Todsünde

Richter: „Er hat alle Todsünden des Straßenverkehrs begangen“

Friedrichshafen / Lesedauer: 4 min

Richter: „Er hat alle Todsünden des Straßenverkehrs begangen“
Veröffentlicht:02.02.2012, 12:20

Von:
Artikel teilen:

„Er hat alle Todsünden des Straßenverkehrs begangen.“ Was Axel Müller, Richter am Amtsgericht in Tettnang, mit diesen Worten zusammengefasst hat, ist die verhängnisvolle Fahrt eines 19-Jährigen aus Friedrichshafen, an dessen Ende eine 17-Jährige ihr Leben lassen musste.

Am Dienstag verkündete der Richter das Urteil: drei Jahre Jugendstrafe wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung und Fahrens ohne Fahrerlaubnis.

Die ausführlichere Version des Unfalls sah für den Richter unter anderem nach der Aussage eines Verkehrsgutachters so aus: Der junge Mann schnappte sich am 13. Oktober vergangenen Jahres das Auto eines Freundes und setzte sich betrunken und bekifft, dafür aber ohne Führerschein hinters Lenkrad. Um 20.20 Uhr raste er auf der Allmannsweiler in Richtung Neue-Messe-Straße, überholte mit Tempo 80 bis 90 kurz vor einer scharfen Rechtskurve einen Wagen vor ihm, donnerte geradeaus weiter in die Nebenstraße. Dabei geriet er ins Schleudern, berührte mit dem rechten Hinterrad den Bordstein, drehte sich um 90 Grad und krachte mit einer Geschwindigkeit von 50 bis 65 Kilometern pro Stunde frontal in die 17-jährige Radfahrerin, die auf dem Weg nach Hause war und entgegen kam.

Das Auto überschlug sich, rammte einen ungefähr 700 Kilo schweren Betonkübel, der um 20 Meter versetzt wurde, knickte einen Baum um und blieb auf dem Dach liegen. Während der Fahrer nahezu unversehrt aussteigen konnte, starb das Mädchen wenig später im Klinikum.

„Ich denke jeden Tag daran“, versicherte der polizeibekannte Angeklagte zu Beginn der Verhandlung mit leiser Stimme und ängstlichem Blick. „Ich hasse mein altes Ich. Ich will nicht mehr der sein, der ich war.“ Um sich seiner Schuld zu stellen, sei er am Grab der 17-Jährigen gewesen. Den Mut, Kontakt zu ihren Eltern aufzunehmen, habe er noch nicht aufgebracht, „denn für das, was ich getan habe, kann man sich nicht entschuldigen“. Er gab zu, den Horrorunfall verursacht zu haben, zur Aufklärung konnte er jedoch nicht viel beitragen. Mehrmals wiederholte er: „Ich weiß nichts mehr.“

Vom 13. Oktober 2011 wollte er nur im Gedächtnis behalten haben, dass er wie üblich nachmittags aufgestanden sei, Geld von den Eltern bekommen, Freunde getroffen, Schnaps getrunken und Haschisch geraucht habe. „Ich kann mich noch erinnern, dass ich ins Auto gestiegen bin, dann weiß ich erst wieder, dass es einen Knall gegeben hat.“ Dass ihm, der ohne Schulabschluss, Ausbildung, Arbeit bei und von Mutter und Vater lebt, wegen des angeblich ständigen Alkohol- und Drogenkonsums die Fähigkeit zur Selbstkontrolle abhanden gekommen war, wollte Richter Müller allerdings nicht glauben. „Wir haben hier einen voll schuldfähigen Angeklagten.“ Dafür spreche nicht zuletzt die Tatsache, dass er nach dem Unfall aus dem Wagen gekrabbelt sei und der Polizei klar Rede und Antwort gestanden habe.

Staatsanwalt Jan Baudis klang in seiner Bewertung ähnlich: „Eine 17-Jährige ist völlig grundlos tot gefahren worden.“ Die Erinnerungslücken des Angeklagten passten nicht ins Bild, seine Schilderungen zum Trinkverhalten machten keinen Sinn. Für einen Kampftrinker sei der Promillewert von 1,64, wie er am Unfallabend beim 19-Jährigen festgestellt worden war, zu niedrig. Die Forderung: Wegen der besonderen Schwere der Schuld, und weil dringend erzieherischer Bedarf bestehe, „brauchen wir eine saftige Jugendstrafe“.

Verteidiger Süleymann Yildirim bat hingegen, eine Strafe auf Bewährung zu verhängen und seinen Mandanten nicht „ins Gefängnis zu stecken, den Schlüssel umzudrehen, und nach drei Jahren kommt er wieder raus“. Richtig sei es, ihm die Gelegenheit zu geben, eine achtmonatige Drogentherapie zu machen. Den Platz in einer Einrichtung in Nürnberg habe der 19-Jährige bereits, es fehle nur noch die Zusage der Krankenkasse. „Wir haben einen reuigen Angeklagten“, sagte der Anwalt. „Mein Appell an das Gericht lautet, ihm nicht diese Möglichkeit zu nehmen, ein neues Leben anzufangen.“

Dem Mahnruf entgegnete Richter Axel Müller bei der Urteilsverkündung: „Und wer gibt der Getöteten eine Chance?“ Sie habe ebenfalls Lebenspläne gehabt. „Ein Mensch wurde getötet. Wenn nicht jetzt wann dann ist eine besondere Schwere der Schuld festzustellen?“ Mit der Sanktion setze das Gericht der erzieherischen Fehlentwicklung des Angeklagten einen Gegenpol: „Der 19-Jährige soll drei Jahre lang im Jugendstrafvollzug erzogen werden.“