Nebliger Winter

Trübe Suppe? Die Nebeltage am Bodensee werden weniger

Friedrichshafen / Lesedauer: 4 min

Der Blick vom Bodenseeufer auf die Alpen ist im Winter immer häufiger unverstellt. Denn es bildet sich tendenziell weniger Nebel als früher. Das sind die Gründe dafür.
Veröffentlicht:22.01.2023, 05:00

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Weiße, undurchdringliche Suppe, die aufs Gemüt schlägt: Das kommt am Bodensee immer seltener vor. Denn die Nebelstunden am See haben seit den 1980er-Jahren tendenziell abgenommen. Das zeigen Daten des Deutschen Wetterdienstes, die der „Südkurier“ ausgewertet hat. Demnach waren in den 1980er-Jahren 400 oder 600 Nebelstunden im Jahr keine Seltenheit, seit 2000 liegt die Anzahl fast immer unter 400, in einigen Jahren sogar unter 200 Stunden im Jahr.

Roland Roth, der die Wetterwarte Süd in Bad Schussenried leitet, bestätigt diesen Trend. „Die Nebeltage am Bodensee haben im Vergleich zu vor zehn Jahren im Schnitt um etwa zehn Prozent abgenommen“, sagt er. Für den Rückgang macht er zwei Hauptgründe aus: den Klimawandel und sauberere Luft.

Wann Nebel entsteht

Von Nebel spricht man dann, wenn die Sichtweite weniger als einen Kilometer beträgt. Er entsteht in wasserreichen Regionen vor allem im Winter, wenn Wasser verdunstet und in der kühleren Luft kondensiert. Auch wenn die Bodenseeregion berühmt für ihre nebligen Winter ist, so tritt dieses Phänomen nicht überall gleich oft auf. Friedrichshafen hat laut Roth beispielsweise mehr Nebeltage als Lindau, weil Lindau vom Föhn profitiert – zumindest dann, wenn der Föhn bis zum Boden durchbricht und den Nebel fortbläst.

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Roland Roth betreibt die Wetterwarte Süd in Bad Schussenried. (Foto: Schwäbische.de)

Grundsätzlich gilt, so der Wetterexperte: Bei einer von Tiefdruck bestimmten Großwetterlage gibt es tendenziell mehr Wind, der möglichen Nebel forttreibt. Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht zwangsläufig immer Sonne, bewölkt und grau kann es trotzdem noch sein.

Gründe für den Rückgang der Nebeltage

Als Grund für weniger Nebel am See – und nicht nur am See, sondern in ganz Deutschland – nennt Roth den Klimawandel. In der Bodenseeregion habe sich die Durchschnittstemperatur in den vergangenen Jahren um zwei Grad erhöht. „Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf unsichtbar aufnehmen“, erklärt er. Die Feuchtigkeit ist also noch da, aber nicht mehr als Nebel sichtbar.

Ebenfalls entscheidend sei die Luft, die, im Vergleich zu früher, sauberer ist. „Jede Feuchtigkeit braucht etwas, woran sie sich ablagern kann, einen sogenannten Kondensationskern“, erklärt Roth. Saubere Luft enthält weniger Partikel, um die herum Tropfen entstehen können.

Mögliche Auswirkungen

Wie genau sich der Rückgang des Nebels am Bodensee auf Menschen, Tiere und Umwelt auswirkt, dazu bräuchte es Langzeitstudien, teilt die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg mit. Roths spontane Bewertung fällt positiv aus. Denn: „Wenn tagelang der Nebel drin hängt, neigt man schnell zu Verstimmungen.“ Für den Menschen sehe er daher nur Vorteile.

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Auch Betriebe wie der Flughafen in Friedrichshafen könnten davon profitieren, wenn seltener Starts wegen schlechter Sicht verhindert werden. Allerdings führt man dort keine „Nebelstatistik“. Es gebe laut Luftaufsicht jedoch spürbar weniger Nebel als in früheren Jahren, teilt eine Flughafen-Sprecherin mit. Für die Arbeit der Lindauer Wasserschutzpolizei wiederum spielt laut einer Sprecherin weder der Nebel noch der Rückgang des Nebels eine Rolle.

Bodensee nicht die nebelreichste Gegend in der Region

Trotz der abnehmenden Tendenz gibt es natürlich weiterhin Nebeltage. Ein möglicher kleiner Trost für alle Bodenseeanlieger: Der Bodensee ist laut Roth nicht die nebelreichste Gegend in der Region. Das sei der Bereich zwischen Riedlingen, Biberach und Bad Schussenried.

Denn dorthin wehe der Wind – je nach Richtung aus der er kommt – entweder den Nebel von der Donau oder den Nebel vom Bodensee und darüber hinaus sei die Gegend selbst sehr feucht – also prädestiniert für „eigenen“ Nebel. Wem all das zu trübe ist, dem rät der Wetterexperte zum Blick aufs lokale Wetter. Denn oftmals reiche es aus, wenige Kilometer zu fahren oder auf einen Berg zu steigen, um dem undurchsichtigen Grau zu entkommen.