StartseiteRegionalBodenseeFriedrichshafenZapfenstreich und Weltpremiere: So sagt der Kreis ade zu Landrat Wölfle

Abschied mit Standing Ovations

Zapfenstreich und Weltpremiere: So sagt der Kreis ade zu Landrat Wölfle

Friedrichshafen / Lesedauer: 5 min

Nach 16 Jahren geht der Chef des Landratsamtes in den Ruhestand. Der Abschied fällt festlich und berührend aus. Dennoch fehlt es nicht an klaren politischen Ansagen.
Veröffentlicht:13.05.2023, 18:00

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Mit einem Großen Zapfenstreich, viel Lob und einer Weltpremiere ist Landrat Lothar Wölfle am Freitagabend im Hagnauer Gwandhaus in den Ruhestand verabschiedet worden. In der Nacht zum Sonntag geht seine 16–jährige Amtszeit zuende. Der 65–jährige CDU–Politiker, der als Chef von über 1300 Mitarbeitern im Landratsamt in Ton und Sache durchaus klar sein konnte, musste während der rund vierstündigen Veranstaltung mehr als einmal Tränen der Rührung verdrücken.

Es war fast alles da, was im Bodenseekreis politisch Rang und Namen hat: Abgeordnete, Bürgermeister, Kreisräte, zudem viele Landräte aus der Nachbarschaft, auch der Regierungspräsident. Gekommen waren auch viele Ehemalige, die Wölfles politische Karriere als Gemeinderat in Donaueschingen, Kreisrat in Tuttlingen, Bürgermeister in Trossingen und Landrat des Bodenseekreises begleitet haben.

Vorgänger Herzog und Tann unter den Gästen

Unter den mehr als 200 geladenen Gästen, die vor Beginn der Feier vom Häfler „Fanfarenzug Graf Zeppelin“ begrüßt wurden, wenn sie nicht noch einen Parkplatz im Winzerdorf Hagnau suchten, waren auch zwei Vorgänger des künftigen Ruheständlers: Martin Herzog und Siegfried Tann.

In seiner Begrüßung nannte Christoph Keckeisen, Erster Landesbeamter des Bodenseekreises, seinen scheidenden Chef einen „homo communalpoliticus“, der seit 2007 das politische Gesicht des Bodenseekreises gewesen sei. Den Dank für die Arbeit und das Engagement in dieser Zeit überbrachte Innenminister Thomas Strobl (CDU) namens der Landesregierung. Wölfle sei „Landrat mit Leib und Seele“ gewesen, der gezeigt habe, dass nichts so falsch sei wie der Satz: „Da kann man eh nichts machen“.

„Ein ganz feiner Kerl“

Sachkunde, Verlässlichkeit, Vertrauenswürdigkeit, immenser Einsatz — das habe Wölfle ausgezeichnet. Dabei sei der gebürtige Donaueschinger immer eins geblieben, so der Minister: „Ein ganz feiner Kerl“. Seinem Nachfolger Luca Prayon hinterlasse er „ein wohlbestelltes Haus“.


Für den Kreistag sagte Georg Riedmann, Markdorfer Bürgermeister und Vorsitzender der CDU–Kreistagsfraktion, launig und mit allerlei lateinischen Zitaten ade. Wölfle sei ein strenger Chef gewesen, aber zu niemandem strenger als zu sich selbst.

Dass er der Landrat mit dem kleinsten Dienstwagen und oft mit Anzug und Krawatte auf dem Rad unterwegs gewesen sei, sage viel über ihn aus. Als Sitzungsleiter habe er verständlich erklärt, aber auch — wenn nötig — straff geführt. Dies sei vor allem durch den Einzug der AfD ins Gremium öfter nötig gewesen, sagte Riedmann, ohne die Partei beim Namen zu nennen.

Riedmann lobt Wölfle

Riedmann machte sich für die Volkswahl des Landrates stark und lobte Wölfles Arbeit als Krisenmanager. Dass der Kreis mit dem Land über die Finanzierung der Flüchtlingsunterbringung streiten müsse, nannte er angesichts des Engagements von Wölfle und seinem Team bei diesem Thema „beschämend“.

Joachim Walter (CDU), Präsident des Landkreistages Baden–Württemberg, nannte den Kollegen einen „verlässlichen, ehrlichen und offenen Gesprächspartner“. Der Tübinger Landrat wurde durchaus politisch, sprach vom Paragrafendschungel, vom „Würgegriff des Fachkraftemangels“ und davon, dass man „mit rechtlichen Hand– und Fußfesseln keinen Hürdenlauf gewinnen“ könne. Es sei höchste Zeit, an einigen Stellen die Standards zu senken.

„Regelungswut Einhalt gebieten“

Auch Reinhold Schnell (parteilos), Kreisverbandsvorsitzender des Gemeindetags und Bürgermeister in Neukirch, appellierte an die anwesenden Angeordneten aus Land, Bund und Europa, der „Regelungswut Einhalt zu gebieten“.

Uwe Achilles, Personalratschef im Landratsamt, würdigte Lothar Wölfle als Chef, der offen, klar in der Ansprache, aber durchaus „bereit zum Nachjustieren“ gewesen sei. Er habe sich stets „vor seine Leute gestellt“. Achilles bedauerte, dass Wölfle den Spatenstich zur Erweiterung des Landratsamtes nicht mehr habe vornehmen können.

Kanzlerinnen–Wort „Wir schaffen das“

Lothar Wölfle stellte das berühmte Kanzlerinnen–Wort „Wir schaffen das“ ganz bewusst an den Anfang seiner Rede. Und ergänzte: „Natürlich!“ Vor allem seine zweite Amtszeit nach der Wiederwahl im Jahr 2015 sei von Krisen (Stichworte: Asyl und Corona) geprägt worden. Doch gemeinsam habe man sie gemeistert.


„Wenn irgendjemand an der Leistungsfähigkeit von Landratsämtern gezweifelt hat: Diese acht Jahre sollten jeden eines Besseren belehrt haben“, sagte der Landrat und ergänze, dass das „normale Geschäft“ wie selbstverständlich auch erledigt worden sei: „Niemand musste auf die Zulassung seines Autos verzichten, der Müll wurde entsorgt, der Winterdienst erledigt, Sozialleistungen ausbezahlt.“

„Vor allem eines: Dankbarkeit“

Wie zuvor Walter und Schnell warnte Wölfle von immer neuen Versprechen und höheren Standards. Denn halte man die nicht ein, sorge das für „Frust und Politikverdrossenheit“. Am Ende von 43 Jahren Kommunalpolitik und 37 Berufsjahren als Rechtsanwalt, Bürgermeister und Landrat empfinde er „vor allem eines: Dankbarkeit“, sagte Wölfle. Und diesen Dank reichte er an sein Team, seine Mitarbeiter, den Kreistag, politische Freunde und seine Familie weiter.

Für den musikalischen Rahmen der Feier im Gwandhaus sorgten Musiker aus zehn Musikvereinen unter der Leitung von Bernhard Wagner. Der Komponist, der in Meckenbeuren wohnt, hat Wölfle einen „lang gehegten Wunsch erfüllt“ und einen Kreismarsch komponiert. Das Werk mit dem Titel „Echt Bodensee“ erlebte am Freitagabend seine Uraufführung.

Am Ende der Große Zapfenstreich

Der Abend endete mit einem Großen Zapfenstreich zu Ehren Wölfles durch die Bürgermiliz Sipplingen, die den scheidenden Landrat auch gleich noch zum Leutnant ehrenhalber ernannte und ihm einen passenden Offiziersdegen überreichte. Die Zeremonie vor dem Gwandhaus lockte auch zahlreiche Schaulustige an. Drei Musikstücke durfte sich der Geehrte dafür selbst aussuchen: „My Way‟, „Highland Cathedral‟ und „We Are the World‟. Es war längst dunkel, als Lothar Wölfle die Formation abschritt. Man darf, auch ohne es genau gesehen zu haben, davon ausgehen, dass er auch dabei — wie beim ein oder anderen ehrlichen Lob vorher — ein Tränchen verdrücken musste.