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Sexueller Missbrauch

Warum Opfer so oft schweigen

Friedrichshafen / Lesedauer: 5 min

Betroffene äußern sich oft erst Jahre später. Manchmal tun sie es nie. Eine Psychologin zeigt Verständnis und erklärt, weshalb die Gesellschaft eine Mitschuld trägt.
Veröffentlicht:26.11.2023, 05:00

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In Deutschland ist die Zahl der Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen, die bei der Polizei angezeigt werden, weiter steigend. Das betrifft auch die Landkreise im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Ravensburg. Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, wie die offizielle Bezeichnung lautet, sind dort um 18,6 Prozent gestiegen, steht es im Sicherheitsbericht des Jahres 2022. Im Bodenseekreis hat es im vergangenen Jahr 214 entsprechende Fälle gegeben, heißt es weiter. Die Dunkelziffer ist mutmaßlich nach wie vor sehr hoch, sagt die Polizei. Häufig schweigen die Opfer. Mit schwerwiegenden Folgen.

In den Landkreisen Bodenseekreis, Ravensburg und Sigmaringen werden immer mehr Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung angezeigt. In diesen Bereich fallen Delikte wie sexuelle Nötigung und Belästigung, sowie Vergewaltigung und sexueller Missbrauch, aber auch die Verbreitung pornografischer Schriften. Die Polizei mutmaßt, dass die Dunkelziffer im Bereich des sexuellen Missbrauchs noch sehr viel höher liege.
In den Landkreisen Bodenseekreis, Ravensburg und Sigmaringen werden immer mehr Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung angezeigt. In diesen Bereich fallen Delikte wie sexuelle Nötigung und Belästigung, sowie Vergewaltigung und sexueller Missbrauch, aber auch die Verbreitung pornografischer Schriften. Die Polizei mutmaßt, dass die Dunkelziffer im Bereich des sexuellen Missbrauchs noch sehr viel höher liege. (Foto: Polizeipräsidium Ravensburg, Sicherheitsbericht des Jahres 2022 )

Katalin Dohrmann leitet das Kompetenzzentrum Psychotraumatologie an der Universität Konstanz. Seit 16 Jahren untersucht sie Menschen mit schweren Traumata. Die Reaktion auf ein Trauma, das durch einen sexuellen Missbrauch beim Opfer ausgelöst wird, sei bei allen Menschen ähnlich, sagt die promovierte Psychologin: „Wir haben ein inneres Programm, wie wir in einer Situation reagieren, in der unsere körperliche und psychische Unversehrtheit durch ein ungewolltes Eindringen in unseren Körper bedroht ist.“

Sinneseindrücke verfestigen sich besonders

Innerhalb weniger Sekunden finde eine Abspaltung zwischen Körper und Geist statt. Während die Betroffenen äußerlich komplett erstarren, sei ihr Inneres wach. In der Tierwelt gibt es dafür einen Namen: Totstellreflex.

Die Psychotraumatologin Katalin Dohrmann arbeitet vor allem mit den Traumata von Geflüchteten aus unterschiedlichen Herkunftsländern. Sie sagt: „Bei sexueller Gewalt ist die Herkunft egal. Alle Betroffenen reagieren ähnlich.“
Die Psychotraumatologin Katalin Dohrmann arbeitet vor allem mit den Traumata von Geflüchteten aus unterschiedlichen Herkunftsländern. Sie sagt: „Bei sexueller Gewalt ist die Herkunft egal. Alle Betroffenen reagieren ähnlich.“ (Foto: Privat/Katalin Dohrmann)

Die Gründe, weshalb Opfer sexuellen Missbrauchs erst viel später oder gar nicht sprechen, sind vielfältig. Während eines Traumas seien die Sprachareale ausgeschaltet. Das führe dazu, dass das Opfer die Tat nicht immer schildern oder diese zeitlich einordnen könne, erklärt Katalin Dohrmann. Viel präsenter seien Gerüche oder das, was über die Ohren wahrgenommen wurde, wie beispielsweise eine tiefe Stimme.

Schuld als Selbstschutz

Mit dem eigenen Schuldgefühl setze ein Denkfehler beim Opfer ein. Sich einzureden, dass die falsche Kleidung getragen und das Geschehen damit selbst provoziert wurde, sei der Versuch, die Kontrolle zurückzuerlangen ‐ anstatt sich einzugestehen, dass man nichts hätte tun können, um die Tat zu verhindern, sagt die Psychologin.

Den Körper von den Spuren des Täters reinigen zu wollen, sei ein verständlicher Drang. Diese Spuren nochmal jemandem zu zeigen, stelle eine erneute Grenzüberschreitung dar. Das Opfer „will körperlich loswerden, was es loswerden kann“, es möchte den „Dreck von sich waschen“, erklärt die Psychologin.

Was besonders wichtig ist

Dieser übermächtige Impuls sei es, der aber die Ermittlungsarbeit erschwert, sagt Martha Dauth, Außenstellenleiterin des Weißen Rings in Friedrichshafen. Die erste Anlaufstelle von Betroffenen müsse die anonyme Spurensicherung im Krankenhaus sein, denn „damit steht und fällt die Möglichkeit einer späteren Verurteilung des Täters“, betont die ehemalige Kriminalbeamtin.

Seit acht Jahren ist Martha Dauth Außenstellenleiterin des Weißen Rings in Friedrichshafen. Gemeinsam mit ihren fünf Mitarbeitern hilft sie Opfern von Gewaltstraftaten nicht nur bei der Bewältigung, sondern leistet auch Soforthilfen. Zum Beispiel, wenn Betroffene Wohnungsschlösser auswechseln oder eine neue Telefonnummer beantragen müssen.
Seit acht Jahren ist Martha Dauth Außenstellenleiterin des Weißen Rings in Friedrichshafen. Gemeinsam mit ihren fünf Mitarbeitern hilft sie Opfern von Gewaltstraftaten nicht nur bei der Bewältigung, sondern leistet auch Soforthilfen. Zum Beispiel, wenn Betroffene Wohnungsschlösser auswechseln oder eine neue Telefonnummer beantragen müssen. (Foto: Gunnar Flotow)

Die Mitarbeiter des Weißen Rings helfen Betroffenen, nach einer Tat die notwendigen Schritte einzuleiten. Dazu gehöre, die Opfer zur anonymen Spurensicherung zu begleiten und ihnen Kontakte zu Hilfsangeboten zu vermitteln. „Was aber letztendlich unternommen wird, ist allein die Entscheidung der Betroffenen“, versichert Dauth.

Eine Mitschuld am Schweigen eines Opfers trage auch die Gesellschaft, sagt Katalin Dohrmann: „Sexuelle Gewalt ist noch immer ein Tabu-Thema. Man möchte sich nicht damit auseinandersetzen, dass Menschen einander so etwas antun.“

Noch nicht am Ziel angekommen

Aus der Me-Too-Debatte heraus habe sich viel getan, „aber es ist noch zu wenig“ ‐ auch in Hinblick auf die patriarchalischen Rollenbilder. „Solche Einstellungen ändern sich nicht von heute auf morgen“, ist sich die Psychotraumatologin sicher. Deshalb sei es für Betroffene manchmal leichter, zu schweigen.

Aber: Erst, wenn ein Opfer zu reden beginnt, fange es an, das Trauma zu verarbeiten. Andernfalls könnten sich Angstsymptome verfestigen, psychische Störungen und Abhängigkeiten auftreten. Die Folgen gingen von schweren Depressionen, über selbstverletzendes Verhalten, bis hin zu Suizidversuchen, so Dohrmann. Deshalb sei es wichtig, das Trauma aufzuarbeiten. Auch, um die Tat später in Worte fassen zu können.

Aus polizeilicher Sicht sei eine frühzeitige Aussage besonders wegen der Beweissicherung wichtig, sagt die Polizei auf Nachfrage. „Wir nehmen jeden Fall ernst und haben Verständnis für die psychische Belastung“, betonen die Beamten, stellen aber auch klar: „Der Weg, Ereignisse strafrechtlich aufzuarbeiten und potentielle Täter vor Gericht zu bringen, führt über die Polizei.“


Hier finden Betroffene Hilfe:

Informationen zur Anzeigeerstattung und dem weiteren Vorgehen der Polizei sind auf der Seite der polizeilichen Kriminalprävention finden.

Wer die Hilfe des Weißen Rings in Anspruch nehmen möchte, erreicht Martha Dauth unter der Telefonnummer 0151/55164771, oder unter folgender E-Mail-Adresse: [email protected]. Mehr Informationen finden Sie unter www.weisser-ring.de