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„Traut euch“

Wenn niemand sonst zuhört, hilft die Nummer gegen Kummer

Friedrichshafen / Lesedauer: 4 min

Bereits Kinder und Jugendliche haben mit schwerwiegenden Problemen zu kämpfen. Der Griff zum Telefon kann helfen. Zwei Häflerinnen sind seit mehr als 20 Jahren für die Anrufer da.
Veröffentlicht:19.11.2023, 08:00

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Depression, Borderline, sexueller Missbrauch oder Mobbing: Die Probleme, mit denen einige Kinder und Jugendliche zu kämpfen haben, sind schwerwiegend. Vertrauenspersonen können helfen, sind aber nicht immer verfügbar. Seit nunmehr 40 Jahren ist das Sorgentelefon des Vereins „Nummer gegen Kummer“ eine der wichtigsten Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche, deren Sorgen und Nöte von niemandem gehört werden.

In den rund 20 Jahren, in denen Kirsten Bauermeister und Ingrid Pfannkuchen vom Kinder- und Jugendschutzbund Friedrichshafen den Hörer in der Hand halten, haben sie einen Anstieg psychischer Probleme bei Kindern und Jugendlichen festgestellt.

Depressionen, Missbrauch oder Mobbing: Die Nummer gegen Kummer ist erreichbar, wenn sonst niemand zuhört.

Waren es zunächst Themen wie Liebeskummer, Streit mit den Eltern oder die Schule, die die Heranwachsenden belasteten, quälten den heutigen Nachwuchs Zukunftsängste. „Wir haben es hier mit Kindern zu tun, die unter Depressionen leiden, sich selbst verletzen, sexuellen Missbrauch über sich ergehen lassen oder an Suizid denken“, erzählt Ingrid Pfannkuchen.

Besonders geschultes Personal

Bevor sie mit den Kindern und Jugendlichen ins Gespräch gehen dürfen, müssen die Mitarbeiter eine 60-stündige Ausbildung absolvieren, Hospitationen und Rollenspiele inklusive. Wichtig sei es, sowohl den emotionalen Abstand zu wahren, als auch Empathie für die Hilfesuchenden zu zeigen. Trotzdem stoßen die Berater bei schwierigen Themen manchmal an ihre Grenzen.

Über fünf Millionen Beratungen haben die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Nummer gegen Kummer in den vergangenen 40 Jahren getätigt. In den Jahren 2019 und 2020 näherte sich die Zahl der Anrufer an die 100.000-Marke. Zu diesem Anstieg beigetragen hat auch Covid-19: Knapp zehn Prozent der Anrufer sprachen über Probleme, die durch die Corona-Pandemie ausgelöst oder verstärkt wurden. Quelle: Nummer gegen Kummer

„Wir versuchen die Kinder zu stärken und sie zu motivieren, immer wieder anzurufen. Wenn ich nicht helfen kann, zeige ich Alternativen auf“, sagt Ingrid Pfannkuchen. Sich vor den Eltern zu offenbaren, falle vielen nicht leicht. Selbst bei sexuellem Missbrauch durch Angehörige schweigen viele Kinder. Zu groß sei die Sorge, die eigene Familie zu zerstören, sagt Kirsten Bauermeister.

Keine Ratschläge sondern gemeinsame Lösungen

„Wir hören zu“, betont sie. Allerdings bekämen die Anrufer weder Ratschläge noch den erhobenen Zeigefinger. Ihre Aufgabe bestehe darin, im Gespräch einen möglichen Lösungsweg zu erarbeiten. „Wir geben ein Sprungbrett und wollen dabei zur Selbstreflexion anregen“, sagt sie. Manchmal rufen die Kinder aus Langeweile an ‐ weil sich niemand mit ihnen beschäftigt. „Ich rede dann oft über das Lieblingsessen“, verrät Kirsten Bauermeister.

Seine Anfänge hatte das Häfler Sorgentelefon unter Rotraut Binder, der langjährigen Gründungsvorsitzenden des Kinder- und Jugendschutzbundes Friedrichshafen. Im Jahr 1982 wurde das Angebot insbesondere von Anrufern aus der Region genutzt. Als der Deutsche Kinderschutzbund mit der „Nummer gegen Kummer“ ein überregionales Angebot schaffen wollte, trat das Häfler Sorgentelefon im Jahr 1985 bei.

Tausende Kinder und Jugendliche nehmen das Angebot an

Wie wichtig dieses Angebot für Kinder und Jugendliche ist, zeigen die Zahlen. 6097 Anrufe hat der Ortsverband des Kinder- und Jugendschutzbundes in Friedrichshafen allein im Jahr 2022 entgegengenommen. Die Kerngruppe der Anrufer sei zwischen 14 und 18 Jahre alt, aber „telefonieren kann man schon mit acht“, sagt Ingrid Pfannkuchen.

Wegen der einheitlichen Telefonnummer, spräche sie mit Kindern und Jugendlichen aus ganz Deutschland. Manchmal könne es vorkommen, dass Berater und Anrufer nicht zusammenfinden. „Dann einfach nochmal anrufen“, rät Kirsten Bauermeister.

„Traut euch“

Der Schutz wird auf beiden Seiten gewahrt, denn sowohl Anrufer als auch Beratende sind anonym. Die Kinder bräuchten weder ihren Namen noch ihr Alter zu nennen. Für diejenigen, die noch Hemmungen haben, die Nummer gegen Kummer zu wählen, findet Kirsten Bauermeister klare Worte: „Traut euch. Das Problem, das wir besprechen, bleibt unter uns.“


Mehr Infos gibt’s unter www.nummergegenkummer.de

Übrigens: Unter der Nummer 0800/1110550 gibt es auch ein kostenloses Elterntelefon.

Wer den Kinder- und Jugendschutzbund Friedrichshafen unterstützen möchte, wird HIER fündig.