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Vom Aussterben bedroht

Ein Tag mit Fischern auf dem Bodensee

Bodensee / Lesedauer: 7 min

Stürmische See und starke Böen: Wenn Fischer auf den Bodensee hinausfahren, trotzen sie häufig Wind und Wetter. Ob sich das heute noch lohnt?
Veröffentlicht:26.12.2023, 19:00

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3.15 Uhr

Ein Morgen im Juli. Mein Wecker klingelt. Ich bin wahnsinnig müde, schäle mich gähnend aus meiner Decke und mache mich startklar.

4.00 Uhr

Immer noch müde. Ich sitze im Auto und fahre von Friedrichshafen nach Überlingen-Nußdorf.

4.45 Uhr

Ich treffe zeitgleich mit den Bodenseerfischern Anita Koops und Karl-Heinz (Charly) Liebsch auf einem großen, dunklen Parkplatz ein. Zusammen betreten wir das Gelände des Segel- und Motorbootclubs Überlingen. Hier liegt das Boot der beiden im Wasser. Nacheinander betreten wir den wackeligen Untergrund und fahren los.

5.00 Uhr

Das Fischerboot ist nass vom nächtlichen Sturm. Es riecht nach Benzin. Der Mond spiegelt sich im Wasser. Wir schweigen, genießen die Stille und die Einsamkeit hier draußen. „Manchmal reden wir kein Wort, bis das erste Netz im Wasser ist“, sagt Anita später. Charly stimmt ihr zu: „Der See bietet Abstand vom Trubel der Menschen. Hier hat man seine Ruhe.“ Während Charly fährt, sitzt Anita in der Mitte des Bootes, ich ganz vorn. Der Wind peitscht mir ins Gesicht. Endlich werde ich wach.

Der Sonnenaufgang in den frühen Morgenstunden ist eines der Bilder, das Anita und Charly an ihrem Beruf so sehr schätzen. Die Ruhe und Einsamkeit auf dem See lässt sie den Trubel und die Hektik des Alltags für eine gewisse Zeit vergessen.
Der Sonnenaufgang in den frühen Morgenstunden ist eines der Bilder, das Anita und Charly an ihrem Beruf so sehr schätzen. Die Ruhe und Einsamkeit auf dem See lässt sie den Trubel und die Hektik des Alltags für eine gewisse Zeit vergessen. (Foto: Stefanie Czuday)

05.10 Uhr:

„Heute versuchen wir ein paar Felchen zu fangen“, sagt Charly. Dafür haben sie zehn Schwebnetze im Wasser vor Überlingen ausgeworfen. Sie sind 120 Meter lang und sieben Meter hoch. „An ihnen haben wir zur Positionierung blaue Schwimmer aus Styropor befestigt“, sagt Charly. Ein Stück vor uns sehe ich sie auf dem Wasser tanzen. Das Boot wird langsamer.

05.12 Uhr:

Wir erreichen die Netzreihe. Charly packt mit kräftigen Händen zu. Mit der rechten Hand zieht er die Leine aus dem Wasser und legt das Netz in Schlaufen auf der linken Hand ab.

05.18 Uhr:

„Da haben wir eins“, sagt Charly – und zieht das erste Felchen an Deck. Es ist knapp 30 Zentimeter lang. „Für die Größe war es gut ernährt“, sagt er. Solche Fänge seien heute Ausnahmen, denn den Fischen fehle im Bodensee mittlerweile die Nahrungsgrundlage.

Anita und ihr Partner Charly sind seit vielen Jahren ein eingeschworenes Team. Gemeinsam trotzen sie Wind und Wetter – und dürfen sich über die ein oder andere Seeforelle freuen. Charly fischt in Vollzeit. Wie lange sie sich das noch leisten können, wissen die beiden nicht. Anita hat noch einen zweiten Job und holt die Netze vor Fischbach häufig nach Feierabend ein.
Anita und ihr Partner Charly sind seit vielen Jahren ein eingeschworenes Team. Gemeinsam trotzen sie Wind und Wetter – und dürfen sich über die ein oder andere Seeforelle freuen. Charly fischt in Vollzeit. Wie lange sie sich das noch leisten können, wissen die beiden nicht. Anita hat noch einen zweiten Job und holt die Netze vor Fischbach häufig nach Feierabend ein. (Foto: Stefanie Czuday)

05.26 Uhr:

Plötzlich kommt Zug auf das Netz. „Das könnte etwas Größeres sein“, sagt Charly gespannt und zieht weiter an dem Netz. Plötzlich ragt der Kopf einer Seeforelle aus dem Wasser. Sie ist etwa 80 Zentimeter lang. „Forellen haben rotes Fleisch. Das Vitamin A, das für diese Färbung verantwortlich ist, geben die Forellen an ihren Laich ab. Damit erhält dieser einen UV-Schutz. Danach wird das Fleisch der Mutterforelle wieder gelb“, erklärt Charly.

06.02 Uhr:

Jetzt darf ich mal ran. Charly zieht ein Felchen aus dem Wasser. Anita legt es mir samt Netz in die Hände. Es hängt ziemlich fest. Während ich zaghaft versuche, die einzelnen Netzstränge über den Kopf des Fischs zu schieben, geht es bei Anita ganz schnell. Eine ruckartige Bewegung – und das Netz ist ab.

Jetzt halte ich den Fisch in den Händen. Er ist nicht so kalt, wie ich es mir vorgestellt habe, und mit einer Schleimschicht überzogen. Plötzlich bewegt der Fisch sich mit einer Kraft, die mich überrascht. Schnell gebe ich ihn Anita, damit er nicht von Bord springt. Meine Hände sind voll glitzernder Schuppen.

Ich halte meinen ersten selbst gefangenen Fisch in den Händen.
Ich halte meinen ersten selbst gefangenen Fisch in den Händen. (Foto: Stefanie Czuday)

6.30 Uhr

Es wird stürmischer. Ab und zu zieht Charly Seeforellen und kleinere Felchen aus dem Wasser. Anita betäubt die Fische und fügt ihnen den Kehlschnitt zu, um sie ausbluten zu lassen. „So bleiben sie frisch“, erklärt sie. „Als Tierfreund war das erste Mal unglaublich hart“, erinnert sie sich. Wichtig sei vor allem, dass das Tier nicht leide. Dann werde alles schnell zur Routine. Trotzdem: „Man darf die Achtung vor dem einzelnen Tier und der Natur nicht verlieren.“

6.34 Uhr

„Schau dir das an“, sagt Anita. Charly hat einen Stichling aus dem Wasser gezogen. Der Fisch ist etwa sieben Zentimeter lang, silberfarben und hat kleine Stacheln auf dem Rücken. Anstatt Schuppen trägt er Knochenplatten auf dem Körper. Ein Problem sei er, weil er den Felchen das Futter wegfresse, sagen die Fischer. Gegessen werden könne er nicht, weil kaum Fleisch vorhanden sei.

6.40 Uhr

Blitze zucken mittlerweile über den Himmel. Der See wird unruhig. Es beginnt zu regnen. Mir wird mulmig. Ist es eine gute Idee, während eines Gewitters in einem Boot mitten auf dem See zu treiben? Anita lacht und sagt: „Wir sind schon so oft bei Gewitter und Sturm draußen gewesen, es wird nichts passieren.“ Ich entscheide mich, den beiden zu vertrauen. Etwas anderes bleibt mir auch gar nicht übrig.

Hin und wieder geht den Bodenseefischern auch mal ein Wels ins Netz. Welse sind gefährlicher, als man zunächst ahnen würde, sagt Anita. Der lange Fisch mit dem flachen Kopf und den sechs Barteln hat wahnsinnig viele kleine und schleimige Zähne. „Wenn man mit der Hand an denen hängen bleibt, ist das, als würde man sich die Haut an einem Reibeisen aufreißen“, erklärt Anita. Und diese entzünde sich ganz hervorragend.
Hin und wieder geht den Bodenseefischern auch mal ein Wels ins Netz. Welse sind gefährlicher, als man zunächst ahnen würde, sagt Anita. Der lange Fisch mit dem flachen Kopf und den sechs Barteln hat wahnsinnig viele kleine und schleimige Zähne. „Wenn man mit der Hand an denen hängen bleibt, ist das, als würde man sich die Haut an einem Reibeisen aufreißen“, erklärt Anita. Und diese entzünde sich ganz hervorragend. (Foto: Stefanie Czuday)

6.50 Uhr

Die Netze sind leer. Charly schaut skeptisch auf die kleine, mit Eiswürfel gefüllte Kühlbox zu seinen Füßen und seufzt: „Vor zehn Jahren hatten wir pro Netz eine Kiste. Jetzt reicht so ein Ding für einen Tagesfang.“ Dieser muss nun präpariert werden.

7.26 Uhr

In Anitas und Charlys Fischküche wird der Fang verarbeitet. Mit einem geübten Schnitt trennt der Berufsfischer das Seeforellenfilet vom Rest des Fischkörpers.

7.39 Uhr

Die Felchen werden ausgenommen. „Alles, was zu mager ist, wird filetiert. Die größeren Felchen werden geräuchert“, erklärt Charly. Anita sticht in den After, zieht das Messer bis zur Kieme nach oben und entnimmt die Innereien. Dann säubert sie mit einem kräftigen Wasserstrahl die Niere, die sich wie ein Schlauch den Rücken entlang zieht. Besondere Vorsicht sei bei der Gallenblase geboten. Bei einer Verletzung verursache das Innere einen bitteren Geschmack.

Immer Donnerstag von 17 bis 20 Uhr verkaufen Anita und Charly ihren Fisch in Fischbachs Fischerstraße. Neben ihrem eigenen Fang müssen die beiden mittlerweile vom Züchter zukaufen, denn die Zahl der gefangenen Fische hat über die Jahre stark nachgelassen. Schuld daran sind nicht nur Stichling und Kormoran, sondern auch der mittlerweile nährstoffarme Bodensee.
Immer Donnerstag von 17 bis 20 Uhr verkaufen Anita und Charly ihren Fisch in Fischbachs Fischerstraße. Neben ihrem eigenen Fang müssen die beiden mittlerweile vom Züchter zukaufen, denn die Zahl der gefangenen Fische hat über die Jahre stark nachgelassen. Schuld daran sind nicht nur Stichling und Kormoran, sondern auch der mittlerweile nährstoffarme Bodensee. (Foto: Stefanie Czuday)

7.42 Uhr

Mit einem Messer entschuppt Charly die Felchen. Anhand der Schuppen könne man herausfinden, wie alt der Fisch sei. Das funktioniere wie bei einem Baum. „Im Sommer machen die Felchen einen Wachstumsschub, da sind die Jahresringe auf den Schuppen weiter auseinander als im Winter“, erklärt Charly. Diese seien etwa fünf Jahre alt. Nun werden sie über Nacht in Salzlake eingelegt.

8.10

Der gefangene Fisch ist verarbeitet und aufgeräumt. Jetzt wird noch geputzt. Anita stellt in der Küche ihren eigenen Brotaufstrich her. Am nächsten Abend verkaufen die beiden ihren gefangenen Fisch in Fischbach am Hafen.