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Selbstversuch

Zum ersten Mal als Knecht Ruprecht unterwegs - mit Video

Friedrichshafen / Lesedauer: 4 min

Unser Autor darf einen Abend lang der strenge Begleiter des Nikolaus sein. Ob diese Rolle die Kinder heute noch beeindruckt? 
Veröffentlicht:06.12.2023, 19:06

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Mit großen Augen und mucksmäuschenstill schaut mich eine Schar Kinder an. Es liegt noch ein bisschen Schnee. Sie sind auf der Straße, ein kleines Feuer wärmt. Ich bin aber auch nicht irgendein Mann, der am Nikolausabend im Häfler Stadtteil Efrizweiler unterwegs ist, sondern Knecht Ruprecht - der Begleiter des heiligen Nikolaus’.

Für ein paar Stunden bin ich in diese Rolle geschlüpft. Ich habe Walter Zacke als Nikolaus und seine Schwester Andrea Zacke als Knecht Ruprecht als einen weiteren Ruprecht begleitet. Bin dabei in das Leben von Familien eingetaucht - und habe viel gelernt. Ich trage einen dunklen Mantel, mein Bart ist allerdings weiß. Eine Rute bekomme ich nicht. Meine Ruprecht-Kollegin hat eine, aber nur mit wenigen Zweigen. Dass der Bart juckt, vergesse ich schnell und tauche in meine Rolle ein.

Das goldene Buch weiß alles

„Lustig, lustig, tralalalala, heut’ ist Nikolausabend da.“ Schon von weitem hören wir auf der Straße Kinderstimmen, die uns mit dem Refrain von „Lasst uns froh und munter sein“ begrüßen. Noch herrscht das übliche Kinderchaos. Ein Junge fällt hin, sein Vater ermahnt ihn, sich hinzustellen. Sobald wir drei ankommen, werden die Kinder ruhiger.

Das älteste Kind, Dylan, hat die Aufgabe, den Nikolausstab zu halten. Aufmerksam lauscht er, was im goldenen Buch des Bischofs über ihn geschrieben steht. Etwa, dass er sich große Mühe gegeben hat, seine Handschrift zu verbessern. Und dass er den Fünf-Meter-Sprung vom Sprungturm geschafft hat. Woran Dylan noch arbeiten kann: Dinge rechtzeitig abzuschließen.

Der Nikolaus stellt viele Fragen, nimmt sich Zeit für jedes einzelne Kind. Ich brumme manchmal, um das zu bekräftigen, was der Kollege sagt. Sind Kinder selbstkritisch, lobt er sie für ihre gute Selbsteinschätzung. Man merkt, dass Walter Zacke Lehrer ist - auch wenn er dankbar wäre, in dieser Rolle eine solche Autorität zu genießen wie als Nikolaus.

Ein Versteck vor Ruprecht

„Als ich klein war, bist du am Nikolausabend nicht auf die Straße gegangen“, berichtet Walter Zacke von seiner Kindheit in Kluftern. Wer das Haus verließ, musste mit Schlägen rechnen. Seine Schwester Andrea hat sich als Kind unter der Eckbank vor Knecht Ruprecht versteckt. Zu groß war die Angst, dass er sie in den Sack steckt.

Dass ich den Kinder nicht absichtlich Angst einjagen würde, war von Anfang an klar. Aber ich hatte das Gefühl, in irgendeiner Form einen Gegenpart zum Nikolaus darstellen zu müssen. Das ergibt aber keinen Sinn an diesem Abend. Ich bin vielmehr der Begleiter, der den Nikolaus unterstützt und die Geschenke trägt.

Der Nikolaus hat nicht immer seine Hausaufgaben gemacht

Beim siebenjährigen Damian lässt mich der Nikolaus einen Blick in sein goldenes Buch werfen. Hier ist notiert: Dickkopf. Ich frage Damian, ob er das Tier mit den Hörnern kennt, den sturen Bock - und ob er auch manchmal mit dem Kopf durch die Wand will. Zunächst verneint er, sieht aber ein, dass sich Ziele leichter erreichen lassen, wenn man sie nicht so dickköpfig verfolgt.

Sein älterer Bruder, der zehnjährige Adrian, antwortet auf die Frage nach seinem Lieblingsfach: Pause. Aber auch der Nikolaus ist ehrlich an diesem Abend und gibt selbstironisch zu, dass er Knecht Ruprecht ermahnen muss, die gemeinsame Hütte aufzuräumen. Oder dass er als Kind nicht immer die Hausaufgaben gemacht hat. Immerhin sei doch noch etwas aus ihm geworden - Nikolaus.

Respekt ist nicht selbstverständlich

Das tut seiner Autorität keinen Abbruch, im Gegenteil - selbst von Jungs im Teenageralter wird er respektiert, bei denen er seit vielen Jahren zu Gast ist. Den Zauber vom heiligen Nikolaus möchte wohl niemand kaputt machen.

„Dieses Jahr lief es wirklich rund, normalerweise erlebst du am Tisch immer wilde Geschichten“, sagt Andrea Zacke. Wenn zum Beispiel der Rosenkrieg zwischen Mama und Papa über den Nikolaus ausgetragen wird, der den jeweils anderen maßregeln soll. Oder wenn der Nikolaus die Kinder ermahnen soll, nicht so viel fernzusehen - aber im Hintergrund der Fernseher läuft.

Ich habe Gefallen gefunden an meiner Rolle als sanfter Ruprecht. Es hat mich beeindruckt, welche Achtung er bei Kindern genießt in Zeiten, in denen Respekt nicht mehr überall großgeschrieben wird. Mein Fazit: Es braucht den Zauber vom Nikolaus. Er hat auch mich erfasst.