Merianschule

Wenn Kinder Kinder kriegen

Friedrichshafen / Lesedauer: 3 min

Sieben Mädchen und Jungs lernen die Probleme werdender Eltern kennen
Veröffentlicht:05.04.2017, 09:26
Aktualisiert:23.10.2019, 06:00

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Schüler der Merianschule in Friedrichshafen testen eine Woche lang, wie man sich als Vater oder Mutter fühlt. Mit einer Computer-Puppe simulieren die Kinder im Alter von 13 bis 15 Jahren den Alltag mit einem Kleinkind.

Stress, durchzechte Nächte und kaum noch Zeit für sich selbst – man könnte meinen, das schrecke die Schüler ab. Dennoch entschieden sich sieben Achtklässler freiwillig, statt den regulären Unterricht zu besuchen, an dem Projekt „Babybedenkzeit“ teilzunehmen: „Das ist ein ganz anderes Lernen als in der Schule“, berichtet Sarah Kessler , Sozialpädagogin der Merianschule und Verantwortliche für das Projekt.

Diakonie spendet Babypuppen

Bereits zum fünften Mal kooperiert die Merianschule mit der Diakonischen Bezirksstelle Friedrichshafen, die den Schülern die Puppen und Zubehör wie Kleidung, Flasche oder Windeln zur Verfügung stellt. Jede der drei Baby-Puppen ist mit einem Chip ausgestattet, der zu dem Chip in den Armbändern der „Eltern“ passt. Das Baby reagiert nur auf seine Mama oder seinen Papa, wenn es schreit oder weint oder andere Bedürfnisse hat.

Auch das Trinkfläschchen ist mit einem Sensor ausgestattet: „Wenn Alex bekommt, was er will, ist er glücklich und gluckst“, sagt Lukas Justin Müller. „Lisa, Basti und Alex“ haben die Jugendlichen ihre Kinder selbst benannt. Das Geschlecht erfuhren die Schüler vorher nicht, weshalb sie sich sowohl Mädchen- als auch Jungennamen aussuchten.

In Zweier- und Dreiergruppen passen sie gemeinsam auf ihr kleines Baby auf. Damit eine Rundumbetreuung gewährleistet ist, übernachten die Schüler bei einem aus der Gruppe. Vorab wird ausgemacht, wer wofür zuständig ist und wer nachts aufstehen muss. Als Kinderbettchen müssen Tragetaschen oder der Wäschekorb herhalten. Die jungen Eltern auf Probezeit bekommen somit einen Einblick in Windeln wechseln, Fläschchen geben, Köpfchen richtig halten: „Ihr zeigt großes Verantwortungsbewusstsein“, lobt Kessler die Projekt-Teilnehmer.

Im Vordergrund sei die Idee gestanden, eine Schwangerschaft in dem Alter zu verhindern und die Kinder abzuschrecken, heute wolle man den Schülern vielmehr beratend zur Seite stehen und sie auf ihre Zukunft und das Leben vorbereiten. Innerhalb des Baby-Projektes besuchen die Kinder eine Schwangerschaftsberaterin, die erklärt, wie man richtig wickelt oder die Flasche gibt und auf welche Dinge man generell achten muss.

In der Kinderkrippe erfahren die Schüler alles über Betreuungsmöglichkeiten, das Rathaus informiert zum Thema Geburtsurkunde und das Jugendamt gibt Hilfestellung zur finanziellen Unterstützung.

Zudem wurde ein Film gezeigt: Nach einer wahren Begebenheit geht es um eine 14-Jährige, die von einem 20-Jährigen schwanger wird und dann mit ihrem neuen Leben zurechtkommen muss.

Eltern finden Projekt gut

Von ihren eigenen Eltern wird das Projekt sehr positiv aufgenommen. Antonio Ioco bringt schon etwas Erfahrung mit, da er eine kleine Schwester hat, wohingegen sein Freund Florian Herrmann auch die Nachteile am Elternsein wahrnimmt: „Ich musste im Bus windeln wechseln, das war schon echt peinlich, vor allem, weil die Leute immer zuerst denken, die Puppe wäre echt.“ Aber es gebe auch Passanten, die interessiert nach dem Projekt fragen.

In einem sind sich die Jugendlichen jedenfalls einig: Auch wenn es viele schöne Seiten am Mutter- oder Vatersein gibt, vorerst will keiner ungewollt schwanger werden. Kessler entgegnet: „Aber jetzt nach der Beratung wäre das auch keine Katastrophe mehr.“