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Bombennacht

Vor 70 Jahren: Als die Bomben Friedrichshafen das Herz nahmen

Friedrichshafen / Lesedauer: 7 min

SZ-Leserin Maria Neher erinnert sich an den verherrenden Bombenangriff auf Friedrichshafen am 28. April 1944
Veröffentlicht:28.04.2014, 13:30

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Der 28. April 1944 und der 28. April 2014 – 70 Jahre liegen zwischen diesen beiden Daten. Und noch immer ist die Bombennacht vor so vielen Jahrzehnten, für jeden, der sie erlebt hat, eine einschneidende Erinnerung. SZ-Leserin Maria Neher errinnert sich an den verheerendsten Angriff von allen.

Friedrichshafen am Bodensee war während der Kriegsjahre eine der bedeutendsten Rüstungsstandorte Deutschlands. Bei Dornier, Maybach-Motorenbau, Zahnradfabrik und bei Luftschiffbau-Zeppelin wurde unter dem damals noch erwarteten „Endsieg“ unter vollem Einsatz gearbeitet. Das machte die Stadt elf Mal zum Ziel alliierter Bomben, die Friedrichshafens Innenstadt weitgehend zerstörten.

„Bereits im Vorfeld gab es zwei schwere Tagesangriffe. Das Inferno der Nacht vom 28. April 1944 übertraf jedoch alles bisher erlebte. Als 19-Jährige erlebte ich alle elf Luftangriffe hautnah mit. Mein Zuhause war in der kleinen Jägerstraße, heute Bussardgasse, am Bahnübergang in der Paulinenstraße, wo sich die Bahngleise nach Ulm und Lindau voneinander trennen.

Gegen Mitternacht ertönten minutenlang Sirenen und unmittelbar danach erreichten, mit dröhnendem Motorengeräusch, die feindlichen Bombengeschwader in nicht mehr endenden Formationen das Stadtgebiet. Abgeschossene Leuchtraketen, die sich zu unzähligen strahlenden Christbäumen öffneten, machten Friedrichshafen taghell und zeigten den Flugzeugen ihr Ziel. Es begann ein Inferno ohne Gleichen: Aus den Geschützstellungen der Flak, die rund um unsere Stadt zu ihrer Verteidigung aufgestellt waren, begann ohrenbetäubendes Krachen aus allen Rohren und die Flugzeuge schickten ihre tödliche Last, ohne Rücksicht auf Verluste, auf alles, was es zu vernichten galt.

Ein halbes Dach, kein Ziegel

In der Nacht half ich meinem Vater, mit dem ich allein in unserem Haus war, einen im Dach beginnenden Brand zu löschen, während über uns Flakgeschosse explodierten, Luftminen und unzählige Phosphor-Brandbomben niedergingen.

Am Morgen nach der Bombennacht wollte es nicht Tag werden, denn dicke Rauchschwaden lagen über der Stadt und überall brannte es noch lichterloh. Obdachlose Menschen standen erschüttert vor ihren Häusern und Wohungen und wussten nicht wo sie Unterschlupf finden konnten. Wieder Andere suchten verzweifelt und hilflos nach einem Weg zu ihren verschütteten Angehörigen. Auch unsere kleine Jägerstraße war durch die Bombeneinschläge und Luftminen stark geschädigt. Der Bombenteppich, der die gegenüber liegende Zahnradfabrik in ein Trümmerfeld verwandelte hinterließ Spuren auch in der unmittelbaren Umgebung. Unser Haus hatte nur noch ein halbes Dach und keinen einzigen Ziegel mehr. Fenster und Türen waren durch den Luftdruck aus ihrer Verankerung gerissen worden und nur die mit starken Pfählen abgestützte Kellerdecke hielt den Erschütterungen stand.

Dass mein Vater durch den einströmenden Phosphor der Brandbomben seine Haare verlor und Brandnarben zurückblieben war für ihn Nebensache. Hauptsache, wir hatten überlebt. Unsere Mutter erlebte diese Unglücksnacht auf dem Hofgut Moos bei Tettnang zusammen mit meiner jüngsten Schwester Hanne, bei der sie übernachtete. Sie bangte in dieser Nacht um unser Leben, weil sie glaubte, dass aus diesem Feuermeer kein Entkommen möglich sein konnte. So war sie die erste die uns in den frühen Morgenstunden des 28. April überglücklich in die Arme schloss.

Geköpfte Stümpfe

Das Chaos war grenzenlos, wohin man auch schaute. Technische Hilfsdienste, Einsatzkräfte des Militärs, Rotes Kreuz und andere fanden kein Durchkommen. Es gab keine Straßen mehr und keine Punkte, an denen man sich hätte orientieren können. Einzig und allein die in den Himmel ragenden zerfetzten und geköpften Baumstümpfe der einstmals so wuchtigen Kastanienbäume ließen noch erahnen, dass hier einmal die zwei Kilometer lange Allee von der Paulinenstraße zur Ravensburger Straße bis zum Seewald verlief. Sie war mit ihren alten hochgewachsenen Stämmen ein Juwel im Herzen unserer Stadt und in hochsommerlichen Tagen wölbte sich ihr Geäst zu einem schattenspendenden Baldachin.

Als ich in den Morgenstunden auf dem Weg zum Elternhaus meines Freundes diese Straße begehen wollte, gab es kein Durchkommen. Die noch immer brennenden Häuserfronten links und rechts und die mächtigen , kreuz und quer liegenden, Baumstämme versperrten mir den Weg; wie ich bis zum „Mausloch“ an der Eckenerstraße zur Innenstadt kam, weiß ich heute nicht mehr. Das „Mausloch“ ist ein Durchgang unter der Bahnlinie vom Stadtbahnhof zum Hafenbahnhof und führt an seinem Tunnelende direkt in den Kernbereich der Altstadt. Als ich an diesem 28. April durch diese Unterführung ging, um nach den Angehörigen meines Freundes zu suchen, stand am Tunnelende das alteingesessen, renommierte Hotel „ Sonne“ der Familie Hauber noch in hellen Flammen. Diese Familie verlor in der Unglücksnacht zum Verlust ihres Hotels auch noch die Seele des Hauses, ihre Chefin, die an gebrochenem Herzen durch einen Schlaganfall verstarb. Im angrenzenden Rosengarten des Hotels fand ihre sterbliche Hülle unter einem Blechdach fürs erste einen Ruheplatz.

Beim Blick hinüber zur Sedanstraße konnte ich nur noch rauchende Ruinen erkennen. Mutter Neher und die anderen Bewohner dieser Straße verließen im Feuersturm ihre brennenden Häuser und suchten Zuflucht auf dem nahegelegenen Bahnsteig des Hafenbahnhofs wo ich sie in erbarmungswürdigem Zustand mit rußgeschwärzten Gesichtern neben ihren geretteten Habseligkeiten antraf. Wie ein Fels in der Brandung stand Metzgermeister Arnegger in der Mitte seiner Nachbarn und schnitt mit einer Schere, mangels eines Messers, Wursträdchen von einer in seinem Gepäck mitgeführten Salamiwurst und verteilte diese unter den Umstehenden. Diese Geste war wohltuend im Umfeld dieses Elend: bis heut habe ich die dankbaren Blicke vor meinen Augen. Mutter Neher nahm ich mit heim zu meiner Familie wo sie fürs Erste eine Bleibe fand.

Fetzen der Brandnacht am Schweizer Ufer

Als tags darauf die Flammengarben langsam in sich zusammengesunken waren und man zwischen Rauchschwaden etwas erkennen konnte, war unsere einst so schöne Stadt dem Erdboden gleichgemacht. Dass es die Altstadt so verheerend traf, war nicht zuletzt der baulichen Verfilzung der alten Häuser, die z.T. noch aus vielen An- und Aufbauten aus Holz bestanden, anzulasten. Von unserer Nikolauskirche, einem Juwel im Herzen der Stadt, war außer dem Turm nichts stehen geblieben; er ragte einsam aus der Trümmerlandschaft in den Himmel. Das geschichtsträchtige und historisch wertvolle Stadtarchiv, das man seinen dicken Mauern anvertraut hatte und dort als sicher verwahrt glaubt , fiel vollständig den Flammen zum Opfer. Einem Wunder gleich blieben zwei unersetzliche Kostbarkeiten dem Gotteshaus erhalten. In einer geschützten Turmnische an der Außenwand hing das spätbarocke Kreuz, das rußgeschwärzt, aber unversehrt, vom Feuer verschont blieb. Es fand nach dem Wiederaufbau seinen würdigen Platz über dem Hochaltar von St. Nikolaus bis heute.

Das andere Geschenk war der Tabernakel, gefertigt in der Werkstätte von Professor Möhler in Schwäbisch Gmünd, der bei Aufräumungsarbeiten zum Wiederaufbau unter meterhohem Schutt geborgen wurde. Er war das einzige Schmuckstück, das von der früheren Ausstattung des Gotteshauses übrig geblieben ist; seine verheißungsvolle Inschrift „Ich mache alles neu“ gab Hoffnung und Zuversicht, damals bis heute. Bei der Weihe des Gotteshauses nach dem Wiederaufbau im Herbst 1949 durch Bischof Leiprecht fand er wieder seinen angestammten Platz im Altarraum von St. Nikolaus.

Es ist noch erwähnenswert, dass der Hitzeauftrieb aus den Druckwellen der lodernden Flammen so stark war, dass Teile von Gebetsbüchern und Fetzen von halbverbrannten Zeitungen aus der Nikolauskirche im Ascheregen über den Bodensee gewirbelt wurden; am 14 km entfernten Schweizer Ufer wurden sie aufgefunden. Auch die denkmalgeschützte Schlosskirche mit ihrer bedeutsamen kunsthistorischen Stuckausstattung wurde schwer getroffen. Von ihren beiden markanten Türmen, dem Wahrzeichen der Stadt, brannte der südliche völlig aus und schickte noch Tage nach der Bombennacht dunkle Rauchschwaden aus seinem Inneren. Das Inferno dieser Schicksalsnacht vom 28. April 1944 traf unsere Heimatstadt in ihrem Lebensnerv; sie nahm ihr das kostbarste, ihr Herz.