisch angetrieben. Sie bieten mehr Leistung, also ein stärkeres und genaueres Signal. Aufgrund der vielen neuen Technik sind die Galileo-2-Satelliten mit 2,1 Tonnen dreimal so schwer wie die alten (700 Kilogramm).

Hofft man bei Airbus auf Galileo-Folgeaufträge?

Ja. Airbus habe viel investiert, um den Auftrag zu bekommen und um in die Lage zu kommen, ihn erfolgreich abzuwickeln, sagt Sandrone. „Wir haben hier in Immenstaad vor, uns auch für die nächsten Satelliten zu positionieren.“

Dank der Investitionen und der Erfahrung, die man gerade sammle, werde man hoffentlich gute Chancen haben. Man geht davon aus, dass auch von Galileo 2 am Ende etwa 30 Satelliten benötigt werden. Nur 12 davon sind jetzt beauftragt.

Warum ist Galileo 2 wichtig für das autonome Fahren?

„Um autonom fahren oder fliegen zu können, braucht man eine ausreichende Genauigkeit“, sagt Sandrone über das Navigationssystem. Galileo 2 soll die Position bis auf zehn Zentimeter genau bestimmen. Außerdem sei eine hohe Zuverlässigkeit wichtig. Gemeint ist zum Beispiel ein Signal ohne Funklöcher.

Die sogenannte Struktur eines G2-Satelliten ist im Reinraum von Airbus in Immenstaad angekommen.
Die sogenannte Struktur eines G2-Satelliten ist im Reinraum von Airbus in Immenstaad angekommen. (Foto: Airbus)

Dazu komme das Thema „Integrität, das heißt, ich muss genau wissen, ob die Ortungsinformation belastbar ist“. Dabei spiele die neue Galileo-Generation eine große Rolle. Dabei sei auch das Zusammenspiel mit dem amerikanischen GPS-System wichtig. Je mehr Satelliten man in Sichtweite habe, um so besser sei es.

Was hat Galileo mit Börsengeschäften zu tun?

Das Navigationssignal von Galileo bietet mittels mehrerer Atomuhren immer auch ein Zeitinformationssignal an. Diese Zeitgebungssignale werden laut Sandrone dazu benutzt, Informationsnetzwerke zu takten.

Zum Beispiel, „um Banktransaktionen zeitlich stempeln zu können“. So könnten zum Beispiel auch Börsengeschäfte zum jeweiligen Kurs Mikrosekundengenau abgewickelt werden.

Gibt es nur das freie Galileo-Navigationssignal?

Nein. Neben dem frei verfügbaren Navigationssignal gibt es laut Sandrone auch einen amtlich anerkannten Service für Anwendungen in der Wirtschaft. Mit der Information könne man etwa beweisen, dass man zu einem bestimmten Zeitpunkt sich genau an einem Ort befunden hat.

„Zum Beispiel, um automatische Lieferungen prüfen zu können“, sagt Sandrone. Dazu kommt noch ein verschlüsseltes Signal, das noch genauer und robuster ist. Dieses stehe nur den europäischen Streit- und Sicherheitskräften sowie deren Verbündeten zur Verfügung.