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Interview

ZF-Vorstand Laier: Industrie braucht Planungssicherheit und weniger Verbote 

Friedrichshafen / Lesedauer: 6 min

Der Manager lobt die Zielbildvereinbarung für den Standort Friedrichshafen. Was er zum künftigen Personalstand sagt - und warum jetzt „Prof. Dr.“ an seiner Tür steht.
Veröffentlicht:04.12.2023, 15:02

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Sie haben lange verhandelt, Ende November stand sie dann: die Zielbildvereinbarung für den ZF-Produktionsstandort Friedrichshafen, den sogenannten Betrieb N.

Warum die Vereinbarung wichtig ist, wie er die Chancen für den Standort Deutschland generell sieht und welche Forderung die Industrie an die Politik richtet, hat Peter Laier, im ZF-Vorstand unter anderem für Nutzfahrzeugtechnik zuständig, im Interview erläutert.

Keine Jobgarantie, keine Zahlen zum künftigen Personalbestand - was sind die wesentlichen Inhalte der Zielvereinbarung für den Betrieb N? Und an welcher Stelle hat sich der Betriebsrat durchgesetzt?

Ich halte das jetzt verabschiedete Zielbild für eine sehr ausbalancierte Vereinbarung. Unser Ziel war: ein Abschluss noch in diesem Jahr. Das ist uns gelungen, auch dank des vernünftigen Dialogs mit dem Betriebsrat. Es waren einige Treffen nötig, da wurde intensiv und bisweilen auch sehr kontrovers, aber immer lösungsorientiert diskutiert.

Peter Laier zur Zielbildvereinbarung: „Was haben wir erreicht? Zunächst einmal ein klares Bekenntnis zum Produktionsstandort Friedrichshafen, der auch unser Leitstandort für den Getriebebau und die Elektromobilität im Nutzfahrzeug ist und bleibt.“
Peter Laier zur Zielbildvereinbarung: „Was haben wir erreicht? Zunächst einmal ein klares Bekenntnis zum Produktionsstandort Friedrichshafen, der auch unser Leitstandort für den Getriebebau und die Elektromobilität im Nutzfahrzeug ist und bleibt.“ (Foto: ZF)

Was haben wir erreicht? Zunächst einmal ein klares Bekenntnis zum Produktionsstandort Friedrichshafen, der auch unser Leitstandort für den Getriebebau und die Elektromobilität im Nutzfahrzeug ist und bleibt. Wir werden die Digitalisierung vorantreiben und so die Fertigung modernisieren und damit die weitere Produktion absichern.

Ein Entgegenkommen des Konzerns an den Betriebsrat war sicher, ein zweites Band für das Lkw-Getriebe Traxon in Friedrichshafen einzurichten, oder?

Zunächst muss man festhalten, dass wir in der hervorragenden Situation sind, dass unser Traxon das global anerkannt beste Getriebe für schwere Nutzfahrzeuge ist. Wir fahren in Friedrichshafen permanent Wochenendschichten und wir mussten in diesem Jahr wegen der großen Nachfrage das Produkt auch aus China und Brasilien nach Europa importieren. Es ist deshalb sinnvoll, weitere Produktionskapazität in Europa aufzubauen.

Eigentlich sollte das in Ungarn passieren. Richtig?

Wir haben verschiedene Standorte untersucht. Der Standort Friedrichshafen zeichnet sich durch ein riesiges Know-how aus, das wir weiter nutzen wollen. Weil wir - auch mit Hilfe der Zielbildvereinbarung - die Wettbewerbsfähigkeit in Friedrichshafen verbessert haben, ist es uns gelungen, das zweite Traxon-Band hier wettbewerbsfähig zu lokalisieren.

Ein Vorbild für andere deutsche ZF-Standorte?

Generell gilt: Wo es sinnvoll ist, in Deutschland zu produzieren, da machen wir es auch. Die Wettbewerbsfähigkeit muss aber immer gegeben sein.

Hat der Industriestandort Deutschland eine Zukunft? Vielfach wird das ja derzeit in Frage gestellt.

Wir haben in Deutschland schon lange höhere Löhne als anderswo. Das haben wir unter anderem durch einen hohen Automatisierungsgrad und permanente Effizienzsteigerung ausgeglichen. Durch die sich ändernden Rahmenbedingungen in Deutschland ist das in den vergangenen Jahren schwieriger geworden. Diesbezüglich sind insbesondere hohe Energiekosten, Inflation, die Industriebesteuerung und steigende Logistikkosten zu nennen.

Das sind alles Faktoren, die uns nicht helfen, Produktion am Standort Deutschland zu halten. Diesen Bedingungen müssen wir uns stellen. Im Falle der Traxon-Produktion haben wir uns für den Standort Deutschland entscheiden können, in anderen Fällen werden wir uns anders entscheiden müssen.

Werden für die Ausweitung der Traxon-Produktion neue Leute eingestellt?

In Summe wird es keinen Personalaufbau in Friedrichshafen geben. Wir planen im Wesentlichen eine Umschichtung. Mittelfristig sehen wir eine Reduktion der Stückzahlen in der zweiten Hälfte der 20er-Jahre. Das müssen wir dann auch bei der Personalplanung berücksichtigen.

Wie entwickelt sich das Nutzfahrzeuggeschäft von ZF generell?

Unsere Branche ist nicht von der allgemeinen makroökonomischen Entwicklung abgekoppelt. Die Erwartungen für 2024 sind deshalb für Europa etwas gedämpft. Mittel- und langfristig gehen wir aber davon aus, dass das Transportvolumen weltweit steigen wird und damit auch die Nachfrage nach unseren Produkten. Wir rechnen für den Markt mit einem Wachstum von ein bis zwei Prozent pro Jahr.

Wird bald an zwei Bändern produziert: das Lkw-Getriebe Traxon.
Wird bald an zwei Bändern produziert: das Lkw-Getriebe Traxon. (Foto: ZF)

Die Konfiguration der Fahrzeuge wird sich aber verändern, weil wir zum Beispiel andere Antriebstechniken haben werden sowie mehr Sicherheits- und Assistenzsysteme. Die entscheidende Frage ist, wie viele unserer Produkte wir pro Nutzfahrzeug verkaufen.

Das heißt in anderen Worten, unsere Umsatzsteigerungen in den nächsten Jahren kommen weniger durch die nur leicht steigende Produktion von Nutzfahrzeugen, sondern überwiegend aus mehr Umsatz pro Fahrzeug durch mehr Bauteile von ZF.

Können Sie für das laufende Geschäftsjahr schon Zahlen nennen?

Exakte Zahlen gibt es bei der Bilanzpressekonferenz im kommenden Jahr. Für den Nutzfahrzeugsektor haben wir zum Halbjahr 2023 von leichtem Wachstum berichtet. Das setzt sich so fort.

Wie entwickeln sich die Getriebestückzahlen am Standort Friedrichshafen?

Im Jahr 2022 lagen wir bei 192.000 Stück. Für 2023 haben wir mehr als 200.000 prognostiziert. Das wird so eintreten.

Welche Rolle spielt der Rüstungsbereich bei ZF?

Etwa 0,3 Prozent des Gesamtumsatzes …

... der im Jahr 2022 bei 43,8 Milliarden Euro lag.

Wir liefern in dem Bereich vor allem Getriebetechnik für Radfahrzeuge. Einen Boom bei den Absatzzahlen können wir noch nicht erkennen, hören aber, dass sich da durchaus was tun soll. Grundsätzlich sind wir auch bereit, neue Produkte zu entwickeln. Es ist natürlich klar, dass wir bei allen Aktivitäten in diesem Bereich alle Exportkontrollvorschriften genau einhalten.

„Der Standort Friedrichshafen zeichnet sich durch ein riesiges Know-how aus, das wir weiter nutzen wollen“, sagt ZF-Vorstand Peter Laier.
„Der Standort Friedrichshafen zeichnet sich durch ein riesiges Know-how aus, das wir weiter nutzen wollen“, sagt ZF-Vorstand Peter Laier. (Foto: ZF)

Sie sind im ZF-Vorstand auch für die Industrietechnik zuständig, also für Baumaschine, Landmaschine, Gabelstapler, Marinetechnik, Bahntechnik und Windkraftgetriebe. Wie laufen hier die Geschäfte?

Der Umsatz hat sich gut entwickelt, wobei wir bei der Baumaschine aktuell leichte Eintrübungen sehen. Auch in diesem Bereich sind wir mit unseren Getrieben weltweit führend und entwickeln aktuell viele neue Produkte auch in Zusammenarbeit mit anderen Divisionen von ZF.

Angesichts der anstehenden Energiewende sollte der Windkraftmarkt boomen, möchte man annehmen.

Das ist ein durchaus zyklisches Geschäft, das stark von der Incentivierung abhängt, also der Förderung durch den Staat. Im Moment zieht es leicht an. ZF gehört zu den „Big Three“ in diesem Markt, die Windkraft trägt etwa 2,3 Prozent zu unserem Umsatz bei. In den nächsten Jahren wollen wir überproportional wachsen.

Wir setzen darauf, dass EU und Bund Richtlinien und Förderprogramme definieren, damit die europäische Windenergie wettbewerbsfähig bleibt und sie nicht das gleiche Schicksal erleidet wie die Solarbranche.

Sie fordern Förderung durch die öffentliche Hand?

Ja, vor allem aber Planungssicherheit und faire Rahmenbedingungen. Beschleunigte Prozesse bei Förderanträgen und Genehmigungsvorhaben spielen da schon eine wichtige Rolle. Wir setzen in Europa richtigerweise auf eine Energiewende. Dafür brauchen wir auch die Windkraft.

Die Politik kommt immer wieder ins Spiel bei Ihren Überlegungen.

Die Industrie braucht Planungssicherheit, weniger Verbote und mehr Technologieoffenheit. Wenn wir zum Beispiel auf die Zukunft des Antriebs im Nutzfahrzeug blicken: Da gibt es die Brennstoffzelle, den Wasserstoffverbrenner, den batterieelektrischen Antrieb und synthetische Kraftstoffe.

Wir sind froh, wenn es Leitplanken gibt, wir aber technologieoffen unterwegs sein können. Wichtig ist übrigens auch, die Infrastruktur für all diese neuen Technologien zur Verfügung zu stellen.

Als wir uns zum letzten Mal zum Gespräch getroffen haben, stand „Dr. Laier“ an ihrer Tür, jetzt steht dort „Prof. Dr.“. Wozu dürfen wir gratulieren?

Ich halte seit fünf Jahren eine Vorlesung an der Technischen Universität München zum Thema „Innovations-, Produkt- und Technologiemanagement“. Ich möchte da meine Erfahrung weitergeben an junge Menschen. Die TUM hat jetzt entschieden, mich zum Honorarprofessor zu berufen. Diese Berufung habe ich mit großer Freude angenommen.