Germanistenherz

Wenn Germanistenherzen höher schlagen

Friedrichshafen / Lesedauer: 3 min

Poetry-Slam lockt zahlreiche Besucher zum FAB-Festival – Alex Simm gewinnt den Wettbewerb mit tierischen Wortspielen
Veröffentlicht:23.09.2018, 17:39
Aktualisiert:22.10.2019, 16:00

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Bei Betreten des Caserne-Geländes am FAB-Festival sind zahlreiche Poesie-Liebhaber und solche, die es erst noch werden mussten, an der Open-Air-Bühne vorbei, mit musikalischer Untermalung in Form von Basstönen aus dem Theater Atrium den farbigen Lichtspielereien ins Casino gefolgt.

Aus allen Nähten platzte der Veranstaltungsort, sodass einige, stehend oder auf dem Boden Platz nehmend, dem kreativen Treiben auf der Bühne lauschten. Den Anfang machte Bürgermeister Andreas Köster , der humorvoll offiziell das FAB-Festival eröffnete und feststellte, dass sich ‚Wacken‘ nicht nur auf ‚altbacken‘, sondern auch auf ‚kacken‘ reimt. Moderator Marvin Suckut erklärte dem gemischten Publikum aus unterschiedlichen Lebensphasen – die Liebe zur Poesie kennt im Land der Dichter und Denker eben weder Geschlecht noch Alter – die Regeln des dichterischen Wettstreits: Selbstverfasste Texte, Zeitlimit sieben Minuten, keine Hilfsmittel erlaubt. Sechs Teilnehmer traten im 1:1-Duell gegeneinander an, die Zuhörer kürten per Applaus den Gewinner.

Jan Rutishauser aus Güttingen in der Schweiz widmete seinen Slam-Text dem ungeliebten Salatbesteck, das er sich seiner Freundin zuliebe anschaffen musste, wohingegen Lisa Weltzin aus Ravensburg sich schwäbisch-rhythmisch sozialkritisch mit der Generation Y auseinandersetzte: „Studieren ist wie Hartz IV, nur dass unsere Eltern stolz auf uns sind.“

Humor und Tiefgang vereint

Ein lyrisch-kreatives Meisterwerk, das man am liebsten mit nach Hause nehmen und immer wieder lesen möchte, bescherte den Zuschauern Marina Sigl aus Konstanz mit ihrer perfekten Mischung aus Humor und Tiefgang: „Es muss doch nicht immer alles gut sein, manchmal ist bergab auch ganz schön – auf dem Fahrrad zum Beispiel.“ Thorsten Fahrbach aus Konstanz bediente sich unübersetzbarer Wörter aus aller Welt, bemerkte, dass ein Quantensprung rein physikalisch gesehen die kleinstmögliche Veränderung darstellt und, dass Würde kein Konjunktiv, sondern ein Imperativ sein muss.

Rekordteilnehmer und -sieger Alex Simm aus Langenargen glänzt durch eine theatralische Inszenierung, Gallizismen und Anglizismen und tierische Wortspiele und teilt sich am Ende des Abends den Doppelsieg mit Wehwalt Koslovsky aus Hamburg, dessen Stimmklangfarbe sich gut als Bösewicht auf Märchenkassetten machen würde. Das Nordlicht machte mit der kunstvollen Schönheit der Form der Poesie in Verbindung mit dem Inhalt seiner Texte Goethe und Schiller alle Ehre und ließ Germanistenherzen höher schlagen, denn reimen sei für ihn „vollendet denken“. Ein besonderer Ohrenschmaus des Abends war Special Guest Tilman Claas aus Mannheim. Der sympathische Singer-Songwriter à la Philipp Poisel, aber mit Humor, versetzte die Masse in ein wohligwarmes Wohnzimmerfeeling wie aus einem Kinofilm mit Sepiafilter.