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Selbstversuch

Überall Konfetti: Unterwegs mit dem Reinigungstrupp beim Narrensprung

Friedrichshafen / Lesedauer: 5 min

Während Tausende 75 Jahre Häfler Fasnet feiern, müssen die Straßen nach dem Umzug schnell sauber werden. Unser Autor hat Hand angelegt - und Unerwartetes erlebt.
Veröffentlicht:11.02.2024, 17:00

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Friedrichshafen hat beim Narrensprung am Samstag 75 Jahre Häfler Fasnet ordentlich gefeiert. Wo allerdings gefeiert wird, fallen auch Konfetti und Klopfer auf die Straße. Diese reinigen die Städtischen Baubetriebe. Ich helfe diesmal mit beim Saubermachen. Und erfahre dabei viel Dankbarkeit der Besucher - und die ein oder andere Überraschung.

15.30 Uhr: Sie sind unschwer an der orangenen Kleidungsfarbe zu erkennen: Ich treffe Günter Strasser, Koordinator des Straßenreinigungstrupps, und meine weiteren Kolleginnen und Kollegen der Städtischen Baubetriebe Friedrichshafen am Startpunkt des Umzugs gegenüber vom Gasthaus Schwanen.

Simon Federer (links) räumt auf und hilft mit.
Simon Federer (links) räumt auf und hilft mit. (Foto: Felix Kästle)

Der Umzug ist noch im vollen Gange, gegenüber kommentieren die Herren auf dem Elferratswagen das Geschehen. Günter Strasser berichtet mir, dass der Reinigungstrupp bereits seit 15 Uhr vor Ort ist; denn man könne schlecht vorhersagen, wie lange der Umzug dauert - und danach müssen die Kollegen zügig die Straßen reinigen, damit Busse und Anwohner wieder durchkommen.

Alle machen mit

15.53 Uhr: Gemeinsam schauen wir den Narrensprung an und freuen uns an Maskengruppen und Fanfarenzügen. Seit rund sechs Jahren verantwortet Günter Strasser die Reinigung des Häfler Umzugs, eigentlich ist er als Gärtner für die Städtischen Baubetriebe tätig. So habe jeder Kollege, der heute hilft, seine spezifischen Aufgaben im Arbeitsalltag - aber bei einem solchen Großereignis wie der Umzug packen alle mit an.

16.39 Uhr: Es geht für die ersten Kollegen los. Ein Trupp reinigt die Innenstadt, ein anderer ist die Vorhut auf der Umzugsstrecke und sammelt etwa große Flaschen auf, die nicht von der Kehrmaschine aufgesaugt werden können. Ich bin Teil des dritten Trupps, der Nachhut - wir sind acht Kollegen plus drei Männer, die die Kehrmaschinen fahren.

Mit sieben km/h durch die Friedrichstraße

16.52 Uhr: Meine Aufregung steigt. Günter Strasser gibt mir eine Warnweste und Handschuhe. Ich setze einen Akku-Bläser wie einen Rucksack auf und starte meine ersten Versuche, den Müll vom Gehweg auf die Straße zu blasen.

Dafür braucht es wirklich Fingerspitzengefühl, merke ich schnell. Immer auf Vollgas zu blasen, bringt gar nichts. Sonst läuft man Gefahr, den Besuchern Konfetti und Blätter ins Gesicht zu blasen. Das wäre ein bisschen zu viel des Fasnetsspaßes.

Ich bin gespannt, was mich bei der Fahrt mit der Kehrmaschine erwartet. Einsteigen muss ich auf der linken Seite – die bei normalen Kraftfahrzeugen für den Fahrer reserviert ist. Bei dieser Kehrmaschine sei hingegen rechts die Fahrerseite, damit dieser einen Blick auf die ebenfalls rechts gelegene Kehreinrichtung habe, erklärt mir Fahrer Christian Mimm.
Ich bin gespannt, was mich bei der Fahrt mit der Kehrmaschine erwartet. Einsteigen muss ich auf der linken Seite – die bei normalen Kraftfahrzeugen für den Fahrer reserviert ist. Bei dieser Kehrmaschine sei hingegen rechts die Fahrerseite, damit dieser einen Blick auf die ebenfalls rechts gelegene Kehreinrichtung habe, erklärt mir Fahrer Christian Mimm. (Foto: Felix Kästle)

17.08 Uhr: Jetzt darf ich in einer Kehrmaschine mitfahren, die Christian Mimm bedient. Aus dem Radio erklingt das Lied „Despacito“, Spanisch für „ganz langsam, gemächlich“. Mit gemütlichen sieben Stundenkilometern geht es die Friedrichstraße entlang - noch langsamer als sonst, aber dafür in einen riesigen Staubsauger, der Massen von Müll einsaugt.

Blasen mit System

17.33 Uhr: Nun geht es für mich wieder zurück zum Bläsertrupp, der mittlerweile die Gehwege in der Eugenstraße reinigt. Günter Strasser gibt mir ein Akkugerät, das sogar ohne Rucksack auf dem Rücken funktioniert. Ich schließe mich Petra Dietrich und Leo Zyrapi an.

Langsam verstehe ich das System meiner beiden Kollegen und versuche, mich darin einzufügen. Petra Dietrich ist meist die erste und bläst den groben Schmutz weg. Die zwei hinteren kümmern sich um die Feinheiten.

Günter Strasser bespricht den Ablauf der Reinigung mit einer Polizeibeamtin. Die Polizei ist dafür zuständig, die gesäuberten Straßen wieder freizugeben. Danach können die Kollegen von der Schilderwerkstatt und vom Technischen Hilfswerk die Absperrungen abbauen. Neu in diesem Jahr: Die Reinigungskolonne arbeitet sich zunächst die Friedrichstraße entlang bis zum Stadtbahnhof durch, damit die Busse wieder schneller fahren können.
Günter Strasser bespricht den Ablauf der Reinigung mit einer Polizeibeamtin. Die Polizei ist dafür zuständig, die gesäuberten Straßen wieder freizugeben. Danach können die Kollegen von der Schilderwerkstatt und vom Technischen Hilfswerk die Absperrungen abbauen. Neu in diesem Jahr: Die Reinigungskolonne arbeitet sich zunächst die Friedrichstraße entlang bis zum Stadtbahnhof durch, damit die Busse wieder schneller fahren können. (Foto: Simon Federer)

Auch Anwohner und Geschäftsinhaber reinigen teils die Flächen vor ihren Grundstücken - und zeigen sich dankbar, wenn ich sie dabei unterstütze und etwa Glasscherben vorsichtig auf die Straße blase. Es macht Spaß und ich habe das Gefühl, dass ich bei der Arbeit nun tatsächlich etwas gebacken, beziehungsweise geblasen, bekomme.

Ein unerwartetes Trinkgeld

17.58 Uhr: Die positiven Rückmeldungen der Besucher häufen sich. „Ihr seid die wichtigste Gruppe des ganzen Umzugs“, heißt es gar. Eine leicht beschwipste Dame in einem Biene-Maja-Kostüm hält mir einen 20-Euro-Schein als Trinkgeld entgegen.

„Danke, aber das darf ich nicht annehmen“, sage ich - das weiß ich von meinen Kollegen. „Spenden Sie das Geld lieber“, lautet mein Alternativvorschlag. Die Dame beharrt zunächst auf dem Trinkgeld, willigt aber schließlich ein.

Zehn Kilo auf dem Rücken

18.12 Uhr: So lange hat die Eugenstraße noch nie auf mich gewirkt. Die schiere Menge an Klopfern, die auf der Straße liegen, hat mich sprachlos gemacht. Dem Reinigungstrupp würde viel Arbeit erspart bleiben, wenn jeder seine Flaschen nach dem Trinken selbst entsorgen würde.

Jetzt sind wir endlich beim Kreisverkehr angekommen, bei dem der Umzug links in die Werastraße abgebogen ist. Es ist Zeit für eine Pause. Petra Dietrich braucht Sprit für ihren Benzinbläser.

 Meine Kollegin Petra Dietrich ist verkleidet, sie trägt einen Bollenhut mit Zöpfen, wie man ihn aus dem Schwarzwald kennt – schließlich kommt sie aus dem Badischen.
Meine Kollegin Petra Dietrich ist verkleidet, sie trägt einen Bollenhut mit Zöpfen, wie man ihn aus dem Schwarzwald kennt – schließlich kommt sie aus dem Badischen. (Foto: Felix Kästle)

Eigentlich reicht es mir jetzt. Der Schmutz hat sich in meinen Schuhen und Socken und in meiner Nase gesammelt. Beide Arme, mit denen ich das Gebläse abwechselnd halte, tun weh. Aber meine Kollegin Petra Dietrich jammert auch nicht, die einen Zehn-Kilo-Rucksack von Benzinbläser auf dem Rücken trägt - plus Sprit. Leo Zyrapi ist weiter hochmotiviert. „Es muss alles heute noch picobello werden. Wir schaffen das.“

Technik gibt den Geist auf

18.21 Uhr: Wir arbeiten nach kurzem Verschnaufen weiter. Ich beiße die Zähne zusammen und mache mich an die Reinigung der Gehwege in der Werastraße und der Friedrichstraße. Das Team jetzt im Stich zu lassen, kommt nicht in Frage.

19.15 Uhr: Wir haben es geschafft. Petra Dietrich, Leo Zyrapi und ich sind am Stadtbahnhof angekommen, den Kollegen bereits sauber gemacht haben.

Wir sammeln uns am Graf-Zeppelin-Haus. „Seid ihr noch fit?“, fragt Leo Zyrapi in die Runde. „Ich könnte noch fünf Stunden arbeiten.“ Ich bin nicht mehr fit, genauso wenig wie eine kleine Kehrmaschine. Sie hat den Geist aufgegeben und steht nahe des Graf-Zeppelin-Hauses, bis ein Tieflader der Städtischen Baubetriebe sie abholen wird, berichtet Günter Strasser.

Das war noch nicht alles

Der Koordinator sagt, er habe sich über meine Unterstützung gefreut. Es hat mir Spaß gemacht, den Reinigungstrupp zu unterstützen und mich auszupowern. Die Kollegen haben eine wirklich wichtige Aufgabe, denn niemand will nach dem Umzug durch Glasscherben laufen oder auf Konfetti ausrutschen - auch wenn die Kollegen am Dienstag noch mal durch die Stadt ziehen und sich um die Feinheiten kümmern werden.

Ich freue mich jedenfalls auf die finale Reinigung des Tages: eine entspannte Dusche.