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Telekomareal und Bebauung Langes Feld

Mehr als 300 neue Wohnungen erfordern so manchen Kompromiss

Friedrichshafen / Lesedauer: 4 min

Durch zwei sehr unterschiedliche Bebauungspläne soll neuer Wohnraum entstehen. Eigentlich gut für Friedrichshafen, sollte man meinen. Doch beide Pläne stoßen auf Kritik.
Veröffentlicht:21.11.2023, 19:00

Von:
  • Jens Lindenmüller
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In seiner Sitzung am Montag hat der Gemeinderat in Friedrichshafen den Weg für mehr als 300 neue Wohnungen geebnet ‐ verteilt auf zwei Vorhaben. Beide stoßen auf Kritik. Und machen deutlich, in welchem Spannungsfeld sich Stadt und Gemeinderat bewegen, wenn es darum geht, möglichst viel neuen Wohnraum mit möglichst wenig Konfliktpotenzial zu schaffen.

Es geht um die Bebauung des ehemaligen Telekom-Areals in der Müllerstraße und um das Baugebiet Langes Feld im Norden von Jettenhausen. Das Bauvorhaben der Betz Baupartner GmbH für das ehemalige Telekom-Areal beschäftigt Stadtverwaltung und Gemeinderat bereits seit mehr als fünf Jahren. Bis zur Umsetzung werden sicherlich noch mindestens weitere fünf Jahre vergehen. Denn die Stadt wird in Bestandsgebäuden zunächst Geflüchtete unterbringen.

Möglichst viel Wohnraum auf möglichst wenig Fläche

Es ist ein Projekt, das dem, was politisch gefordert ist, in der Theorie ziemlich nahe kommt: Nachverdichtung im Innenbereich mit möglichst viel Wohnraum auf möglichst wenig Fläche. Auf dem insgesamt 9.500 Quadratmeter großen Gelände sollen drei neue Gebäude mit 96 Wohnungen entstehen. Der Anteil versiegelter Fläche soll zugunsten eines grünen Innenhofs sogar kleiner werden als aktuell. Konfliktfrei ist das Vorhaben aber auch nach mehreren Planänderungen des Investors nicht. Ganz im Gegenteil.

Ein Vorhaben der Innenentwicklung, das Stadt und Gemeinderat bereits seit fünf Jahren beschäftigt: die Bebauung des ehemaligen Telekomareals an der Müllerstraße. (Foto: pek)

Die Kritik von Anwohnern, die vor allem auf die baulichen Ausmaße, aber auch eine Verschärfung der Verkehrs- und Parksituation in der Müllerstraße abzielt, können viele Mitglieder des Gemeinderats durchaus nachvollziehen. Während aber für die einen, etwa Martin Eble von der CDU, der „dringende Bedarf an Wohnungen im Vordergrund“ steht, lehnen andere das Projekt ab.

„Affront gegen Umgebungsbebauung“

SPD-Rat Heinz Tautkus gab zu verstehen, dass seine Fraktion natürlich für Nachverdichtung sei. Aber nicht, wenn dafür „städtebauliche Grundsätze verraten“ würden. Konkret der Grundsatz, dass sich ein solches Projekt in den Bestand einfügen muss. Ähnlich sieht man das beim Netzwerk, für das Philipp Fuhrmann das Vorhaben erneut als „Affront gegen die Umgebungsbebauung“ bezeichnete. Letztlich stimmte die Mehrheit der Rätinnen und Räte aber für die Aufstellung eines Bebauungsplans.

Dasselbe gilt für den Bebauungsplan Langes Feld nördlich von Jettenhausen. Ein Vorhaben mit gänzlich anderen Voraussetzungen. Der vier Hektar große Teilbereich Langes Feld Ost, auf dem Mehrfamilienhäuser, aber auch Doppel- und Reihenhäuser gebaut werden sollen, befindet sich im unbebauten Außenbereich. Die Stadt selbst ist Eigentümerin der Grundstücke oder besitzt eine Kaufoption für solche.

Kein Modell für die Zukunft

Neuen Wohnraum schaffen mit einer Bebauung, die städtebaulichen Zielvorgaben entspricht, ließe sich hier schneller und einfacher umsetzen. Das Problem: Bauen auf der grünen Wiese soll kein Modell der Zukunft mehr sein. Innen- vor Außenentwicklung lautet die Devise. Weshalb auch dieses Projekt auf Kritik stieß. Wobei die meisten Fraktionen die Meinung vertraten, dass es ganz ohne Außenentwicklung eben noch nicht geht. CDU-Rat Martin Eble verwies dabei auch auf das Telekom-Areal, das gezeigt habe, wie viel Zeit Nachverdichtungsvorhaben im Innenbereich in Anspruch nehmen können.

Grüne wollen stärker verdichten

Dass sich insbesondere die Grünen schwer mit einem solchen Projekt tun, liegt auf der Hand. Die Stadt befinde sich gerade an einem Wendepunkt, stellte Ulrich Heliosch fest. Weg vom Flächenverbrauch, hin zur Flächenkreislaufwirtschaft. Und so dürfte dieser Bebauungsplan wohl auch einer der letzten dieser Art sein, dem die Grünen noch zugestimmt haben ‐ allerdings nicht, ohne zuvor einen mehrteiligen Antrag gestellt zu haben. Ihr Ansinnen, die Bebauung stärker zu verdichten, auf rund 60 Wohneinheiten je Hektar, also 240 insgesamt, stieß mehrheitlich auf Zustimmung.

Keine Zustimmung für das gesamte Vorhaben gab’s vom Netzwerk. Philipp Fuhrmann verwies auf bereits angestoßene Projekte, die vorangetrieben werden sollten, bevor neue Flächen versiegelt werden. Zudem fühlen sich Fuhrmann und seine Fraktionskollegen auch nicht Verträgen verpflichtet, die geschlossen wurden, bevor das Netzwerk dem Gemeinderat angehörte. Damit meinte Fuhrmann jene Verträge, die der Stadt nur noch bis Ende 2026 die Option auf einen Erwerb von Grundstücken im Plangebiet sichern. Weshalb bei diesem Bebauungsplan Eile geboten ist.

ÖDP will Industrie in die Pflicht nehmen

Kritik kam auch von der Fraktion ÖDP/parteilos. „Wir haben genug versiegelte Flächen in Friedrichshafen“, konstatierte Marion Morcher ‐ und gab zu verstehen, dass endlich die Industriebetriebe dazu verpflichtet werden sollten, auf ihren üppigen Parkplatzflächen Wohnraum für ihre Beschäftigten zu schaffen.